Exklusiv: Weniger Joangebote für Fachkräfte – vor allem in eigentlich sicheren Jobs

Die schwierige wirtschaftliche Lage schlägt sich bei der Jobsuche nieder. Vor allem in der IT-Branche sinkt die Zahl der ausgeschriebenen Stellen. Was heißt das für Bewerber?

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Die schwierige wirtschaftliche Lage schlägt sich bei der Jobsuche nieder. Vor allem in der IT-Branche sinkt die Zahl der ausgeschriebenen Stellen. Was heißt das für Bewerber?

Es gibt Jobs, die gelten als sichere Bank. Wer in Deutschland etwa Ingenieur oder IT-Fachfrau wird, hat ausgesorgt und kann schon mal das Eigenheim planen. So jedenfalls ging über Jahrzehnte die Erzählung.

Doch die bekommt nun Risse. Das legt jedenfalls der Fachkräfteindex der Personalberatung Hays nahe. Seit dem Jahr 2015 scannt das Unternehmen Stellenanzeigen im Netz und beobachtet die Entwicklung verschiedener Branchen und Positionen. Die aktuelle Auswertung liegt Capital exklusiv vorab vor. Sie zeigt, dass branchenübergreifend die Nachfrage nach Fachkräften sinkt – vor allem nach IT-Experten und Ingenieuren. 

„Einbruch bei klassischen Engpassprofilen“

So sank die Anzahl der Stellenangebote für IT-Berater in den vergangenen drei Monaten laut Hays um mehr als 7000 Stellen. Bei IT-Sicherheitsspezialisten brach der Fachkräfteindex gar um 136 Prozentpunkte ein. Der Index berechnet sich als prozentualer Anstieg seit dem Ausgangsjahr 2015. Immerhin liegt er noch deutlich über diesem Vergleichswert. Für die meisten Positionen in der IT rangiert er im zweiten Quartal 2026 deutlich unter dem Niveau der vergangenen Jahre: Stand die Nachfrage nach IT-Entwicklern im Sommer 2025 noch bei 56 Prozent und im zweiten Quartal 2024 bei stolzen 103 Prozent, ist sie in der aktuellen Auswertung auf 50 Prozent gefallen. Unter den fünf meistgesuchten Positionen in der IT-Branche verzeichnet Hays nirgendwo einen Stellenaufbau.

„Der Einbruch bei klassischen Engpassprofilen zeigt, wie abrupt Unternehmen ihre Rekrutierungsprioritäten verschieben“, sagt Andreas Sauer, Bereichsleiter Technologie bei Hays. „Selbst IT-Security, IT-Beratung und Softwareentwicklung sind derzeit nicht vor dem Rotstift geschützt.“ Das sei jedoch kein Beleg dafür, dass diese Kompetenzen an Bedeutung verlieren, sondern dafür, dass Investitionen verschoben und deutlich selektiver eingestellt würde. „Positionen, die unmittelbar auf Projektfortschritte oder die Wertschöpfung einzahlen, werden noch gesucht“, sagt Sauer.

Für Experten ist diese Entwicklung keine Überraschung. „Wir beobachten schon seit einiger Zeit, dass die Stellen für IT-Fachkräfte weniger werden“, sagt Holger Schäfer, Arbeitsmarktökonom am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), im Gespräch mit Capital. „Das gilt insbesondere für höherqualifizierte Bewerber.“ Gleichzeitig steige die Arbeitslosigkeit in diesem Bereich. 

Nachholeffekte in Unternehmen

Wegen sogenannter Saisoneffekte ist die Vergleichbarkeit des Fachkräfteindex über zwei aufeinanderfolgende Quartale begrenzt. Gerade in den Herbstmonaten ist die Zahl der ausgeschriebenen Stellen generell höher. Vergleicht man aber den Index im gleichen Quartal über mehrere Jahre hinweg, lassen sich Trends erkennen. 

Zum Beispiel für Ingenieure. Die Nachfrage nach Bauingenieuren sinkt über mehrere Jahre stetig. Stellenangebote für Elektro- und Chemieingenieure haben einen regelrechten Einbruch erlitten: Stand der Index für Elektroingenieure im zweiten Quartal 2024 noch bei 94 Prozent, liegt er aktuell bei 18 Prozent. Für Chemieingenieure liegt er derzeit gar bei minus 63 Prozent – die Zahl der Stellenangebote ist also niedriger als im Vergleichsjahr 2015. Und sogar in der sonst so sicheren Finanzbranche sinken die angebotenen Stellen für Buchhalter, Controller, Analysten oder Finanzberater im Vergleich zum Vorjahr teils deutlich.

Es gebe keine abschließende Antwort, warum die einst so stark nachgefragten Jobs nun einbrechen, sagt IW-Ökonom Schäfer. „Da ist zum einen die allgemeine Nachfrageschwäche im vierten Jahr der Rezession. Zum anderen sehen wir womöglich Nachholeffekte.“ In den vergangenen Jahren sei die Erwerbstätigkeit trotz schwächelnder Wirtschaft nicht gesunken. Die Unternehmen hätten Arbeitskräfte gehortet, die gar nicht voll ausgelastet waren. „Inzwischen ist die Situation für manche Unternehmen aber so, dass es nicht mehr anders geht und sie Personal abbauen müssen.“

Eine dritte mögliche Erklärung: die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Bei der Entwicklung von Software und beim Programmieren machte die Technologie zuletzt große Fortschritte. Um den tatsächlichen Einfluss der Technik auf den Arbeitsmarkt zu beurteilen, sei es aber noch zu früh, sagt Schäfer. 

Bei der Jobsuche hilft Spezialisierung

Trotzdem ist es eine paradoxe Situation am Arbeitsmarkt: Während viele Unternehmen einen Mangel an Fachkräften beklagen, sinkt gleichzeitig die Zahl der ausgeschriebenen Stellen. Erst am Freitag meldete die Bundesagentur für Arbeit über drei Millionen Arbeitslose in Deutschland. Zwischen denen, die in den Job starten, und dem, was Arbeitgeber suchen, gibt es ein Mismatch.

Das legt auch der Fachkräfteindex von Hays nahe. Neue Stellen ermittelt die Personalberatung vor allem dort, wo es spezialisierte Tätigkeiten in Branchen gibt, die gerade Konjunktur haben. Im IT-Bereich ist das etwa das Jobprofil „Datenbankentwickler“. „Viele Unternehmen erkennen, dass sich KI nicht auf unzureichenden Datenstrukturen aufbauen lässt“, sagt Hays-Bereichsleiter Andreas Sauer. „Wer Datenbestände nutzbar machen und KI produktiv einsetzen will, muss in eine belastbare System- und Dateninfrastruktur investieren.“

Bewerber haben besonders dann eine Chance, wenn sie sich spezialisieren. „Man kann sich auf bestimmte Fähigkeiten, die es in einer Branche braucht, vorbereiten“, sagt IW-Ökonom Holger Schäfer. So reicht es beispielsweise nicht, einfach programmieren zu können. Man müsse den konkreten Anwendungsfall zu verstehen – dann hat man vielleicht auch der KI etwas voraus. „Je stärker das der Fall ist, desto einfacher ist es, erfolgreich zu sein.“

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