Kolumne: Warum Chemie-Aktien eine Rally bevorsteht

Europäische Chemie-Aktien schlagen 2026 bislang sogar den S&P 500. Dabei steckt die Branche noch immer in schwierigem Fahrwasser. Anleger dürfen trotzdem auf weitere Kurssprünge hoffen

Europäische Chemie-Aktien schlagen 2026 bislang sogar den S&P 500. Dabei steckt die Branche noch immer in schwierigem Fahrwasser. Anleger dürfen trotzdem auf weitere Kurssprünge hoffen

Bei Chemie-Aktien liegen Gewinner und Verlierer derzeit weit auseinander. Trotzdem zeichnet sich an der Börse ein bemerkenswerter Trend ab: Nach mehreren schwierigen Jahren setzen viele Titel zur Erholung an. Europäische Chemieaktien haben seit Jahresanfang rund 15 Prozent zugelegt. Verglichen mit dem S&P 500 mit plus 10,8 Prozent und dem Euro Stoxx 50 mit plus 6,3 Prozent ist das ein respektabler Wert.

Bemerkenswert ist die Entwicklung vor allem deshalb, weil die eigentliche Chemiekonjunktur noch immer schwach ist. Die europäischen Chemiefabriken sind nach Angaben des Branchenverbands Cefic derzeit nur zu rund 75 Prozent ausgelastet und damit deutlich schlechter als im langjährigen Durchschnitt. Die Nachfrage bleibt verhalten, besonders die Grundstoffchemie und die Kunststoffproduktion leiden unter weltweiten Überkapazitäten.

An der Börse wird aber die Zukunft gehandelt. Und offenbar setzen Anleger zunehmend darauf, dass die jahrelange Krise viele Unternehmen gezwungen hat, Kosten zu senken, Werke umzubauen und sich von weniger rentablen Geschäften zu trennen. Wer dabei schnell vorankommt, wird belohnt. Wer hinterherhinkt, bekommt das Gegenteil zu spüren.

Der Standort wird immer wichtiger

Wie unterschiedlich es innerhalb des Sektors zugeht, zeigt die Kursentwicklung von BASF und Lanxess. Während die BASF-Aktie um gut 16 Prozent zulegte, verlor Lanxess fast 20 Prozent. BASF profitierte zuletzt von seiner Größe und dem Verbund seiner Standorte. Zudem weckt die geplante Veräußerung des Agro-Geschäfts Hoffnungen bei Anlegern. Lanxess belastet dagegen unter anderem der größere Anteil der Produktion in Deutschland, wo die Energiekosten besonders hoch sind.

Die Chemiebranche benötigt viel Energie. Entsprechend wichtig sind günstige Produktionsbedingungen. Gerade hier hat Europa gegenüber den USA weiterhin einen erheblichen Nachteil: Erdgas ist für europäische Chemieunternehmen deutlich teurer als für ihre amerikanischen Konkurrenten. Vor diesem Hintergrund erscheint die jüngste Übernahme von Covestro aus Leverkusen durch den Ölkonzern Adnoc aus Abu Dhabi strategisch schlüssig. Covestro bringt führende Chemietechnologie mit, Adnoc den Zugang zu günstigen Rohstoffen. Dieses Modell könnte Schule machen.

Gut entwickelte sich in diesem Jahr auch die Aktie von Wacker Chemie. Bessere Geschäftszahlen und Prognosen gaben dem Kurs Auftrieb. Noch stärker lief es bei Evonik aus Essen. Dort zeigen Kosten- und Sparmaßnahmen Wirkung. Die Geschäftszahlen dürften ihren Tiefpunkt hinter sich gelassen haben. Der Börsenliebling der vergangenen Jahre, Alzchem aus Trostberg, legte dagegen eine Pause ein. Das Unternehmen musste zunächst seine Produktionskapazitäten für Kreatin und andere Nahrungsergänzungsmittel ausbauen.

Talsohle bei Chemie-Aktien durchschritten

Auch außerhalb Deutschlands gehen die Kurse weit auseinander. Stark präsentierten sich die in der Schweiz notierten Chemiekonzerne Clariant, EMS-Chemie und DSM-Firmenich. Dafür waren vor allem Entwicklungen bei den einzelnen Unternehmen verantwortlich. Schwierigere Monate erlebten dagegen AkzoNobel, UCB und Solvay aus den Benelux-Staaten. Auch einige amerikanische Chemiespezialisten wie Eastman Chemical und Westlake mussten in den vergangenen neun Monaten Kursverluste hinnehmen.

Zu den stärksten Chemieaktien des Jahres zählt dagegen LyondellBasell aus Houston. Dem Basischemie-Konzern helfen unter anderem die gute Versorgung mit Erdgas und die vergleichsweise niedrigen Gaspreise in den USA. Damit zeigt sich auch hier, wie wichtig der Standort für die Chemiebranche geworden ist. Andere Chemieunternehmen werden dagegen von geopolitischen Konflikten belastet. Borouge aus den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa leidet unter den Problemen beim Transport durch die Straße von Hormus.

Insgesamt spricht einiges dafür, dass die Chemiebranche nach schwierigen Jahren die Talsohle durchschritten hat. Trotz geopolitischer Konflikte und höherer Rohstoffpreise senken viele Unternehmen ihre Kosten und bauen ihre Strukturen um. Damit könnten sie gestärkt in einen neuen Aufschwung starten.

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