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Europa wollte sich von russischem Gas lösen. Russland sollte einen seiner wichtigsten Absatzmärkte verlieren, Gazprom wirtschaftlich getroffen und Moskaus Energiegeschäft dauerhaft geschwächt werden. Vier Jahre später zeichnet sich eine andere Entwicklung ab: Russland baut neue Absatzwege nach Osten – und der europäische Markt verliert dabei seine frühere strategische Bedeutung.
Moskau und Teheran haben nach Angaben des iranischen Ölministers Mohsen Paknejad die wesentlichen Bedingungen eines seit Langem vorbereiteten Gasabkommens vereinbart. Nur noch zwei Punkte seien Gegenstand abschließender Gespräche. Das russische Gas soll über Aserbaidschan nach Iran gelangen.
Die Dimension des Projekts ist enorm. Perspektivisch geht es um bis zu 55 Milliarden Kubikmeter russisches Gas pro Jahr. Genau diese Menge konnte Nord Stream 1 jährlich von Russland nach Deutschland transportieren. Was früher für Europas Industrie und Haushalte bestimmt war, bekommt damit zumindest von der Größenordnung her ein östliches Gegenstück.
Russia and Iran reach gas supply deal. Iranian Oil Minister Mohsen Paknejd announced that key terms of a long-negotiated gas supply contract with Russia have been agreed, the Iranian news agency ISNA reported.
The agreement envisages the delivery of up to 55 billion cubic meters… pic.twitter.com/LrqASvIq96
— 𝕊𝕡𝕣𝕚𝕟𝕥𝕖𝕣 𝕻𝕣𝕖𝕤𝕤 (@SprinterPress) August 13, 2026
Noch ist allerdings nicht alles unterschrieben, und die volle Menge wird nicht vom ersten Tag an fließen. Die erste Phase soll wesentlich kleiner ausfallen; Russland hatte zunächst von rund zwei Milliarden Kubikmetern jährlich gesprochen. Der Ausbau auf 55 Milliarden Kubikmeter wäre ein langfristiges Projekt und erfordert entsprechende Infrastruktur.
Doch geopolitisch ist die Richtung kaum zu übersehen.
Russland verlor nach 2022 einen großen Teil seines jahrzehntelang aufgebauten europäischen Gasgeschäfts. Reuters berichtete bereits 2024 über massive Einbrüche bei Gazprom infolge des verlorenen europäischen Marktes. Gleichzeitig arbeitet Moskau daran, seine Energieexporte Richtung China und nun auch Iran auszubauen.
Besonders bemerkenswert ist, dass Iran selbst über die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt verfügt. Trotzdem benötigt das Land wegen mangelnder Investitionen, technischer Engpässe und der Folgen westlicher Sanktionen zusätzliche Lieferungen. Russland besitzt wiederum die größten Gasreserven der Welt und sucht neue Absatzwege.
Damit treffen zwei der am stärksten sanktionierten Staaten der Welt wirtschaftlich aufeinander – und versuchen, genau jene Energiearchitektur aufzubauen, die westliche Sanktionen eigentlich verhindern sollten.
Nach regionalen Berichten soll Iran zudem die Möglichkeit erhalten, überschüssiges russisches Gas an Drittstaaten weiterzuverkaufen. Analystenschätzungen sprechen von potenziellen Einnahmen von bis zu zwölf Milliarden Dollar jährlich. Diese Zahl ist allerdings eine Schätzung und keine garantierte Vertragseinnahme.
Damit wäre Iran nicht nur Abnehmer, sondern könnte langfristig selbst zum Verteiler russischen Gases Richtung Süden und Osten werden.
Genau hier liegt die politische Ironie.
Jahrzehntelang war Europa Russlands lukrativster und infrastrukturell am stärksten angebundener Gasmarkt. Pipelines führten direkt nach Deutschland und weiter in die europäischen Industriezentren. Nord Stream 1 allein war für 55 Milliarden Kubikmeter jährlich ausgelegt.
Diese Epoche ist vorbei.
Das bedeutet allerdings nicht, dass heute bereits 55 Milliarden Kubikmeter früheren Europagases physisch nach Iran umgeleitet werden. Dafür fehlen noch Infrastruktur und endgültiger Vertrag. Auch russisches LNG gelangt weiterhin nach Europa. „Europa ist raus“ beschreibt deshalb die strategische Richtung, nicht einen bereits vollständig abgeschlossenen physischen Austausch aller Lieferströme.
Europa wollte Russland zwingen, sich neue Märkte zu suchen.
Russland sucht sie – und findet sie.
China, Iran und perspektivisch weitere asiatische Märkte werden immer wichtiger. Der geplante Iran-Korridor könnte zusätzlich neue Möglichkeiten Richtung Pakistan, Indien und andere Staaten eröffnen, auch wenn solche Weiterleitungen bislang keineswegs vollständig gesichert sind.
Europa dagegen baut seine Energieversorgung bewusst ohne russisches Pipelinegas um.
Damit verschwindet etwas, das über Jahrzehnte selbst während schwerster politischer Krisen Bestand hatte: die gegenseitige Energieabhängigkeit zwischen Russland und Westeuropa.
Neue Pipelines werden für Jahrzehnte gebaut. Handelsbeziehungen entstehen. Abnehmer richten ihre Infrastruktur darauf aus. Russland investiert zunehmend in Verbindungen nach Osten, während Europa Milliarden investiert, um russisches Gas dauerhaft zu ersetzen. Je weiter beide Prozesse voranschreiten, desto schwieriger wird eine Rückkehr zum alten Zustand.
Der Westen wollte Russland von seinem wichtigsten Energiemarkt abschneiden. Kurzfristig hat das Moskau schwer getroffen. Doch langfristig entsteht etwas anderes: eine russische Energieinfrastruktur, die Europa immer weniger braucht.
Der geplante Deal mit Iran ist dafür ein gewaltiges Symbol.
Quellen:
Iran and Russia near historic gas trade deal – minister
Iran, Russia nearing finalization of Russian gas supply contract: Paknejad
Russia eyes 55 bcm of gas exports to Iran per year, Putin says