Textilbranche: Startup-Gründer: „Altkleider verbrennen ist das Primitivste, was man machen kann“

Eine neue EU-Verordnung verbietet großen Modeproduzenten, Textilien zu vernichten. Profitieren könnte davon Lars Conzendorf. Sein Start-up wandelt Altkleider in ein vielseitiges Granulat um

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Eine neue EU-Verordnung verbietet großen Modeproduzenten, Textilien zu vernichten. Profitieren könnte davon Lars Conzendorf. Sein Start-up wandelt Altkleider in ein vielseitiges Granulat um

Jedes Jahr landen 120 Mio. Tonnen Kleidung im Müll – 80 Prozent davon auf Deponien oder in Verbrennungsanlagen. Nur ein Prozent wird zu neuen Fasern recycelt. Seit dem 19. Juli ist die Vernichtung unverkaufter Textilien für Großunternehmen in der EU per Gesetz verboten: Die neue EU-Ökodesign-Verordnung ESPR zwingt Modemarken erstmals, Überbestände und Retouren in den Kreislauf zurückzuführen, statt sie zu schreddern. Für das Kölner Startup CRCL könnte dieser Stichtag der entscheidende Schub sein. 

Mitgründer Lars Conzendorf, zuständig für Business Development, und sein Team haben ein Verfahren entwickelt, das aus Alttextilien – genau jener Ware, die bisher planmäßig in der Verbrennungsanlage landete – ein industriell verwertbares Kunststoffsubstitut macht. Ein Gespräch über Gesetze mit Schlupflöchern, die Frage, ob Recycling wirklich besser ist als Verbrennen – und wie man sich lukrativ gegen 120 Mio. Tonnen Textilmüll stemmt.

CAPITAL: Herr Conzendorf, ab diesem Sonntag ist die Vernichtung unverkaufter Kleidung für Großkonzerne in der EU verboten. War das eine Überraschung?
LARS CONZENDORF: Für uns auf gar keinen Fall. Wir scannen den Markt seit Jahren, EU-Regulatorik ist für uns ein zentrales Thema. Die meisten solcher Gesetze und Verordnungen bekämpfen Symptome, nicht die Ursache, denn die lautet Überproduktion. Dennoch haben solche Schritte und drohende Strafgebühren eine gewisse Signalwirkung und zwingen Unternehmen zum Handeln. Auch wenn Strafgebühren bei zu geringer Höhe oft eingepreist werden, ohne dass sich wirklich etwas ändert.

Was genau wird verboten – und was nicht?
Unverkaufte Ware darf nicht mehr vernichtet werden: weder verbrannt noch deponiert. Kleidung, Schuhe, Bekleidungszubehör. Ausdrücklich erwähnt werden auch Retouren. Dafür gibt es zehn Ausnahmen, etwa wenn die Reparatur „nicht kosteneffektiv“ ist oder Spendenangebote erfolglos blieben. Beides ist interpretierbar. Ebenso ausgenommen sind Kleinstunternehmen, also solche mit unter 50 Beschäftigten und maximal zehn Millionen Euro. Das hat seinen marktwirtschaftlichen Sinn, birgt aber das Risiko schlauer Konzernstrukturierung.

Wer zahlt am Ende – und wie?
Bisher zahlt beispielsweise die Stadt Köln, wenn man als Verbraucher Altkleider in den Container wirft. Künftig werden die großen Marken zur Kasse gebeten – das regelt die sogenannte Erweiterte Herstellerverantwortung. [EPR: ab 2027 EU-weit verpflichtend einzuführendes System, das Textilhersteller an Sammel- und Recyclingkosten beteiligt]. Das läuft über Mittlerorganisationen, die das Bindeglied darstellen zwischen beispielsweise Adidas als Produzent eines Deutschlandtrikots, dessen Käufer und Trägers sowie den sammelnden und sortierenden Betrieben.

Und wer stellt sicher, dass das kein zahnloser Ablasshandel wird?
Idealerweise wird das ökomoduliert: Wer Fast Fashion produziert, zahlt höhere Sätze als Produzenten, die auf Qualität und Naturmaterialien setzen. Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Wie viel Lobbydruck hat die Modeindustrie? Was wird am Ende wirklich in diese Gebühren reinverhandelt? Da wird es noch spannend.

