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Von Andrei Besrukow
Der Begriff Mitteleuropa hat uralte Wurzeln. (Es geht hier nicht um den rein geografischen Begriff, der im Russischen „srednjaja Jewropa“, im Englischen „Middle Europe“ und in anderen Sprachen ähnlich heißt. Gemeint ist vielmehr das im Folgenden skizzierte Konzept, das im Russischen mit dem aus dem Deutschen entlehnten Wort „Mitteljewropa“ bezeichnet wird und nahezu unverändert auch in andere Sprachen übernommen wurde).
Während er zu Beginn des 19. Jahrhunderts politisch die Trennlinie zwischen den Besitzungen des Russischen Reiches und denen der westeuropäischen Mächte bezeichnete, wurde der Begriff gegen Ende jenes Jahrhunderts, nach der Einigung der deutschen Staaten durch den Eisernen Kanzler Bismarck, als eine Alternative zum Deutschen Reich verstanden: Als solche umfasste dieses Mitteljewropa die multiethnischen Besitzungen der Habsburgermonarchie Österreich-Ungarn. So oder so war es ein Raum zwischen Ost und West.
Und nun, da Westeuropa (in diesem Fall: einschließlich des bekanntermaßen rein geografisch gesehen eigentlich mitteleuropäischen Deutschlands… Anm. d. Red.) sich offen auf einen Krieg mit Russland vorbereitet, stellt sich die Frage: Wo wollen sie diesen Krieg führen? Etwa woanders als im Mittleren Europa? Und wir in Russland sollten uns fragen: Wie stellen wir uns die militärpolitische Landschaft Europas nach dem Ende des Ukraine-Krieges vor? Schließlich wird auch dieser Konflikt irgendwann enden, und wir werden so oder so Nachbarn der europäischen Länder bleiben müssen. Welche Vision des Kontinents können wir ihnen bieten? Dies ist auch deshalb wichtig, weil wir durch ein Versäumnis, unser Sicherheitskonzept für Europa zu formulieren, nicht nur westliche Propaganda zu den dümmstmöglichen Interpretationen russischer Absichten lenken, sondern andererseits auch unseren Freunden und Gleichgesinnten in vielen europäischen Ländern Argumente vorenthalten, die sie nutzen könnten. Wenn wir unsere gemeinsame Zukunft nicht mitgestalten, wird sie für uns gestaltet.
Unterdessen zieht sich das Mittlere Europa das unglückselige Schicksal der Ukraine mal probeweise über – und mit Sitz, Aussehen und Façon denkwürdigerweise unzufrieden, sucht es verzweifelt nach einem Ausweg aus seiner sich ankündigenden misslichen Lage:
Ungarn und die Slowakei stellen sich aktiv gegen die fortgesetzte Unterstützung von Selenskijs monoethnischer Oligarchen-Diktatur.
Die Tschechische Republik schlägt nach und nach denselben Weg ein; Österreich und die Schweiz, obwohl sie ihre Neutralität kompromittiert haben, sind dennoch nicht abgeneigt, zu ihr zurückzukehren; Serbien sucht – und findet – keinen Platz zwischen den Konfliktparteien; auch Kroatien ist in Sachen Unterstützung des Kiewer Regimes nicht gerade besonders aktiv. Selbst Italien, das – wenngleich eindeutig in Westeuropa liegend – ebenfalls teilweise Besitztum der Habsburgermonarchie war, beginnt, Wege für einen Dialog mit Russland zu erkunden.
Nicht verwunderlich: In der Nachkriegszeit profitierten die Länder dieser Region am meisten von Stabilität und einem für beide Seiten vorteilhaften Handel mit Russland. Energie- und Logistikkorridore zur Russischen Föderation wurden direkt zu beziehungsweise durch diese Länder gebaut. Auch wird genau und gerade hier die wachsende Aggression Berlins am beunruhigendsten wahrgenommen. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist noch präsent.
Was kann Russland diesem seinem Nachbarn „Mitteljewropa“ bieten? Vieles. Aber das Wichtigste, um es mit Donald Trump zu sagen, ist ein peace deal. Einen Vertrag über gemeinsame Sicherheit und gegenseitigen Nichtangriff abzuschließen. Russland sieht sicherlich in keinem der genannten Länder als solchem eine Bedrohung. Moskau kann auch einen, um bei Trump zu bleiben, energy deal anbieten: Es kann für die Länder der Region einen garantierten Ressourcenfluss gewährleisten. Russland kann ihnen überhaupt einen trade deal anbieten – ein Abkommen, das den gegenseitigen Handel, Investitionen und Tourismus ankurbeln wird.
Man könnte einwenden: Was ist mit den EU-Regeln? Die werden das nicht zulassen! Nun gut, dann wollen wir eben kämpfen… Oder – jetzt haltet euch gut fest, für so manchen wird das ein Schock, aber wie wär’s mal damit: Ihr ändert halt die Brüsseler Regeln!
