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Die Reparaturabteilung des Imperiums – Warum Amerikas Krieger an ihrer eigenen Systemlogik zerbrechen
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Ein Cluster von Todesfällen im US-Cyber-Kommando, mitten in der heißesten Phase des Iran-Konflikts. Bloomberg berichtet, der Kongress zeigt sich „besorgt“, das Pentagon verspricht mehr Psychiater mit Sicherheitsfreigabe. Man könnte den Vorgang mit dem gewohnten Vokabular abhandeln – Arbeitsbelastung, Erschöpfung, mentale Gesundheitsversorgung – und zur Tagesordnung übergehen. Genau das aber wäre die bequemste und zugleich folgenreichste Fehllektüre des Vorfalls.
Fünf Personen, die für das Cyber-Kommando arbeiteten oder eng mit ihm in Kontakt standen, starben zwischen Anfang Juni und Anfang Juli dieses Jahres. Die Häufung war ungewöhnlich genug, dass das Kommando sie als „Suizid-Cluster“ einstufte – ein Pentagon-Begriff für Todesfälle, die in kürzeren Abständen als üblich auftreten. Offiziell bestätigt ist bislang wenig: Militärverantwortliche selbst haben nicht festgestellt, dass die Fälle in direktem Zusammenhang stehen, öffentliche Beweise für eine gemeinsame Ursache fehlen. Einer der Betroffenen wurde von seiner eigenen Familie öffentlich benannt – Technical Sergeant Kevin Stallings, Digitalanalyst am Fort Meade, gestorben einen Monat vor seinem 37. Geburtstag, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Was auch immer die einzelnen Umstände im Detail waren: Für die folgende Analyse ist das nicht der entscheidende Punkt.
Denn was hier sichtbar wird, ist kein medizinisches Problem mit politischen Nebenwirkungen, sondern ein politisches Problem, das sich medizinisch tarnt. Die Verschiebung ist so alt wie die moderne Kriegsführung selbst: Sobald das Personal einer imperialen Ordnung an dieser Ordnung zu zerbrechen beginnt, wird nicht die Ordnung befragt, sondern das Personal behandelt. Man schickt keine Analytiker, man schickt Therapeuten.
Was die Militärhacker mit den Veteranen teilen, deren erhöhte Suizidrate seit Jahrzehnten dokumentiert und nie grundsätzlich adressiert wird, ist keine gemeinsame Diagnose im klinischen Sinn, sondern eine gemeinsame Position innerhalb derselben Maschine. Beide sind Exekutionsorgane einer Politik, über deren Timing, Umfang und Sinnhaftigkeit anderswo entschieden wird. Der Infanterist trägt die Zerstörung des Krieges im Leib davon. Der Cyber-Operator trägt sie im Nervensystem davon: rund um die Uhr Eskalationsstufen mitverwalten, ohne je selbst zu entscheiden, ob eskaliert wird. Der Iran-Krieg hat die Arbeitsbelastung „sprunghaft“ erhöht, der KI-Wettlauf kommt als zweiter Beschleunigungsfaktor hinzu – eine Belastung, die strukturell erzeugt wird, deren Folgen dann individuell und medizinisch verwaltet werden sollen.
Und diese Verwaltung funktioniert nachweislich schon auf dem Papier nicht. Ein im Mai 2026 veröffentlichter Bericht des Government Accountability Office, des Rechnungshofs des US-Kongresses, attestiert dem Pentagon ein bemerkenswertes Maß an institutioneller Blindheit: Das für Suizidprävention zuständige Defense Suicide Prevention Office erhält von den Teilstreitkräften keine Daten darüber, ob die vorgeschriebenen Präventionsschulungen überhaupt absolviert werden. Heer, Marine und Marineinfanterie verfolgen die Teilnahme gar nicht regelmäßig; selbst dort, wo Daten erhoben werden, gelten sie laut GAO als „unvollständig und inkonsistent“. Keine der Teilstreitkräfte hat vollständig evaluiert, ob die Trainings überhaupt wirken. Man hat also seit über einem Jahrzehnt ein Symptom verwaltet, ohne auch nur zu wissen, ob die eigene Verwaltung ankommt – geschweige denn, ob sie hilft.
