Mecca-Pakt sorgt für Schlagzeilen – doch die eigentliche Machtverschiebung findet in der Straße von Hormus statt

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Während die Welt auf den überraschend unterzeichneten Verteidigungspakt zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan blickt, könnte sich fast zeitgleich eine weit bedeutendere geopolitische Verschiebung vollziehen. Nach Einschätzung des Journalisten Pepe Escobar ist nicht der neue „Mecca-Pakt“ die eigentliche Geschichte, sondern die sich abzeichnende Neuordnung der Straße von Hormus.

Escobar beschreibt die aktuelle Lage in Westasien als einen Moment, in dem sich die „tektonischen Platten“ der geopolitischen Ordnung verschieben. Sein Ausgangspunkt ist der überraschende Auftritt des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und der pakistanischen Führung in Mekka. Dort wurde ein Verteidigungspakt unterzeichnet, der nach den bislang bekannt gewordenen Informationen eine NATO-ähnliche Beistandsklausel enthalten soll: Ein Angriff auf einen der drei Staaten soll als Angriff auf alle betrachtet werden.

Doch schon hier beginnt das Problem.

Niemand weiß, was tatsächlich unterschrieben wurde

Escobar weist mehrfach darauf hin, dass der eigentliche Vertragstext nicht öffentlich vorliegt. Die Öffentlichkeit kenne bislang nur jene Teile, die offenbar bewusst aus saudischen Quellen an die Medien weitergegeben wurden.

Was genau unter gegenseitiger Verteidigung verstanden wird, wann die Beistandsklausel greift, welche militärischen Verpflichtungen daraus entstehen und gegen wen sich der Pakt tatsächlich richtet, bleibt damit offen.

Escobar bezeichnet das Abkommen deshalb als „hazy, tricky, dodgy“ – verschwommen, heikel und undurchsichtig. Für ihn ist entscheidend, dass es keinerlei transparente Veröffentlichung des Vertrags gegeben habe. Das macht jede schnelle Interpretation problematisch. Von einer „sunnitischen NATO gegen Iran“ zu sprechen, hält Escobar ausdrücklich für falsch.

Gegen Iran ergibt der Pakt für Escobar keinen Sinn

Seine Begründung ist simpel: Pakistan ist aktuell einer der wichtigsten Vermittler zwischen Iran und den Vereinigten Staaten.

Islamabad versuche seit Wochen, die Gespräche zwischen beiden Seiten wiederzubeleben und eine Rückkehr zu dem zuvor ausgehandelten Memorandum zu ermöglichen. Gleichzeitig hätten sich die Beziehungen zwischen Pakistan und Iran zuletzt deutlich verbessert. Escobar fragt deshalb: Warum sollte Pakistan gleichzeitig einen Verteidigungspakt unterzeichnen, dessen eigentliches Ziel Iran wäre?

Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: Iran habe derzeit keinen erkennbaren Grund, Saudi-Arabien, die Türkei oder Pakistan anzugreifen. Deshalb passe die Interpretation eines gegen Teheran gerichteten Bündnisses nicht zur aktuellen Lage. Hinzu kommt, dass Pakistan nach Escobars Darstellung bereits heute hervorragend mit fast allen wichtigen Akteuren der Region vernetzt ist: mit Iran, China, der Türkei, den Golfstaaten und Washington.

Der Pakt sei daher nicht notwendig, damit Pakistan seine Rolle als geopolitische Brücke ausbauen könne – diese Rolle habe Islamabad längst.

Genau deshalb stellt Escobar eine viel grundsätzlichere Frage: Gibt es ein nicht veröffentlichtes strategisches Ziel hinter dem Vertrag?

Eine neue regionale Sicherheitsordnung

Eine mögliche Antwort sieht Escobar in der Entstehung einer eigenständigen Sicherheitsarchitektur für Westasien. Pakistan ist Atommacht. Die Türkei besitzt die zweitgrößte Armee innerhalb der NATO. Saudi-Arabien verfügt über enorme finanzielle Ressourcen.

Zusammen könnten die drei Staaten den Kern einer neuen regionalen Sicherheitsstruktur bilden, die zunehmend unabhängig von Washington funktioniert. Doch auch hier gibt es einen Widerspruch: Die Türkei bleibt NATO-Mitglied.

Escobar fragt deshalb, ob der Pakt tatsächlich der Beginn einer eigenständigen regionalen Ordnung ist – oder ob die NATO über Ankara ihren Einfluss tiefer nach Westasien und Südasien ausdehnt. Beides wäre geopolitisch bedeutend.

