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Der größte Börsengang aller Zeiten – und die großen Banken sind kaum beteiligt. Wie SpaceX die Wall Street zu Bittstellern degradiert hat
Es ist ein Auftrag, den man als Investmentbank nicht ablehnen kann. Genau das ist wahrscheinlich das Problem beim anstehenden Börsengang von SpaceX. Die gewaltige Größe des IPOs hat, so schreiben mehrere Medien, offenbar die Kräfte verschoben – weg von den Banken hin zum Unternehmen, mit der Folge, dass SpaceX wohl so viel Macht auf die Banken ausüben kann wie noch kein Konzern zuvor. Brancheninsider berichten von erstaunlich geringen Gebühren, wenig Kontrolle und extrem hohen Risiken.
Damit befindet sich die Stimmungslage in der Bankenwelt diametral zu der an den Märkten. Dort herrscht pure Euphorie – der Börsengang soll mehrfach überzeichnet sein. Bei den Bankern hingegen überwiegen die Sorgen, denn: Sollte der Börsengang holpern, werden die Kreditinstitute die Kritik abbekommen. Warum war man hier so naiv? Warum wurden Indexregeln gelockert? Warum wurden die astronomischen Bewertungen für SpaceX toleriert?
Ganz unbegründet scheinen die Sorgen nicht: Das Analysehaus Morningstar hat den fairen Wert von SpaceX auf weniger als die Hälfte der angestrebten Bewertung von 1,8 Billionen Dollar taxiert. Geht die Rechnung nicht auf, ist der Imageschaden für die begleitenden Banken groß – auch wenn sie kaum Einfluss auf den Preis der Aktie und das Verfahren des Börsengangs hatten.
SpaceX hat seinen begleitenden Banken einer Vereinbarung zufolge lediglich eine Gebühr von rund 0,75 Prozent der Emissionserlöse in Aussicht gestellt. Verkauft das Unternehmen bei einer Bewertung von 1,8 Billionen Dollar Aktien im Wert von 75 Mrd. Dollar, bedeutet das für die Banken zusammen etwas mehr als 500 Mio. US-Dollar. Das klingt nach viel – und ist es in absoluten Zahlen auch. Doch gemessen an der schieren Größe des Deals sind es allenfalls bessere Almosen.
Große Börsengänge erzielen zwar traditionell niedrigere Gebühren als der langfristige Durchschnitt von sieben Prozent für alle IPOs, den der „Economist“ angibt. Aber weniger als ein Prozent gilt in der Branche als ausgesprochen karg. Als Goldman Sachs 2010 bei der Börsenrückkehr von General Motors (GM) eine Gebühr von 0,75 Prozent akzeptierte, wurde dies seinerzeit als Gefälligkeit gegenüber der US-Regierung gewertet. Um den Autokonzern zu retten, hatte sich der Staat an GM beteiligt. Nach der Stabilisierung des Unternehmens trennte sich die Regierung wieder von ihren Anteilsscheinen.
Im Fall SpaceX dürfte für die Banken noch schmerzhafter sein, dass das Raumfahrtunternehmen ihnen die übliche Gestaltungsmacht entzogen hat. Bis zu 30 Prozent der Aktien sind für Privatanleger reserviert, den Ausgabepreis hat das Unternehmen selbst auf 135 Dollar je Aktie festgesetzt – nach dem Prinzip friss oder stirb. Damit schrumpft der Handlungsspielraum der Berater bei der Zuteilung von Aktien auf ein Minimum.
Das ist eine dramatische Umkehr früherer Verhältnisse. Viele Jahre konnten Banker IPOs gezielt unterbewertet auf den Markt bringen, damit ausgewählte Käufer vom Kurssprung am ersten Handelstag profitierten. Seit 1980 betrug das durchschnittliche Kursplus am ersten Handelstag 19 Prozent – im Rekordjahr 1999, auf dem Höhepunkt des letzten Tech-Booms, erreichte es sogar 71 Prozent. Die Emittenten, wie theoretisch auch SpaceX, hatten keine andere Wahl, als das zu akzeptieren. Ein bewusst niedrig angesetzter IPO-Preis gab den Firmen immerhin eine günstige Gelegenheit, um sich wohlgesonnene Analystenberichte zu „erkaufen“ – selbst wenn das niemand offen zugeben würde. Investmentbanking und Research-Abteilung sind bei den Instituten schließlich formal getrennt.
Ausweichoptionen gab es wenige. Und die, die es versuchten, fielen damit oft auf die Nase. Das letzte bekannte Beispiel war Coinbase 2021, das ein Direct Listing (ohne Emissionsbank) an der Börse versuchte. Doch der Start verlief so holprig, dass es bislang kein vergleichbares Unternehmen wieder probierte. Wohl auch deshalb wollte SpaceX nicht gänzlich auf Emissionsbanken verzichten.
Banker fürchten laut „Economist“ bereits, dass sich durch SpaceX ein gefährlicher Trend entwickeln könnte. Firmen bleiben noch länger in privater Hand, bis sie eine entsprechende Größe erreicht haben, um den Türsteher – die Bankenwelt – zu umgehen.