Rath checkt ein: Hotel Post Lermoos: Ein luxuriöser Ruhepol in Tirol

Johanna Dengg wollte nach Moskau, arbeitete in Gstaad und München – und träumte schließlich von Hawaii. Heute führt sie das Hotel ihrer Familie im Tiroler Dorf Lermoos. Eine Karriere rückwärts? Ganz im Gegenteil, denn dieses Haus ist eine Entdeckung

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Johanna Dengg wollte nach Moskau, arbeitete in Gstaad und München – und träumte schließlich von Hawaii. Heute führt sie das Hotel ihrer Familie im Tiroler Dorf Lermoos. Eine Karriere rückwärts? Ganz im Gegenteil, denn dieses Haus ist eine Entdeckung

Dieser Ausblick ist schwer zu ignorieren. Vor mir liegt ein idyllisches Moorgebiet, dahinter erhebt sich monumental das Zugspitzmassiv. Kein Haus kann diese Schönheit verstellen, dem Naturschutz sei Dank. Ein Logenplatz, den kein Architekt der Welt so fulminant hätte inszenieren können.

Und genau hier, auf rund 1.000 Metern Höhe, steht das Hotel Post Lermoos mit seinen 59 individuellen Suiten. Die regulären Kategorien reichen von 42 bis 75 Quadratmetern, das Penthouse misst 127 Quadratmeter. Meine Suite ist großzügig geschnitten: viel Holz, ein rustikaler Tiroler Stil, ein Kachelofen, ein Balkon. Mit diesem Blick! Das Haus ist ein Vier-Sterne-Superior-Hotel, es fühlt sich in vielen Bereichen allerdings an wie eine Kategorie darüber. Ich mache mir eifrig Notizen für unser Ranking der „101 besten Hotels“. Interessanter als Sterne und Quadratmeter finde ich aber die Menschen dahinter. Und dafür muss ich Ihnen Johanna Dengg vorstellen.

„Nur nicht nach Hause“

„Es war mir schon früh klar, dass ich in die Hotellerie will“, erzählt mir die 34‑Jährige. Ebenso klar sei ihr allerdings gewesen, dass die Ferne sie lockte. Sie absolvierte die Hotelfachschule in Salzburg, lernte Russisch und träumte eine Zeit lang von Moskau. Nach einem Aufenthalt in Cannes führte ihr Weg dann aber in das „Le Grand Bellevue“ nach Gstaad. Dort lernte sie Johannes kennen, den damaligen F&B-Manager. Später arbeiteten beide im „Bayerischen Hof“ in München. Heute sind die beiden ein Paar und gemeinsam im „Hotel Post“ tätig.

Der große Traum hieß jedoch: Hawaii. Ein Hotel mit mehr als 1.000 Zimmern, viele Restaurants, eine internationale Karriere. Zweimal jedoch wurde der Antrag auf das dafür notwendige Visum abgelehnt. Einen Grund zum Nachtrauern hat Johanna Dengg eigentlich nicht. Bei Heimatbesuchen entdeckte sie damals etwas wieder, was für sie früher selbstverständlich gewesen war. Die Ruhe, die Berge, den Blick von der Terrasse des elterlichen Hotels. „Warum willst du immerzu weg? Eigentlich ist es hier doch schön“, hat sie sich irgendwann selbst gefragt. 2022 stieg sie in die Hotelführung ein.

Eine Familie, die das ganze Tal prägt

Die Denggs sind in der Region – zwischen den Lechtaler Alpen, dem Wettersteingebirge und den Ammergauer Alpen – weit mehr als eine Hoteliersfamilie. Johannas älterer Bruder ist im Bergbahngeschäft tätig, ebenso wie ihr Vater Franz, der als Tourismus- und Seilbahnpionier in Tirol gilt. Dazu gehören unter anderem die Ehrwalder Alm und die Tiroler Zugspitzbahn. Die jüngere Schwester von Johanna Dengg arbeitet auf der Alm und Johannas Mutter ist weiterhin im Hotel präsent. Über sie spricht die Tochter mit besonderer Wärme. Die Mama habe ihr gezeigt, wie wichtig Herzlichkeit und Aufmerksamkeit für die eigenen Mitarbeiter seien.

Und dann gibt es, wie erwähnt, den eigenen Bauernhof. Dort hält Johannas Bruder unter anderem Kälber und verschiedene Hühnerrassen, von denen die Frühstückseier in unterschiedlichen Farben auf dem Buffet stammen. Regionalität muss gar nicht groß erklärt werden, man kann sie einfach aufschlagen und auslöffeln.