Die Zahlen dahinter zeichnen dieselbe Linie nach, die sich im Cyber-Kommando im Kleinen wiederholt: 2011, als die systematische Erfassung begann, wurden 299 Suizide in den Streitkräften gezählt. 2023 waren es 531, 2024 dann 471 – ein kurzfristiger Rückgang, der den langfristigen Trend nicht widerlegt: Die Rate beim aktiven Personal steigt seit 2011 strukturell an. Bei der Nationalgarde stieg sie zuletzt sogar um rund 13 Prozent, während aktive Truppe und Reserve leicht rückläufig waren – ein Hinweis darauf, dass Belastung und Versorgungslücken innerhalb des Systems höchst ungleich verteilt sind.
Das ist die konsequenteste Ausprägung eines Verhältnisses, das der liberalen politischen Ökonomie insgesamt eigen ist: der Mensch als disponible Ressource eines Systems, dessen zentrale Legitimationsfigur – nationale Sicherheit, Freiheit, „way of life“ – bewusst so abstrakt gehalten wird, dass sie nie an den konkreten Kosten gemessen werden muss, die ihre Verteidiger tragen. Das Landsknecht-Prinzip im digitalen Gewand: Der Söldner trägt heute keine Hellebarde mehr, sondern verwaltet Root-Zugänge zu fremder Luftverteidigung – sein Verhältnis zum Krieg, der ihn verbraucht, ist im Kern dasselbe geblieben. Der Krieg ernährt eine Klasse. Er verbraucht eine andere.
Bezeichnend ist die zeitliche Logik der Reaktion. Aktiv wurde man nicht, als sich die strukturelle Überlastung aufbaute oder als der GAO-Bericht im Mai die Kontrolllücken offenlegte, sondern erst, als aus Einzelfällen im Cyber-Kommando ein öffentlich gewordener „Cluster“ wurde. Die Reaktion gilt der Sichtbarkeit des Schadens, nicht dem Schaden selbst.
Wer nach der psychischen Gesundheitsversorgung für Cyber-Operatoren fragt, stellt eine legitime, aber nachgeordnete Frage. Die vorgeordnete lautet: Welche Gesellschaft produziert mit solcher Verlässlichkeit Menschen, die im Dienst an ihrer eigenen Sicherheitsarchitektur zugrunde gehen – und weiß nicht einmal, ob ihre eigenen Gegenmaßnahmen je bei jemandem ankommen? Die Antwort liegt in der Struktur selbst: einem Imperium, das seine Handlungsfähigkeit auf einer radikal instrumentellen Beziehung zur eigenen Arbeitskraft aufbaut, und das genau dann, wenn diese Beziehung an ihre Grenze stößt, nicht die Beziehung überdenkt, sondern die Reparaturabteilung aufstockt – ohne zu prüfen, ob sie überhaupt funktioniert.
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Bildquelle: KinoMasterskaya / shutterstock
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Quellen:
RT DE, „Selbstmord-Epidemie unter US-Militärhackern“, 09.08.2026, unter Berufung auf Bloomberg
Bloomberg, „US Military’s Cyber Command Unit Grapples With Cluster of Deaths by Suicide“, 06.08.2026
Caliber.Az, „Wave of suicides among US cyber personnel sparks alarm in Pentagon“, 09.08.2026
U.S. Government Accountability Office, GAO-26-107804, „Suicide Prevention: DOD Should Improve Monitoring and Assessment of Training“, 20.05.2026
Stars and Stripes, „Pentagon should improve monitoring and assessment of suicide prevention training, government watchdog finds“, 20.05.2026