Die gefährlichste Frage lautet Jemen

Noch explosiver ist die mögliche Bedeutung des Paktes für den Krieg im Jemen.

Escobar erinnert daran, dass Saudi-Arabien zuletzt erneut militärisch gegen den Jemen vorgegangen sei und damit nach seiner Darstellung ein bestehendes Memorandum verletzt habe. Gleichzeitig hält Riad an der Blockade des Landes fest. Sollte Saudi-Arabien erneut einen größeren Krieg gegen Ansarallah beginnen, könnte der neue Beistandspakt theoretisch dazu benutzt werden, Pakistan und die Türkei hineinzuziehen.

Escobar bezeichnet dies ausdrücklich als spekulatives Szenario – allerdings als eines, das er für plausibel hält.

Seine zentrale Frage lautet daher: Hat Mohammed bin Salman den neuen Pakt auch deshalb vorangetrieben, um künftig bei einem erneuten Krieg gegen den Jemen militärische Unterstützung aus Pakistan und der Türkei verlangen zu können? Später im Gespräch wird diese Befürchtung allerdings relativiert.

Der zweite Gesprächspartner berichtet unter Berufung auf eigene pakistanische Quellen, Islamabad habe ausdrücklich die Aufgabe übernommen, sowohl Iran als auch Ansarallah zu versichern, dass sich der Pakt nicht gegen sie richte. Selbst ein neuer Angriff Ansarallahs auf Saudi-Arabien solle demnach keine automatische militärische Reaktion Pakistans oder der Türkei auslösen.

Er verweist darauf, dass Pakistan bereits zuvor eine saudische Aufforderung zu militärischem Eingreifen abgelehnt habe. Die pakistanische Führung habe sinngemäß erklärt, man werde versuchen, den Konflikt politisch zu lösen, sich aber nicht in den Krieg hineinziehen lassen.

Das würde bedeuten: Der öffentlich verbreitete Vergleich mit Artikel 5 der NATO könnte in der Praxis sehr viel weniger automatisch funktionieren, als der Begriff vermuten lässt.

Während alle auf Mekka schauen, verhandeln Iran und Oman über Hormus

Hier kommt Escobar zum entscheidenden Punkt.

Während Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei ihren spektakulären Verteidigungspakt präsentieren, laufen parallel Verhandlungen zwischen Iran und Oman über einen neuen Status der Straße von Hormus. Nach den Informationen, die Escobar im Gespräch wiedergibt, sei eine temporäre Vereinbarung bereits weitgehend ausgehandelt. Er spricht von einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 90 Prozent für eine Einigung.

Und deren Inhalt wäre geopolitisch weit explosiver als der Mecca-Pakt.

Iran kontrolliert hinein – Oman und Iran kontrollieren hinaus

Nach Escobars Darstellung soll der neue Mechanismus ungefähr so funktionieren: Schiffe, die in die Straße von Hormus einlaufen, würden vollständig unter iranische Regeln und Kontrollen fallen. Iran hätte damit praktisch die vollständige Kontrolle über den einlaufenden Verkehr.

Beim auslaufenden Verkehr würde zunächst Oman zuständig sein. Doch auch dort soll Iran eine übergeordnete Kontrollfunktion behalten. Escobar fasst es drastisch zusammen: hinein 100 Prozent iranische Kontrolle, hinaus möglicherweise 50 bis 70 Prozent iranischer Einfluss. Hinzu kämen Verwaltungs-, Sicherheits- und andere Gebühren.

Sollte dieses Modell tatsächlich umgesetzt werden, wäre das eine fundamentale Veränderung der bisherigen Ordnung an einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt.

Washington wäre draußen

Noch bedeutender wäre, was nach Escobars Darstellung fehlt: eine amerikanische Rolle. Die USA wären an der neuen Ordnung nicht beteiligt. Escobar geht sogar so weit zu behaupten, dass amerikanische Kriegsschiffe unter dem möglichen neuen Regime keinen freien Zugang zur Straße von Hormus mehr hätten.

Genau deshalb bezeichnet er einen solchen Vertrag zwischen Oman und Iran als faktische strategische Niederlage der Vereinigten Staaten.

Das ist der eigentliche Kern seiner Analyse. Nicht der Mecca-Pakt verändert die Machtbalance unmittelbar. Die Neuordnung von Hormus würde es tun.