Auch in der weiteren Gastronomie beharrt das Haus konsequent auf Qualität. Küchenchef Thomas Strasser und sein Team kochen auf dem Niveau von drei Gault-Millau-Hauben, und die Zutaten stammen zu einem beträchtlichen Teil aus der Umgebung, der eigenen Alm oder dem eigenen Jagdrevier. Dazu kommt ein Weinkeller mit mehr als 1.000 Positionen.

Nur bei einem Detail muss ich schmunzeln: Die Smokings des Serviceteams erscheinen mir zunächst doch etwas bemüht. Dann schaue ich mich im Restaurant um. Alle Herren tragen Sakkos, und Hemden, teilweise sogar mit Krawatte. Und ich? Sitze in Jeans und T-Shirt an meinem Tisch. Vielleicht sind an diesem Abend weniger die Smokings das Problem als ich.

Am nächsten Morgen zieht es mich in das „Post Alpin Spa“. Seine 3.000 Quadratmeter klingen zunächst nach einer jener Zahlenschlachten, mit denen Wellnesshotels gerne beeindrucken. Mich interessiert etwas anderes. Ich schwimme vom Innen- in den beheizten Außenpool und sehe – natürlich – wieder die Zugspitze. Besonders schön ist das Panorama-Saunahaus aus Zirbenholz im Garten. Nach dem Aufguss wartet draußen der Solepool, vor mir liegen Moor und Berge. Spätestens jetzt verstehe ich, was Johanna Dengg mit der besonderen Ruhe dieses Ortes meint.

Bemerkenswert finde ich auch die Gratwanderung, die sie mit dem Hotel versucht. Die „Post“ soll kein klassisches Familienresort werden. Mehrmals im Jahr gibt es deshalb mehrwöchige Adults-only-Zeiten für Paare, die bewusst Ruhe suchen. Gleichzeitig möchte Johanna die Familien nicht verlieren, die teilweise seit Generationen hierher kommen. Und dieser Ansatz ist weniger widersprüchlich, als es zunächst klingt.

Einmal ganz nach oben

Für einen Wochenendtrip würde ich das Hotel ohnehin zumindest für ein paar Stunden verlassen. Mein erster Tipp liegt nahe: die Tiroler Zugspitzbahn, die 2026 ihr 100-jähriges Bestehen feiert. In rund zehn Minuten bringt sie ihre Passagiere auf die 2.962 Meter hohe Zugspitze. Bei gutem Wetter reicht der Blick weit über die Alpen hinaus.

Für meinen zweiten Tipp brauchen Sie keine Gondel zu betreten. Erkunden Sie unbedingt zu Fuß die Landschaft rund um das geschützte Moor vor dem Hotel. Hier zeigt sich die Zugspitz-Arena von ihrer stilleren Seite. Und wer noch höher hinaus möchte, fährt zur Ehrwalder Alm, einem weiteren Stück der Dengg’schen Familiengeschichte. Mehr Programm braucht ein Getaway für mich gar nicht. Schließlich besteht der eigentliche Luxus dieses Ortes gerade darin, einmal weniger vorzuhaben.

Beständigkeit ist ein Luxus

Am Abend sitze ich an der Bar und begegne Bernd, einem Mann, der die Geschichte dieses Hauses auf seine Weise erzählt. Er arbeitet seit 19 Jahren hier. Er kennt Gäste, die heute mit ihren Kindern kommen, noch aus deren eigener Kindheit. Johanna Dengg erzählt mir, dass gerade diese langjährigen Mitarbeiter ein Grund sind, weshalb sie das Hotel niemals vollständig auf ein Adults-only-Konzept umstellen möchte. Im Februar sei das Haus voller Familien und „jede Couch ausgezogen“, lacht sie. Kinder lernen hier Skifahren, werden erwachsen – und kehren irgendwann zurück. Hinter der Bar steht dann noch immer Bernd. Vielleicht ist das die schönste Form von Luxus in einem familiengeführten Hotel: nicht ständig alles neu zu erfinden, sondern das Gute weiterzugeben.

Johanna Dengg musste erst nach Salzburg, Cannes, Gstaad und München reisen – und von Hawaii träumen–, um das zu erkennen. Ich brauche dafür bloß ein Wochenende. Am nächsten Morgen stehe ich noch einmal auf der Terrasse. Vor mir das stille Moor, über dem der Bodennebel sich lichtet, dahinter die Zugspitze. Mein Beruf bringt das wunderbare Privileg mit sich, immer wieder hinaus in die Welt zu reisen und neue Hotels zu entdecken. Wer das nicht muss, könnte hier allerdings auf einen geradezu gefährlichen Gedanken kommen: Warum eigentlich immer in die Ferne schweifen?

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