Irgendwann werdet ihr euch für eines von beidem entscheiden müssen. Ich habe schon jetzt das Gefühl, dass der europäische wirtschaftliche Einheitsraum, Schengen und die EU-Behörden in ihrer jetzigen Form gerade ihre letzten Jahre erleben – die Dynamik der laufenden Prozesse ist zu groß, der Druck von allen Seiten und von innen zu intensiv. Und die Länder des Mittleren Europas würden ihre Interessen mit viel größerem Nachdruck vertreten – sähen sie bloß eine klare und positive Alternative zu einer Zukunft unter der Diktatur der Euro-Bürokratie.
Die Frage „Mitteljewropas“ stellt sich unweigerlich in jeder Diskussion über die Zukunft der Ukraine. Welches Gebiet der Letztgenannten auch immer außerhalb der russischen Sicherheitszone verbleibt, egal wie viele Gebiete es sein werden und wie sich die Ostgrenzen ihrer jetzigen Nachbarn Polen, Slowakei und Rumänien verändern – dieses Territorium wird entweder ein friedlicher Raum oder aber ein Kriegsschauplatz sein. Für Russland ist eine befreundete Ukraine, die in die russische Wirtschaftszone integriert ist, ein ideales Szenario – doch auch eine neutrale Ukraine, die in ein stabiles Mittleres Europa integriert ist, ist weitaus besser als ein schwer bewaffneter westlicher Außenposten; zumal die ukrainischen Eliten nicht nur aus Selenskij und seiner Clique bestehen: Viele fragen sich wohl auch dort, was nach Selenskij und nach dem Krieg sein wird. Auch ihnen muss also eine Zukunftsvision aufgezeigt werden, in der sie ihren Platz haben.
Darüber hinaus ist das Schicksal des Mittleren Europas selbstverständlich ebenfalls das Schicksal Deutschlands, das sich derzeit noch an einem Scheideweg befindet.
Die angelsächsischen Eliten drängen neben dem geschichtssenilen West- auch ein willensschwaches und naives Nordeuropa und zusammen mit diesen auch Deutschland in die Konfrontation mit Russland. Doch innerhalb der Bundesrepublik Deutschland gibt es noch genügend Kräfte, die sich diesem drohenden dritten historischen Selbstmord widersetzen. Ein Konzept für Mitteleuropa wie oben skizziert, als politische Brücke und wirtschaftlicher Korridor, könnte somit die beste Alternative für Deutschland sein.
Mehr noch: „Mitteljewropa“, als Raum der Stabilität und der für beide Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit, wird einem weiteren antirussischen (und nebenbei übrigens auch antideutschen) Projekt – einem großpolnischen „Intermarium“, also von Küste zu Küste, dessen Kern die innereuropäischen Nord-Süd-Beziehungen auf Kosten der Ost-West-Beziehungen sind – den endgültigen Todesstoß versetzen. Polen wird sich dann ebenfalls entscheiden müssen: Ob es neben den aussterbenden baltischen Staaten (im Russischen ist für sie der bemitleidende Ausdruck „wymiraty“, zusammengesetzt aus dem russischen Wort für „aussterben“ und der nahöstlichen Herrschaftsform, den Emiraten, geläufig und wird auch im Original dieses Artikels verwendet. Anm. d. Red.) hinter dem selbst errichteten Eisernen Vorhang ein Nicht-Leben führen oder vollwertig am Leben bleiben will.
Heute, da der Krieg in der Ukraine auf seinen Ausgang auf dem einen oder anderen Wege zusteuert – denn nach einer Eskalation wird es entweder Frieden geben oder gar nichts –, ist es höchste Zeit, dem Mittleren Europa ein Angebot zu unterbreiten. Wir werden in Brüssel Hysterie als Antwort darauf ernten, aber das sollte uns nicht beunruhigen. Eine weitere Krise in der Europäischen Union käme uns nur zugute. Die Politiker Mitteleuropas werden sich zu einem solchen Angebot offiziell zunächst tunlichst ausschweigen – oder vielleicht sogar theatralisch gegen den unaufgeforderten Vorschlag protestieren. Aber hinter verschlossenen Türen werden sie uns für das Angebot danken und sich sofort zu ihren Wirtschaftseliten aufmachen, um die Bedingungen auch mit ihnen auszuhandeln. Und wir hoffen, dass Mitteleuropa infolge eines so von uns angestoßenen Prozesses endlich zu einem Ort des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen Ost und West wird.
Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei „RIA Nowosti“ am 25. August 2026.
Andrei Besrukow ist Oberst a.D. des russischen Auslandsaufklärungsdienstes SWR. Heute ist er als Professor für angewandte Analyse internationaler Probleme am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) und Mitglied des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik aktiv.
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