Hormus war immer der Kern des Krieges

Escobar widerspricht dabei der verbreiteten Darstellung, wonach der Konflikt vor allem um das iranische Atomprogramm geführt worden sei. Nach seiner Interpretation war Hormus von Anfang an das eigentliche Zentrum. Er nennt den Konflikt einen „Ölkrieg“, einen Krieg um einen strategischen Engpass und letztlich einen Krieg um die Stabilität des Petrodollar-Systems.

Iran sei deshalb so problematisch für Washington, weil das Land nicht nur außerhalb des amerikanisch dominierten Finanz- und Sicherheitssystems operiere, sondern seine Energie zunehmend außerhalb der traditionellen Dollarstrukturen verkaufe.

Damit verbindet Escobar den Iran-Konflikt unmittelbar mit Russland und China.

Iran, Russland und China seien drei miteinander verbundene Säulen der eurasischen Integration. Druck auf Iran sei deshalb indirekt auch Druck auf Moskau und Peking.

China steht hinter den Vermittlungsbemühungen

Besonders wichtig ist dabei China.

Nach Escobars Darstellung arbeitet Peking im Hintergrund darauf hin, das ursprüngliche Memorandum zwischen Iran und den USA wiederzubeleben. China brauche stabile Handelswege und eine berechenbare Straße von Hormus. Peking unterstütze deshalb sowohl Pakistan als Vermittler als auch die Bemühungen Omans und Katars.

Die chinesische Position sei einfach: freie Navigation, Einhaltung internationaler Regeln und Rückkehr zu den bereits ausgehandelten Vereinbarungen.

Damit entsteht ein bemerkenswertes Bild.

Während Washington militärisch immer stärker unter Druck gerät, organisiert China im Hintergrund eine diplomatische Ordnung, in der regionale Staaten selbst verhandeln.

Der amerikanische militärische Spielraum schrumpft

Escobar beschreibt die militärische Situation der Vereinigten Staaten dramatisch.

Nach seiner Darstellung seien große Teile der amerikanischen militärischen Infrastruktur in Westasien schwer beschädigt. Gleichzeitig gebe es Engpässe bei Patriot-Raketen und anderen Waffensystemen. Auch die strategischen Ölreserven der USA würden nach seiner Darstellung kritisch niedrig. Er interpretiert diese Entwicklung als einen wesentlichen Grund dafür, dass Washington derzeit vor einer neuen großen Eskalation zurückschreckt.

Hinzu komme der Druck aus den Golfstaaten.

Mohammed bin Salman habe Trump nach Escobars Darstellung persönlich davor gewarnt, einen neuen Großangriff auf Iran zu beginnen, weil die Golfstaaten anschließend die iranische Vergeltung tragen müssten.

Die Botschaft sei sinngemäß gewesen: Wir werden uns für euren Krieg nicht opfern. Sollte diese Darstellung zutreffen, wäre das ein bemerkenswerter Bruch mit der bisherigen regionalen Ordnung. Denn jahrzehntelang garantierten die USA den Golfmonarchien Sicherheit.

Nun scheinen zumindest einige dieser Staaten davon auszugehen, dass Washington sie im Ernstfall nicht mehr ausreichend schützen kann.

Der Mecca-Pakt wäre dann eine Reaktion auf amerikanische Schwäche

Genau hier erhält der neue Verteidigungspakt eine völlig andere Bedeutung. Der zweite Gesprächspartner erklärt unter Berufung auf seine Quellen, Pakistan, die Türkei und Saudi-Arabien seien davon überzeugt, dass sich die Vereinigten Staaten aus der Region zurückziehen würden. Nicht freiwillig als unangefochtene Supermacht, sondern geschwächt. Der Mecca-Pakt solle deshalb helfen, das entstehende Sicherheitsvakuum zu füllen.

Weitere Staaten könnten nach dieser Darstellung folgen.

Katar werde möglicherweise Teil einer solchen Sicherheitsstruktur. Kuwait unterhalte bereits enge militärische Beziehungen zu Pakistan. Oman könnte ebenfalls enger eingebunden werden. Nur die Vereinigten Arabischen Emirate seien bislang unsicher.

Damit würde sich eine völlig neue Architektur herausbilden: Pakistan, Iran und die Türkei als militärische Schwergewichte, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten als finanzielle und wirtschaftliche Partner – und China als wichtigster außenwirtschaftlicher Gewinner.

