Ein Meister der Macht, weniger der Software: Die geheime, zwielichtige Lobby hinter Palantirs größtem Gesundheitsdeal

Die Software von Palantir sollte das britische Gesundheitssystem (NHS) für 330 Millionen Pfund modernisieren. Doch statt Effizienz erleben Mitarbeiter lange Ladezeiten – so lange, dass sie sich währenddessen erst einmal einen Kaffee kochen. Das geht aus einer umfangreichen Untersuchung des Journalisten Peter Geoghegan von Democracy for Sale hervor, die in der London Review of Books veröffentlicht wurde. Doch die mangelhafte Software ist nicht der eigentliche Skandal. Weitaus brisanter ist die Frage, wie Palantir den milliardenschweren Auftrag überhaupt erhielt. Die Recherchen zeichnen das Bild eines weit verzweigten Lobby-Netzwerks, politischer Einflussnahme und einer Ausschreibung, deren Spielregeln offenbar zugunsten des Unternehmens geschrieben wurden.

Ein Lobby-Netzwerk mit brisanter Vergangenheit

Als Palantir um das Jahr 2010 den britischen Markt erobern wollte, suchte das Unternehmen gezielt nach einer Lobbyagentur mit besten politischen Verbindungen. Die Wahl fiel auf Global Council, gegründet von keinem Geringeren als Peter Mandelson, der kurz zuvor aus der britischen Regierung ausgeschieden war. Palantir wurde praktisch über Nacht zu einem der wichtigsten Kunden der Agentur.

Der Auftrag lief intern unter dem Decknamen „Project Onion“. Palantir wollte verhindern, dass selbst Mitarbeiter wussten, dass das Unternehmen von Global Council vertreten wurde. Das war offenbar kein Zufall: Aufgrund der äußerst lockeren Lobbygesetze im Vereinigten Königreich besteht eine Registrierungspflicht nur dann, wenn ein Lobbyist direkt mit einer konkreten Forderung an einen Minister herantritt. Politische Netzwerke pflegen, Veranstaltungen organisieren, Minister einladen oder Kontakte vermitteln fällt hingegen nicht darunter.

So blieb Global Council vier Jahre lang als Lobbyvertretung für Palantir unsichtbar – bis ein Nachwuchsmitarbeiter versehentlich eine E-Mail an einen ranghohen Beamten schickte und dadurch eine offizielle Registrierung notwendig wurde.

Zusätzliche Brisanz erhält die Geschichte durch die engen Verbindungen von Global Council zu Jeffrey Epstein.

Die Ausschreibung: Wer die Regeln schreibt, gewinnt

Der eigentliche Coup bestand offenbar nicht darin, die Ausschreibung zu gewinnen, sondern an ihrer Ausgestaltung mitzuwirken.

Wie die Financial Times nachwies, enthielten die Ausschreibungsunterlagen für die Federated Data Platform auffallend viele Formulierungen, die nahezu wörtlich aus Palantirs eigenem Marketingmaterial übernommen worden sein sollen. Zwar wurde das Unternehmen namentlich nicht erwähnt, doch Branchenkenner konnten laut Bericht sofort erkennen, wer mit diesen Anforderungen gemeint war.

Geoghegan beschreibt dieses Vorgehen als klassische „Drehtür-Konstruktion“. Palantir und Global Council stellten gezielt ehemalige Mitarbeiter des NHS sowie Personen aus Politik und Verwaltung ein. Mit ihnen kamen wertvolle Kontakte, Netzwerke und Insiderwissen. Da es im Vereinigten Königreich kaum gesetzliche Einschränkungen für solche Wechsel gibt, konnte dieses System weitgehend ungehindert funktionieren.

Die Software: teuer, langsam und kaum einsatzfähig

Auch das eigentliche Produkt überzeugt offenbar nicht.

Die Federated Data Platform, die Gesundheitsdaten aus Krankenhäusern, Hausarztpraxen und Apotheken zusammenführen soll, arbeitet laut internen Berichten so langsam, dass Datenanalysten ihre Arbeit kaum effizient erledigen können.

Beiträge in einem geschlossenen NHS-Forum zeigen zudem, dass Mitarbeiter teilweise wochenlang auf Antworten von Palantir zu technischen Problemen warten mussten. Gleichzeitig dürften die tatsächlichen Kosten des Projekts die offiziell genannten 330 Millionen Pfund deutlich übersteigen.

Einmal im System – kaum noch ein Ausweg

Palantir verfolgt eine Strategie, die in der Technologiebranche als „Land and Expand“ bekannt ist.

Dabei werden Produkte zunächst kostenlos oder zu besonders günstigen Konditionen eingeführt – wie beim NHS oder im Projekt zur Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge. Sobald Behörden ihre Abläufe auf die Software umgestellt haben und von ihr abhängig geworden sind, folgen deutlich umfangreichere und teurere Verträge.

Der britische Rechnungshof kam bereits zu dem Schluss, dass das Flüchtlingsprojekt kein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bot.

Da sämtliche NHS-Daten inzwischen auf Palantirs eigener Plattform gespeichert und verarbeitet werden, wäre ein Wechsel zu einem anderen Anbieter mit enormen Risiken verbunden. Nach Angaben Geoghegans räumte sogar ein ehemaliger britischer Gesundheitsminister ein, dass ihn genau diese Abhängigkeit beunruhige – nicht, weil Palantir einzelne Aufträge erhalte, sondern weil das Unternehmen dabei sei, praktisch alle wichtigen Aufträge auf sich zu vereinen.

Das Image des „bösen Genies“

Palantir hat sich über Jahre bewusst das Image eines allwissenden und furchteinflößenden Technologieunternehmens aufgebaut.

Gründer Peter Thiel, zugleich früher Investor in Elon Musks Unternehmen, äußerte wiederholt Zweifel an der Vereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus. CEO Alex Karp schrieb ausführlich über Zivilisationskonflikte und die Rolle KI-gestützter Kriegsführung. Zudem lobte er öffentlich die Zusammenarbeit mit der US-Einwanderungsbehörde ICE sowie mit der israelischen Armee.

Geoghegan kommt zu dem Schluss, dass dieses Image gezielt kultiviert wurde. Politiker innerhalb der Labour-Partei würden sich davor scheuen, Palantir entgegenzutreten, weil das Unternehmen als so mächtig und einschüchternd wahrgenommen werde, dass Widerstand nahezu aussichtslos erscheine.

Doch die Realität scheint inzwischen Risse zu bekommen.

Palantir verliert Mitarbeiter an Konkurrenzunternehmen, die Londoner Metropolitan Police verweigert die Unterzeichnung eines Vertrags über 50 Millionen Pfund, und Länder wie Dänemark und Frankreich haben bestehende Verträge nicht verlängert.

Ausgerechnet ein Unternehmen, das sich selbst als ultimative Waffe im Informationskrieg inszeniert, scheint in der Praxis bereits mit den alltäglichen Anforderungen einer Gesundheitsdatenverwaltung zu kämpfen. Für Kritiker ist genau das vielleicht das vernichtendste Urteil überhaupt.

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