Wie kommt man auf die Idee, sich mit einem Start-up in dieses Business zu stürzen?
Das klingt skurriler, als es ist. Ich habe familiär einen Bezug zur Kreislaufwirtschaft: Mein Vater ist Vorstand bei Remondis, unser Investor war CEO von PreZero, der Entsorgungssparte der Schwarz-Gruppe, und wir wollen als junge Gründer gemeinsam etwas für die Zukunft tun. Aber es ist trotzdem eine Garagengeschichte. Für den allerersten Prototyp haben wir im Küchenmixer Altkleiderreste zerkleinert und vermischt mit Kleber aus dem Internet in eine Gipsform gegossen. Aus dem daraus entstandenen Kleiderbügel ist die ganze Idee entsprungen.

Was wandert für das Granulat in die mittlerweile großen Schredder hinein?
Alttextilien der schlechtesten Qualitätskategorie 4, die für Second Hand ungeeignet sind und bisher direkt auf der Deponie oder im Verbrennungsofen landeten. Das Besondere: Unser mechanischer Prozess verarbeitet Mischfasern – Polyester, Elastan oder Baumwolle – in einem Schritt. Diese Mischfasern sind für andere Lösungsansätze, etwa die Gewinnung neuer Garne, oft eine große Herausforderung, weil sie sich nicht oder nur sehr aufwendig trennen lassen. Wir haben eine Lösung für eben dieses globale Mischfaserproblem.

Und heraus kommt?
Ein Granulat namens Apatura, das im Spritzgussverfahren zu Endprodukten weiterverarbeitet werden kann: Sitzschalen, Kleiderbügel, Aufbewahrungsboxen. Mit laut unserer Berechnung 50 Prozent weniger CO₂ als konventioneller Neukunststoff. In einem Pilotprojekt haben wir gemeinsam mit Vitra eine Sitzschale entwickelt, die als Referenz beweist, dass unser Granulat hohen industriellen Qualitätsanforderungen standhalten kann. Der Endkonsument hat uns noch nicht im Regal gesehen. Das kommt.

Bei 120 Mio. Tonnen Textilmüll weltweit jährlich, bleibt das nicht ein Tropfen auf dem glühend heißen Stein?
Das würde ich so nicht sagen, aber ich sehe uns als Pioniere. Und man muss bedenken, worum es geht: Eine Tonne Altkleider in einer deutschen Verbrennungsanlage erzeugt zweieinhalb Tonnen CO₂. Jede Tonne, die wir herausziehen, spart das. In anderen Teilen der Welt, wo es keine Hochleistungsverbrennungsanlage gibt, sind die Umwelteinflüsse noch massiver.

Wäre Verbrennung mit maximaler Energierückgewinnung trotzdem die effizientere Lösung?
Auf gar keinen Fall. Baumwolle wächst in Ländern mit extremem Wasserstress. Diese ressourcenintensive Faser anzubauen, zu färben, um die halbe Welt zu schicken – und sie dann für Strom oder Wärme quasi „verpuffen“ zu lassen, ist keine Antwort. Dafür sind wir mit Windkraft und Sonnenenergie auf gutem Weg. Altkleider zu verbrennen, ist das Primitivste, was wir damit machen können.

Was müsste politisch noch kommen – über das Vernichtungsverbot hinaus?
Die Modeindustrie muss aufhören, das Problem in die Kreislaufwirtschaft zu schieben. Was wirklich helfen würde, ist eine progressive Bepreisung: Wer das erste T-Shirt auf den Markt bringt, zahlt eine Gebühr – aber wer das millionste bringt, zahlt deutlich mehr. Um zu verhindern, dass überhaupt so viele Textilien entstehen. Es muss eine Begrenzung der Produktionsmengen geben!

Kaufen Sie selbst noch Fast Fashion?
Nein, schon lange nicht mehr. Ich weiß, wie viele Kollektionen manche Marken im Jahr herausschießen. Was da vor Ort unter welchen Bedingungen passiert, das entspricht nicht mehr den Menschenrechten. Also bestelle ich meine Garderobe fast ausschließlich über Second-Hand-Plattformen wie Vinted. Und das auch nicht sehr oft.

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