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Wenn der Dollar das Blut der Weltwirtschaft ist, dann betreiben die USA extremes Eigenblutdoping. Das gefährdet das Finanzsystem und ist verknüpft mit den hohen Bewertungen der Techaktien. Ein Crash würden auch uns treffen
So wichtig wie das Verständnis für das, was ist, ist an den Finanzmärkten auch die Kenntnis von dem, was nicht ist – aber sein könnte.
Umsatz, Gewinne, Verluste und alle anderen Meldungen rund um das Geschäft sind gut und wichtig, aber sie sind immer auch schnell passé. Im Moment der Veröffentlichung sind sie schon der Blick in den Rückspiegel. Was kommt oder kommen könnte, was in der Zukunft liegt und damit noch unsicher ist, im Guten wie im Schlechten, das ist die Königsdisziplin. Hier beginnt der Job der Risikomanager, die die Zukunft abtasten auf das, was wird und werden könnte. Ihre Welt teilen sie in zwei Kategorien: das bekannte Unbekannte und das unbekannte Unbekannte.
Was vielleicht etwas rätselhaft klingt, hat in dieser Woche mit aller Wucht zugeschlagen: Die Furcht vor einer Schuldenkrise hat die Märkte gepackt, ausgelöst vielleicht durch eine Zahl: eine Billion US-Dollar, 1000 Milliarden, so viel Geld werden die USA in diesem Jahr erstmals für Zinszahlungen auf ihre Staatsschulden ausgeben. 1000 Milliarden, das ist etwa das Doppelte des deutschen Bundeshaushalts jedes Jahr, und das nur für Zinsen – auf nunmehr 40 Billionen Dollar Schulden allein der US-Bundesregierung.
Was auf hiesige Freunde der soliden Haushaltsführung schon furchteinflößend genug wirken dürfte, wurde jedoch noch verstärkt durch eine weitere Nachricht: Das US-Finanzministerium kündigte an, bereits ausgegebene langlaufende Staatsanleihen mit einer Frist von 10 bis 30 Jahren zurückzukaufen – Achtung: finanziert durch neue kurzlaufende Staatsanleihen. Also neue Schulden, nur ein bisschen niedriger verzinst.
Hinter der Operation steckt ein simples Kalkül: Die 30-jährigen US-Staatsanleihen versprechen inzwischen eine Rendite von etwa 5,25 Prozent – das klingt für Anleger verlockend, ist aber ein klares Krisensignal. Es ist der höchste Wert seit mehr als 20 Jahren, und damals lag die Gesamtverschuldung der USA bei 7,4 Billionen Dollar. Also schichtet US-Finanzminister Scott Bessent lieber um in kurzfristige Schulden, die ihn nun knapp 4 Prozent kosten.
Gewissermaßen eine Form des Eigenblutdopings, nur eben mit den Staatsfinanzen.
Es war diese Kombination – eine gewaltige Zahl und eine obskure Aktion – die in dieser Woche für ein massives und tiefes Unbehagen sorgte. Die Reaktionen der Märkte weltweit auf diese beiden Nachrichten hat mein Kollege Stefan Schaaf kenntnisreich wie immer analysiert. Die Investorenlegende Mohammed El Erian, sonst der oberste Diplomat der Börsen, kommentierte die Entwicklung ungewohnt drastisch: Bessents Vorgehen „könnte den Anfang einer grundlegenden ökonomischen Verschiebung markieren“. Politisch und militärisch haben die USA unter Trump ihren Status als Stabilitätsanker der Welt schon verloren, nun steht er auch wirtschaftlich auf der Kippe.
Die spannende Frage lautet jetzt: Warum überhaupt diese scharfe Reaktion? Immerhin ist die Schuldenorgie in den USA keinesfalls neu, im Gegenteil, seit Jahren wird vor ihr gewarnt. Und ebenso regelmäßig kommen dann die Beschwichtiger und versichern: Was soll denn schon passieren? Notfalls drucken die USA einfach noch mehr Geld, sie können es ja. Sind die US-Schulden also, um in der Welt der Risikomanager zu bleiben, eine bekannte Unbekannte? Also ein Risiko, von dessen Existenz man immer weiß, und das man deshalb immer irgendwie auch ein bisschen einpreist?
