Der ehemalige CIA-Analyst Larry Johnson schlägt Alarm: Europa und Russland bewegen sich seiner Einschätzung nach immer schneller auf eine direkte militärische Konfrontation zu. „Ich denke, ein Krieg mit Europa ist unvermeidlich“, sagt Johnson in einem Gespräch über die zunehmende Eskalation zwischen Moskau und den europäischen NATO-Staaten.
Dabei behauptet Johnson nicht, Russland plane einen Angriff zur Eroberung Deutschlands, Polens oder anderer europäischer Staaten. Das Problem sei vielmehr die Kombination aus immer schärferer Kriegsrhetorik, westlicher Aufrüstung, Waffenlieferungen und möglichen direkten Aktionen gegen russische Interessen. Nach Gesprächen mit mehreren russischen Militärs sei sein Eindruck eindeutig: In Moskau bereite man sich zunehmend auf den Fall vor, dass der Konflikt mit der NATO irgendwann nicht mehr auf die Ukraine begrenzt werden könne.
Die Diplomatie läuft ins Leere
Gleichzeitig schwinde auf russischer Seite das Vertrauen in Verhandlungen. Johnson sieht bei Präsident Wladimir Putin und Außenminister Sergej Lawrow eine deutliche Verhärtung. Moskau sei nach Minsk II und weiteren gescheiterten diplomatischen Anläufen zunehmend überzeugt, dass Vereinbarungen mit dem Westen keinen Bestand hätten.
Als Beispiel nennt Johnson das jüngste Gespräch zwischen Lawrow und dem deutschen Außenminister. Statt ernsthaft über gegenseitige Sicherheitsinteressen zu sprechen, habe die deutsche Seite nach seiner Darstellung im Wesentlichen bekannte Forderungen an Russland wiederholt. Johnsons Fazit: Die russische Führung rechne immer weniger damit, den Konflikt auf diplomatischem Weg lösen zu können.
Europas gefährliche Schwäche: Die Industrie
Besonders deutlich widerspricht Johnson der Vorstellung, Europa könne Russland allein aufgrund seiner größeren Wirtschaftsleistung militärisch überlegen sein. Entscheidend für einen langen Krieg seien nicht Börsenwerte oder nominales BIP, sondern Fabriken, Energie, Rohstoffe, Soldaten, Raketen und vor allem Munition.
Russland habe seine Rüstungsproduktion seit 2022 massiv ausgebaut. Europa und die USA dagegen hätten große Teile ihrer industriellen Basis über Jahrzehnte abgebaut oder ausgelagert. Eine Kriegswirtschaft lasse sich nicht einfach per Regierungsbeschluss einschalten.
Genau darin sieht Johnson eine gefährliche Fehleinschätzung: Der Westen habe Russland jahrelang als wirtschaftlich rückständig und militärisch schwach dargestellt – und drohe nun, seine eigene Propaganda zu glauben.
Russische Schiffe könnten zum Auslöser werden
Einen möglichen direkten Weg in den Krieg sieht Johnson auf See. In Europa wird zunehmend über Maßnahmen gegen die sogenannte russische „Schattenflotte“ diskutiert. Sollten europäische Staaten beginnen, russische Schiffe gewaltsam zu beschlagnahmen, könnte Moskau dies nach Johnsons Einschätzung als Kriegshandlung betrachten.
Russland könnte dann versuchen, die Schiffe zurückzuholen oder militärisch gegen Einheiten vorzugehen, die an solchen Aktionen beteiligt sind. Aus einer Sanktionsmaßnahme könnte damit innerhalb kürzester Zeit eine direkte militärische Konfrontation entstehen.
Niemand erklärt, wie dieser Krieg enden soll
Für Johnson liegt genau hier das Kernproblem der europäischen Strategie. Politiker sprechen immer häufiger über Kriegstüchtigkeit, Aufrüstung und eine mögliche militärische Konfrontation mit Russland. Doch kaum jemand erkläre, wie ein solcher Krieg tatsächlich geführt – und vor allem beendet – werden solle.
Sollen europäische Soldaten russisches Territorium besetzen? Werden Raketen auf russische Städte abgefeuert? Wie reagiert Moskau darauf? Und was geschieht, wenn eine Seite zu verlieren droht?
Johnson glaubt, dass diese Fragen nicht konsequent zu Ende gedacht werden. Russland verfügt über eines der größten Atomwaffenarsenale der Welt. Ein direkter NATO-Russland-Krieg wäre deshalb niemals nur ein gewöhnlicher konventioneller Konflikt.
Kaliningrad als gefährlicher Brennpunkt
Besonders explosiv ist für Johnson die russische Exklave Kaliningrad zwischen Polen und Litauen. Im Westen werde sie teilweise als verwundbarer Punkt Russlands betrachtet, auf den politischer und militärischer Druck ausgeübt werden könne.
Johnson hält das für brandgefährlich. Sollte Moskau den Eindruck gewinnen, Kaliningrad könne militärisch abgeschnitten oder angegriffen werden, sei mit einer massiven russischen Reaktion zu rechnen. Im äußersten Fall hält er sogar den Einsatz taktischer Atomwaffen für möglich. Das ist Johnsons Einschätzung – einen Beleg dafür, dass Russland einen solchen Einsatz konkret plant, liefert das Gespräch nicht.
Die eigentliche Gefahr heißt Fehlkalkulation
Damit läuft Johnsons gesamte Analyse auf einen Punkt hinaus: Nicht unbedingt der bewusste Entschluss zu einem großen Krieg sei die größte Gefahr, sondern die gegenseitige Fehlkalkulation.
Europa könnte glauben, Russland werde weitere Eskalationsschritte hinnehmen. Moskau wiederum könnte zu dem Schluss kommen, dass weiteres Abwarten Europa lediglich Zeit gibt, seine Streitkräfte aufzurüsten und sich auf eine spätere Konfrontation vorzubereiten.
Am Ende bleibt Johnson deshalb bei seiner düsteren Prognose: Ein größerer Krieg werde wahrscheinlicher – und die gefährlichste Front liege seiner Ansicht nach nicht im Persischen Golf, sondern in Europa.
Noch ist dieser Krieg nicht Realität. Doch je länger Diplomatie durch Aufrüstung, Drohungen und gegenseitiges Misstrauen ersetzt wird, desto größer wird das Risiko, dass irgendwann ein einziger Zwischenfall genügt, um aus dem bisherigen Stellvertreterkrieg eine direkte Konfrontation zwischen Russland und europäischen NATO-Staaten zu machen.



