Während die elektronische Identität in der Öffentlichkeit meist als praktische Alternative zum Ausweis im Portemonnaie präsentiert wird, entsteht im Hintergrund eine wesentlich umfassendere Infrastruktur. Anfang September trafen sich in Genf mehr als 1’500 Vertreter aus Regierungen, internationalen Organisationen, Standardisierungsgremien, Technologieunternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zur Global Digital Collaboration Conference 2026 (GDC26).
Im Zentrum standen digitale Identitäten, Wallets, verifizierbare Nachweise, Zahlungsverkehr und die Frage, wie diese Systeme über Länder- und Systemgrenzen hinweg miteinander funktionieren können.
Für die Schweiz ist das Treffen besonders relevant: Sie ist nicht nur Gastgeberin. Ihre kommende E-ID und die swiyu Wallet bauen nach Angaben des Bundes auf offenen Standards und einer Open-Source-Infrastruktur auf, an deren Entwicklung auch Teilnehmer dieser internationalen Community beteiligt sind.
Michael Schöll vom Bundesamt für Justiz formulierte es bei der Eröffnung ungewöhnlich deutlich:
„Switzerland is building on your work.“
Der Bund bezeichnet die GDC als Plattform, auf der staatliche und private Akteure gemeinsam an den technischen und institutionellen Grundlagen des digitalen Vertrauens arbeiten. Mehr als 2’500 Personen hatten sich angemeldet, über 1’500 wurden von den Co-Organisatoren zur Teilnahme zugelassen. (e-ID)
Wenn Identität und Bezahlen zusammenwachsen
Besonders aufschlussreich war das Programm vom 2. September.
Dort wurde nicht mehr nur darüber gesprochen, einen digitalen Ausweis auf dem Smartphone zu speichern. Eine eigene Veranstaltung beschäftigte sich damit, wie die European Digital Identity Wallet (EUDI Wallet) zur Authentifizierung bei Kartenzahlungen und sogar zur Initiierung solcher Zahlungen eingesetzt werden könnte.
Die niederländische Zahlungsvereinigung bestätigte ausdrücklich, dass bei der Veranstaltung demonstriert und diskutiert wurde, was technisch notwendig wäre, um die EUDI Wallet mit Kartenzahlungen zu verbinden.
Auch EMVCo – die Organisation hinter wichtigen weltweiten Standards für Kartenzahlungen – war beteiligt. Auf dem Programm standen am 2. September sowohl die Entwicklung eines Digital Payment Credential als auch die Frage, wie die EUDI Wallet Authentifizierung und Checkout verändern könnte.
Damit wird sichtbar, wohin sich die technische Entwicklung bewegt: Die digitale Identität kann künftig weit mehr sein als ein elektronischer Personalausweis.
Sie kann zur Infrastruktur werden, über die Identitätsnachweise, Altersnachweise, berufliche Qualifikationen, Unternehmensdaten, Bankinformationen und Zahlungsfreigaben miteinander verbunden werden.
Ein Wallet für immer mehr Bereiche des Lebens
Eine weitere Veranstaltung zeigte beispielsweise einen E-Commerce-Prozess, bei dem ein von einer Bank bestätigter Altersnachweis einen altersbeschränkten Einkauf ermöglichen kann, ohne dass der Händler dafür sämtliche persönlichen Daten speichern muss.
Andere Veranstaltungen beschäftigten sich mit wiederverwendbaren KYC-Nachweisen für Finanzdienstleistungen sowie mit der Nutzung der Wallet beim Bankgeschäft.
Auch die European Business Wallet wird bereits praktisch erprobt. Auf der GDC wurden Anwendungen demonstriert, bei denen Unternehmen mithilfe einer Business Wallet Bankkonten eröffnen, Zahlungen durchführen und elektronische Quittungen erhalten können.
Parallel laufen Interoperabilitätstests zwischen der EUDI Wallet und der geplanten European Business Wallet.
Das Entscheidende ist deshalb nicht eine einzelne Funktion. Es ist die Verknüpfbarkeit der Funktionen.
Ausweis, Altersnachweis, Führerschein, Ausbildung, berufliche Qualifikation, Unternehmensidentität, Bankkonto und Zahlungsfreigabe können technisch Bestandteile desselben interoperablen digitalen Ökosystems werden.
Die Schweiz baut bereits daran
Genau hier bekommt die Konferenz für Schweizer Bürger eine besondere Bedeutung.
Die Schweiz arbeitet an ihrer eigenen staatlichen Vertrauensinfrastruktur und der swiyu Wallet. Der Bund stellt selbst fest, dass die staatlich anerkannte E-ID es Einwohnern ermöglichen soll, ihre Identität elektronisch nachzuweisen; die notwendige Vertrauensinfrastruktur betreibt der Bund.
Nach Angaben Schölls sollen dabei offene Standards und Open-Source-Technologien verwendet werden. Doch seine Rede enthielt noch einen bemerkenswerten Punkt: Die GDC soll institutionalisiert und ausgebaut werden.
Die Zahl der Sitze für UN-Mitgliedstaaten im GDC Council soll von zehn auf 15 steigen. Gleichzeitig sollen künftig ebenfalls 15 Unternehmenssitze vorgesehen werden. Zehn davon sollen Unternehmen vorbehalten sein, die die GDC substanziell finanzieren. Schöll erklärte außerdem, dass die Gates Foundation ihre Unterstützung für Reisefinanzierungen deutlich erhöhen werde. Bislang sei die GDC überwiegend von der OpenWallet Foundation finanziert worden.
Schließlich soll eine eigene Schweizer Stiftung als dauerhafte institutionelle Heimat der GDC entstehen. Deren Start ist nach Schölls Angaben im Umfeld des World Economic Forum in Davos geplant.
Die entscheidende Frage kommt erst noch
All das bedeutet nicht, dass morgen jede Zahlung mit der E-ID verknüpft sein wird oder Bürger ohne digitale Wallet vom wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. Das lässt sich aus der Konferenz nicht ableiten.
Aber die technische Infrastruktur, mit der bislang getrennte Lebensbereiche miteinander verbunden werden könnten, wird bereits entwickelt, standardisiert und praktisch getestet. Und genau deshalb sollte die politische Diskussion nicht erst beginnen, wenn diese Infrastruktur vollständig aufgebaut ist.
Welche Bereiche unseres Lebens sollen künftig mit einer digitalen Identitäts- und Wallet-Infrastruktur verbunden werden dürfen – und wo müssen klare Grenzen gezogen werden?
Denn wenn Identität, Behördennachweise, berufliche Qualifikationen, Unternehmensdaten und Zahlungsverkehr technisch in einem interoperablen Ökosystem zusammenlaufen können, geht es längst nicht mehr nur darum, den Plastikausweis durch eine App zu ersetzen.
Es geht um die Architektur der digitalen Gesellschaft.