Oder sind die Schulden eher eine unbekannte Unbekannte, also ein Risiko, das man bisher gar nicht richtig auf dem Schirm und nicht richtig verstanden hatte? An der Antwort auf diese beiden Fragen entscheidet sich, ob den Märkten ein veritabler Crash bevorsteht oder vielleicht nur ein bisschen nervöses Hin und Her – wie so oft in den vergangenen Jahren.
Auf den ersten Blick gilt sicher ersteres: Die Schulden sind bekannt, sie sind größenwahnsinnig wie so vieles in dem Land – aber die USA besitzen auch die Hoheit über ihre Währung, immer noch die wichtigste der Welt. Was dafür sprechen würde, dass diese Woche noch keinen wirklichen Crash und keine Finanzkrise auslöst. Sondern, wie El Erian sagt, eher eine langsame tektonische Verschiebung, deren Ausmaß und Folgen man erst in einigen Jahren so richtig erkennen wird.
Das ist die konstruktive Interpretation. Wäre da nicht noch die zweite Dimension der amerikanischen Schuldenorgie: Der gigantische Anstieg der US-Unternehmensschulden, die zudem unmittelbar mit den hohen Börsenbewertungen verknüpft sind. Allein die drei Tech-Konzerne Meta, Alphabet und Amazon haben in den vergangenen zwölf Monaten 150 bis 200 Mrd. Dollar an Krediten aufgenommen, um den Bau weiterer KI-Rechenzentren zu finanzieren. Zusammen kommen die sieben großen Tech-Konzerne – neben den dreien oben noch Apple, Microsoft, Nvidia und Tesla – auf eine offene Verschuldung von 500 bis 600 Mrd. Dollar. Dazu passend verkündete Nvidia erst in der vergangenen Woche, sich und seinen Kunden weitere 500 Mrd. Dollar an Finanzierungslinien für neue KI-Chips und Rechenzentren gesichert zu haben. Und das Wall Street Journal rechnete dieser Tage vor, die Verbindlichkeiten und Finanzierungszusagen allein dieser sieben Konzerne summierten sich inzwischen auf 3 Billionen US-Dollar, der Großteil davon nicht offen in der Bilanz ausgewiesen.
Ob sich diese gigantischen Investitionen in KI-Chips und -Rechenzentren jemals auszahlen werden, ist eine heiße Wette – und für die Risikomanager ein bekanntes Risiko, das sie ebenfalls in ihre Kalküle einberechnet haben. Dazu empfehle ich Ihnen auch unser Interview mit dem Fondsmanager Johannes Hesche vom Vermögensverwalter Acatis.
Die unbekannte Größe in diesem Billionen-Spiel aber könnte sein, wie sich Staats- und Unternehmensschulden zusammen verhalten, wenn Investoren langsam nervös werden und sich bei neuen Anleihen zunehmend zurückhalten. Was, wenn sich nur ein Unternehmen in dieser gigantischen KI-Maschine verhakt und mit schlechten Zahlen Zweifel weckt, ob die Investitionen wirklich aufgehen werden?
Die hohen Schulden und die aufgeblähten Aktienbewertungen, die Bankbilanzen und der immer größere Kreditmarkt außerhalb der Bankbilanzen in den USA sind inzwischen eine undurchsichtige, aber intuitiv toxische Kombination. Das ist vielleicht die größte unbekannte Unbekannte in diesem Schuldenräderwerk, das die US-Wirtschaft noch antreibt – und die Börsen und die Märkte auch hierzulande bewegt.
Denn wir können leicht behaupten, mit diesem verrückten Spiel hätten wir wenig bis nichts zu tun. Aber das stimmt leider nicht: Die Weltwirtschaft ist heute noch enger verflochten als bei der letzten großen Finanzkrise 2008/2009. Eine echte Vertrauenskrise in die Solidität der US-Wirtschaft würde die ganze Welt heftig zu spüren bekommen, nicht nur in den Depots, sondern auch in vielen Unternehmen und Werkshallen. Dazu empfehle ich Ihnen zum Abschluss unsere Titelgeschichte aus der neuen Ausgabe von Capital: Wir haben überprüft, was dran ist an der Hoffnung auf einen Aufschwung in Deutschland – ab morgen am Kiosk, jetzt schon online. Kleiner Spoiler: Auch hier spielen die USA eine wichtige Rolle.
„Our dollar, but your problem“, hatte US-Finanzminister John Connally seinen Amtskollegen aus Europa und Japan beschieden, nachdem sein Präsident Richard Nixon 1971 das Bretton-Woods-System beendet hatte. Dieser Satz gilt heute mehr denn je.