Bluthochdruck erkennen, bevor er gefährlich wird: Huawei will die Smartwatch zum Gesundheitswächter ausbauen – und Millionen Daten für die Forschung nutzbar machen. Europa-Produktchef Andreas Zimmer erklärt im Interview, was dahintersteckt
Bluthochdruck ist die deutsche Volkskrankheit Nummer 1. Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind jede dritte Frau und jeder dritte Mann zwischen 18 und 79 betroffen, jeder fünfte Bundesbürger weiß nichts von seiner Hypertonie.
Zuverlässig diagnostizieren lässt sich ein hoher Blutdruck nur über einen Zeitraum von 24 Stunden, meist mit in einer Arztpraxis ausgeliehenem Messgerät. Doch wo Termine und Equipment so knapp sind wie Forschungsgelder, könnten Smartwatches und andere Wearables sowie Plattformen für „crowd data sourcing“ eine Lücke schließen. Und womöglich langfristig Leben retten.
Capital sprach mit Andreas Zimmer, Head of Product für Europa bei Huawei, über Medizin und Marketing, „Volksgesundheit“ und kleine Wunder-Gadgets.
CAPITAL: Andreas Zimmer, der Markt für Smartwatches wirkt seit Jahren aufgeteilt, im Wesentlichen zwischen Apple und Samsung. Ist da genug Platz für Huawei?
ANDREAS ZIMMER: Richtig, Apple und Samsung kommen in Deutschland zusammen auf etwas weniger als 50 Prozent Marktanteil. Doch da bleibt noch ausreichend Platz.
Wie verteilt sich der Rest?
Garmin, Xiaomi, Amazfit und Huawei, wobei wir mit Garmin und je zwölf Prozent zu den Großen gehören. Anders als die zwei Platzhirsche verlangen wir jedoch keine Paarung aus Smartwatch und Smartphone der gleichen Marke. Das sind für uns jeweils komplett eigenständige Geschäfte.
Huawei steht spätestens seit 2019 unter „politischer Beobachtung“, etwa zu Stichworten wie Entity List, 5G-Debatte und Korruptionsermittlungen im EU-Parlament. War und ist dieser Gegenwind am Point of Sales zu spüren (gewesen)?
Da wir weiterhin wachsen, scheint es den Abverkauf nicht nachhaltig beeinträchtigt zu haben. Die Nachfrage ist dennoch eine, die häufiger gestellt wird. Wir haben daraus abgeleitet, dass wir uns erst recht wie ein Musterschüler verhalten wollen, wenn es um Themen wie Datenschutz geht. Und mit dem Thema Daten muss sich am Ende unsere ganze Branche beschäftigen, nicht nur die chinesischen Marken. Deswegen speichern wir alle Gesundheitsdaten ausschließlich in Deutschland, auch die anderer europäischer Länder, weil hier die höchsten Standards gelten.
Sie waren gerade auf einem wichtigen Kardiologen-Kongress. Warum?
Wir sind vertreten, weil wir europaweit mit vielen Fachärzten zusammenarbeiten, die medizinisch zertifizierte Produkte wie die „Watch D“ für ihren vielseitigen, einfachen Einsatz schätzen.
Das neueste Modell ist die „Watch D3“. Was kann die, das mein Blutdruckmessgerät aus dem Sanitätsgeschäft oder vom Discounter nicht kann?
Die Frage ist eher, was diese Uhr mit Manschette nicht kann. Sie ermittelt ja nicht nur in Ruhephasen oder in Intervallen während der Nacht, ob sehr wahrscheinlich ein Bluthochdruck vorliegt. Komplett mit Datenexport als PDF zur Vorlage beim Arzt. Sie kann ihrem Träger zudem helfen, im richtigen Pulsbereich Sport zu treiben, was als effektivste Therapie gilt.
Ein EKG kann sie auch erstellen?
Ja, am Handgelenk. Allerdings ein Ein-Kanal-EKG, weil es nur einen Kontaktpunkt gibt, während es klinisch bis zu zwölf rund ums Herz sind. Doch für eine erste Einschätzung, etwa zu Vorhofflimmern, reicht das.
Das „TruSense“-System erfasst über 60 Werte. Wann sagt die Uhr: „Mach einen Termin bei einem Arzt dieser Fachrichtung. Gleich morgen.“
Gute Produktidee, aber die Uhr soll den Arzt nicht ersetzen. Ihr Potenzial liegt darin, dass sie kontinuierlich misst und Trends erkennt. Beim ersten Anzeichen von Abweichungen in den Gesundheitsdaten würde ich nicht in die Praxis rennen, bei mehrfacher Meldung von z.B. Vorhofflimmern definitiv.
In China nehmen rund 76.000 Menschen mit der „Watch D“ an einer Blutdruckstudie teil. Wäre so etwas zur „Volksgesundheit“ auch hierzulande denkbar?
Wir haben in München genau so eine Plattform für Europa angekündigt. Sie heißt Terve, was auf Finnisch „gesund“ bedeutet, und wird mit dem Berliner Unternehmen Thryve umgesetzt, das die Corona-Datenspende fürs RKI gebaut hat. Wir führen auf Terve eigene Studien durch und Forschende können mit ihren Projekten dazukommen, ohne dass Probanden in ein Studienzentrum müssen.
Und meine Daten?
Die werden anonymisiert und nur im Rahmen des Projektes eingesetzt, das Sie vorher ausgewählt haben. Die App ist nirgends vorinstalliert: Ich lade sie bewusst, wähle die Studie und gebe meine Daten allein dafür frei. Und jede Studie wird von einer Ethikkommission begutachtet.
Wo könnte die Zukunft bei den Wearables liegen? Apple verspricht beispielsweise seit Jahren eine nicht-invasive Blutzuckermessung. Ist Huawei schneller?
Da muss man vorsichtig sein: Wir messen den Blutzucker nicht, dafür bleibt der Pieks in den Finger das Mittel der Wahl. Durch die über mehrere Tage hinweg erfassten Messdaten – z.B. durch eine „Watch D3“ – lässt sich aber über die Herzfrequenzvariabilität und Pulswellenanalyse abschätzen, wie eine Mahlzeit sich auf den Zuckerspiegel auswirkt. Dazu läuft gerade unter anderem eine Studie in Dubai.
Warum nicht in Europa?
Die regulatorischen Auflagen machen das zu kompliziert.
Wo führt der weitere Entwicklungsverlauf hin?
Zur retrospektiven Analyse. Wird eine Diagnose gestellt, kann der Arzt mit KI-Unterstützung etwa die letzten drei Jahre an Smartwatch-Daten auswerten, um zu wissen, welche Indikatoren für eine Erkrankung übersehen wurden. Und irgendwann können diese Modelle dann in die Zukunft blicken. In Deutschland starten wir gerade mehrere Pilotprojekte zum Telemonitoring: Die Patienten bleiben dabei zu Hause statt im Krankenhaus, ihre Vitalwerte laufen in eine Plattform und die triagiert den Datenfluss. Nur bei signifikanten Abweichungen von Normwerten wird ein Arzt oder Gesundheitsexperte eingeschaltet. So ein System könnte zusammen mit zertifizierten Wearables die Kosten in ganz Europa massiv senken.