Pakistan wird zum Drehkreuz

Der vielleicht unterschätzteste Gewinner dieser Entwicklung wäre Pakistan.

Islamabad verbindet heute Akteure, die noch vor wenigen Jahren kaum gemeinsam gedacht wurden. Pakistan verfügt über enge Beziehungen zu China, gute Beziehungen zu Iran, eine jahrzehntelange Sicherheitsbeziehung zu Saudi-Arabien und immer engere militärische Beziehungen zur Türkei.

Gleichzeitig ist Pakistan Vermittler zwischen Washington und Teheran. Das macht Islamabad zu einem möglichen Drehkreuz einer neuen regionalen Ordnung.

Nach den Quellen des Gesprächspartners seien die Beziehungen zwischen Iran und Pakistan inzwischen so eng wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Der eigentliche Gewinner heißt Iran

Wenn Escobars Informationen über Hormus zutreffen, wäre der strategische Gewinner allerdings Iran.

Teheran hätte dann etwas erreicht, was Washington jahrzehntelang verhindern wollte: eine institutionalisierte iranische Kontrollfunktion über den wichtigsten Energieengpass der Welt. Nicht nur militärisch. Nicht nur faktisch. Sondern möglicherweise durch eine Vereinbarung mit Oman diplomatisch abgesichert. Das würde den iranischen Einfluss auf die weltweiten Energieflüsse enorm erhöhen. Gleichzeitig würde Iran zu einem unverzichtbaren Akteur für China, Indien, die Golfstaaten und praktisch jeden großen Energieimporteur Asiens.

Und genau deshalb ist Hormus die eigentliche Geschichte

Der Mecca-Pakt ist spektakulär.

Drei der wichtigsten sunnitischen Staaten schließen einen NATO-ähnlichen Vertrag. Pakistan bringt Atomwaffen und militärische Stärke ein, die Türkei ihre große Armee und Rüstungsindustrie, Saudi-Arabien seine Finanzkraft.

Doch Escobars Analyse legt nahe, dass dieses Abkommen eher eine Reaktion auf die neue Realität ist als deren Ursache. Die eigentliche tektonische Verschiebung findet wenige hundert Kilometer weiter östlich statt. In der Straße von Hormus.

Wenn Iran und Oman tatsächlich einen neuen Mechanismus für die Kontrolle des Schiffsverkehrs vereinbaren und Washington dabei außen vor bleibt, verändert sich die Sicherheitsordnung des gesamten Persischen Golfs.

Dann wäre nicht mehr selbstverständlich, dass die Vereinigten Staaten die Regeln an der wichtigsten Ölroute der Welt bestimmen.

Und genau deshalb könnte der scheinbar technische Hormus-Deal langfristig bedeutender werden als jede spektakuläre Militärallianz.

Fazit: Eine neue Ordnung entsteht gleichzeitig auf mehreren Ebenen

Das Außergewöhnliche an der aktuellen Situation ist nicht ein einzelnes Abkommen.

Es ist die Gleichzeitigkeit. Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei bauen eine eigene Verteidigungsstruktur auf. Pakistan vermittelt zwischen Iran und den USA. Iran und Oman verhandeln über die praktische Kontrolle der Straße von Hormus. China unterstützt eine regional ausgehandelte Sicherheitsarchitektur.

Die Golfstaaten wollen keinen neuen amerikanischen Krieg mit Iran.

Und Washington besitzt offenbar weniger militärischen und politischen Spielraum als noch vor wenigen Monaten. Escobar sieht darin den Beginn einer grundlegenden Neuordnung Westasiens.

Noch ist vieles unklar. Der Mecca-Pakt ist nicht öffentlich. Die endgültige Hormus-Vereinbarung liegt ebenfalls noch nicht vor. Zahlreiche Aussagen im Gespräch beruhen auf nicht öffentlich überprüfbaren Quellen, und Escobar selbst betont mehrfach seine Skepsis gegenüber Teilen der ihm zugespielten Informationen.

Doch sollte sich nur ein wesentlicher Teil dieser Entwicklung bestätigen, wäre die Konsequenz enorm:

Der Nahe Osten würde sich nicht mehr länger primär um Washington organisieren. Regionale Mächte beginnen, ihre eigene Sicherheitsordnung aufzubauen – und ausgerechnet Iran könnte künftig über den strategisch wichtigsten Energieengpass der Welt verfügen.

Der Mecca-Pakt wäre dann lediglich das sichtbare Symptom.

Die eigentliche Revolution findet in Hormus statt.

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