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Während der Krieg in der Ukraine seit Jahren die Schlagzeilen beherrscht, erhebt der britische Kriegsreporter Johnny Miller einen Vorwurf, der das Selbstverständnis westlicher Medien infrage stellt. Nach vier Jahren Berichterstattung aus dem Konfliktgebiet kommt er zu einem ernüchternden Schluss: Der Donbass werde von großen westlichen Medien bewusst gemieden – nicht aus Mangel an Interesse, sondern weil die Realität vor Ort nicht in das vorherrschende Narrativ passe.
Kurz vor seiner Rückkehr nach Großbritannien sprach Miller mit der deutschen Journalistin Alina Lipp über seine Erfahrungen und schilderte eine Sicht auf den Krieg, die nach seiner Auffassung in westlichen Medien kaum vorkommt.
Für Miller ist die Situation außergewöhnlich. Es handle sich um den größten Krieg auf europäischem Boden seit Jahrzehnten – und dennoch sei an der Front im Donbass nach seiner Aussage kein einziger Reporter eines großen britischen oder amerikanischen Medienunternehmens dauerhaft präsent gewesen.
Er bezeichnet diesen Umstand als „schockierend“. Als in der Nähe seiner Wohnung eine Schule beschossen wurde, sei ihm bewusst geworden, dass kein Korrespondent eines großen westlichen Senders vor Ort gewesen sei, um über den Vorfall zu berichten. Für einen Konflikt dieser Größenordnung hält Miller dies für beispiellos.
Miller berichtet, dass er in Donezk regelmäßig durch Artilleriebeschuss geweckt worden sei. Einer seiner ersten Beiträge habe sich mit dem Beschuss ziviler Ziele durch die ukrainische Armee beschäftigt. Dabei seien vier Lehrer ums Leben gekommen, nachdem eine Schule in der Nähe getroffen worden sei.
Nach seiner Einschätzung hätte jeder westliche Korrespondent, der sich tatsächlich vor Ort befunden hätte, über einen solchen Vorfall berichten müssen. Genau darin sieht Miller den Grund, weshalb große westliche Medien den Donbass seiner Meinung nach weitgehend meiden: Die Berichterstattung würde Ereignisse sichtbar machen, die nicht in das bisher dominierende Bild des Krieges passten.
Miller erhebt einen weitreichenden Vorwurf. Seiner Ansicht nach verzichten westliche Medienhäuser bewusst darauf, Reporter dauerhaft in den Donbass zu entsenden.
Die Begründung, die er dafür anführt, ist deutlich: Jeder Journalist, der unabhängig vor Ort arbeite, werde zwangsläufig auch über Ereignisse berichten müssen, die politisch unangenehm seien – darunter nach seiner Darstellung Angriffe auf zivile Ziele durch die ukrainische Armee. Genau diese Berichte würden jedoch dem Narrativ widersprechen, das westliche Regierungen und viele große Medien seit Jahren vermittelten.
Britischer Journalist John Miller in Donezk – über seinen Schock darüber, was er dort vorfand (Deutsch)
03:30 hört man ein ukrainisches Geschoss neben unserem Hotel einschlagen. Und wir machen einfach weiter… so ist halt das Leben hier im Krieg.
„Es ist die ukrainische Seite,… pic.twitter.com/LlaNqGFLK9
— Alina Lipp (@Alina_Lipp_X) August 7, 2026
Die deutsche Journalistin Alina Lipp, die seit längerer Zeit aus Donezk berichtet, bestätigt Millers Darstellung auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen.
Auch sie beschreibt regelmäßigen Beschuss in der Region und vertritt die Auffassung, dass viele dieser Ereignisse in westlichen Medien kaum Beachtung finden. Ihrer Einschätzung nach geschieht dies, weil entsprechende Berichte nicht in die vorherrschende Darstellung des Konflikts passen.
Für Miller und Lipp reicht das Problem weit über den Krieg selbst hinaus.
Sie sehen darin ein grundsätzliches Versagen des westlichen Journalismus. Statt unabhängig dort zu berichten, wo die Ereignisse stattfinden, orientierten sich viele große Medien ihrer Ansicht nach zunehmend an politischen Interessen und etablierten Erzählungen. Wer tatsächlich vor Ort recherchiere und Beobachtungen veröffentliche, die davon abwichen, werde häufig ignoriert oder an den Rand gedrängt.
Nach Auffassung der beiden Journalisten habe dies weitreichende Folgen. Die Bevölkerung im Donbass lebe seit Jahren unter Beschuss und zahle einen hohen Preis. Gleichzeitig erhalte die Öffentlichkeit in vielen westlichen Ländern nach ihrer Einschätzung nur einen unvollständigen Einblick in das tatsächliche Geschehen.
Am Ende stellen Miller und Lipp deshalb eine grundsätzliche Frage: Wie vollständig ist das Bild eines Krieges, wenn große Teile eines Konfliktgebiets von den führenden westlichen Medien kaum oder gar nicht aus eigener Anschauung dokumentiert werden – und wer profitiert davon, wenn bestimmte Perspektiven unsichtbar bleiben?