Was bislang nach „Minority Report“ klang, ist in den USA offenbar bereits Teil realer Polizeiarbeit: Eine bislang wenig bekannte Einheit der US-Grenzschutzbehörde analysiert Finanzaktivitäten und andere Daten von Bürgern, um Personen herauszufiltern, die aus Sicht der Behörden eine genauere Kontrolle „wert“ sein könnten – obwohl sie keiner konkreten Straftat verdächtigt werden.
Die Recherche von 404 Media beschreibt sogenannte Predictive Intelligence Targeting Teams (PITT) der US Border Patrol. Diese Einheiten analysieren Finanzdaten und weitere Informationen und geben ihre Erkenntnisse anschließend an lokale Polizeibehörden weiter. Diese können die betreffende Person dann beispielsweise im Straßenverkehr stoppen.
Der entscheidende Punkt ist nicht die einzelne Verkehrskontrolle. Es ist die Umkehrung eines jahrhundertealten Prinzips des Rechtsstaats: Nicht mehr eine konkrete Tat erzeugt den Verdacht – Daten erzeugen den Verdächtigen.
Vom Bürger zum Datenprofil
404 Media hatte bereits zuvor dokumentiert, dass die US-Grenzschutzbehörde CBP Standortdaten aus dem kommerziellen Online-Werbesystem nutzte. Daten aus gewöhnlichen Smartphone-Apps – darunter Spiele, Dating- oder Fitness-Anwendungen – können dabei dazu dienen, Bewegungen von Mobiltelefonen nachzuverfolgen.
Verbindet man solche Bewegungsdaten mit Finanzinformationen, Fahrzeugdaten, Reisebewegungen und staatlichen Datenbanken, entsteht etwas qualitativ Neues. Der Bürger wird zum berechenbaren Datenprofil.
Ein ungewöhnlicher Geldfluss hier, eine Reise dort, ein bestimmtes Bewegungsmuster, ein Fahrzeug an einem bestimmten Ort – für sich genommen möglicherweise vollkommen harmlos. In einem algorithmischen Risikomodell können daraus jedoch Muster entstehen, die jemanden ins Visier der Behörden bringen.
Und genau hier wird es auch für Europa interessant.
Europa ist keineswegs weit von dieser Entwicklung entfernt
Man sollte nicht behaupten, dass die EU bereits ein identisches amerikanisches PITT-System betreibt. Dafür gibt es keinen Beleg. Doch die dafür notwendige Infrastruktur wächst.
Europäische Strafverfolgungsbehörden können bereits heute unter bestimmten Voraussetzungen Finanzinformationen und Analysen der nationalen Financial Intelligence Units austauschen; auch Europol kann entsprechende Bankkonto- und Finanzinformationen beziehungsweise Analysen anfordern.
Noch bemerkenswerter ist, wohin die Reise geht.
Die EU-Kommission hat 2026 eine umfassende Erweiterung des Europol-Rahmens vorgeschlagen. Der Entwurf sieht unter anderem fortgeschrittene kriminalanalytische Datenumgebungen, die Verarbeitung großer Datenbestände und den Einsatz KI-gestützter Werkzeuge vor. Europol soll nach dem Vorschlag sogar eigene KI-Werkzeuge entwickeln und trainieren sowie Mitgliedstaaten bei deren Einsatz unterstützen können.
Damit sind wesentliche Bausteine vorhanden:
Finanzdaten, Polizeidaten, grenzüberschreitender Informationsaustausch, große Datenräume und KI-gestützte Analyse.
Noch werden diese Systeme rechtlich voneinander abgegrenzt. Technisch jedoch wird es immer einfacher, Daten miteinander zu verknüpfen.
Der AI Act schützt – aber nicht so umfassend, wie man glauben könnte
Auf den ersten Blick scheint Europa genau diese Entwicklung verhindert zu haben. Der EU AI Act verbietet tatsächlich KI-Systeme, die das Risiko einer Person, eine Straftat zu begehen, allein aufgrund von Profiling oder persönlichen Eigenschaften vorhersagen.
Das entscheidende Wort lautet jedoch: allein.
Der AI Act lässt KI-Systeme zur Unterstützung menschlicher Ermittlungen zu, wenn bereits objektive und überprüfbare Tatsachen vorliegen, die unmittelbar mit krimineller Aktivität zusammenhängen. Außerdem stuft die EU verschiedene KI-Anwendungen der Strafverfolgung als „Hochrisiko“ ein, anstatt sie grundsätzlich zu verbieten.
Selbst Systeme zur Erkennung verdächtiger Finanztransaktionsmuster fallen laut den Leitlinien nicht automatisch unter das Verbot von Predictive Policing. Werden solche Transaktionsdaten allerdings mit personenbezogenen Informationen angereichert und daraus individuelle Profile erstellt, können strengere Hochrisiko-Regeln greifen.
Das ist ein entscheidender Unterschied: „Hochrisiko“ bedeutet reguliert – nicht verboten.
Die gefährliche Verschiebung
Niemand muss morgen in Brüssel einen europäischen „Social Credit Score“ beschließen. Die Entwicklung kann viel unspektakulärer stattfinden.
Eine Datenbank hier. Ein Informationsaustausch dort. Finanzüberwachung zur Geldwäschebekämpfung. Kennzeichenerfassung zur Verbrechensbekämpfung. Biometrie zur Grenzsicherung. KI zur Auswertung riesiger Datenmengen.
Jede einzelne Maßnahme lässt sich mit Sicherheit, Terrorismusbekämpfung oder organisierter Kriminalität begründen. Erst wenn diese Systeme miteinander verbunden werden, wird sichtbar, welche Macht daraus entstehen kann.
Europa sollte sehr genau hinschauen
Die Ironie besteht darin, dass die EU gleichzeitig eine der strengsten KI-Regulierungen der Welt geschaffen hat und ihren Sicherheitsbehörden immer leistungsfähigere Daten- und Analysewerkzeuge zur Verfügung stellt.
Das eine soll den Bürger schützen. Das andere soll den Staat leistungsfähiger machen.
Solange beide Ziele miteinander vereinbar bleiben, funktioniert dieses Modell. Doch sobald Sicherheitsinteressen ausgeweitet werden, können die Grenzen schnell verschwimmen.
Die amerikanische PITT-Recherche sollte deshalb für Europa weniger als exotische Geschichte aus den USA verstanden werden denn als Warnung vor einer technisch längst möglichen Zukunft.
Noch gilt zumindest auf dem Papier: Erst der Verdacht, dann die Überwachung.
Die eigentliche Gefahr beginnt dort, wo sich diese Reihenfolge umkehrt:
Erst die Überwachung – und aus den gesammelten Daten entsteht anschließend der Verdacht.
Dann hätten wir nicht mehr nur digitale Polizeiarbeit. Wir hätten eine Gesellschaft, in der jeder Bürger permanent Daten produziert, aus denen ein System irgendwann entscheiden kann, wer einer genaueren Kontrolle würdig erscheint.
Und dafür braucht es keinen chinesischen „Social Credit Score“.
Es reicht ein westlicher Sicherheitsapparat, der genügend Daten miteinander verbindet.


