Die Schweizer Regierung warnt: Es wird ungemütlich. Bern bereitet sich auf den Ernstfall vor

Die Schweiz bereitet sich auf eine Sicherheitslage vor, wie sie das Land seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat. Was in der neuen Sicherheitspolitischen Strategie 2026 zunächst nach nüchterner Behördenprosa klingt, liest sich bei genauerem Hinsehen wie eine Warnung: Europa wird instabiler, ein Krieg zwischen Russland und der NATO wird nicht ausgeschlossen, Cyber- und Sabotageangriffe nehmen zu – und die Schweiz selbst sei auf wesentliche Bedrohungen derzeit nicht ausreichend vorbereitet.

Der Bundesrat formuliert ungewöhnlich deutlich: „Die Sicherheit der Schweiz ist so stark und vielfältig bedroht wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Was Europa bedrohe, bedrohe auch die Schweiz. Täglich würden bereits Angriffe auf kritische Infrastruktur, Forschungseinrichtungen, demokratische Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt abgewehrt.

Noch deutlicher wird die Strategie bei der Frage, was Europa bevorstehen könnte. Der Bundesrat hält fest, dass das Risiko eines Krieges zwischen Russland und den NATO-Staaten besteht. Gleichzeitig könne Russland seine hybriden Aktionen intensivieren oder weitere europäische Staaten angreifen. Auch die Schweiz könnte dabei ins Visier geraten: Bern hält es ausdrücklich für möglich, dass Russland versucht, die Schweiz zu destabilisieren oder kritische Infrastruktur im Land anzugreifen, um damit anderen europäischen Staaten zu schaden.

Hinzu kommt eine bemerkenswerte Einschätzung der Rolle Washingtons. Die USA würden sich nicht mehr als Garant der bisherigen Weltordnung und der Sicherheit Europas verstehen. Europa könne sich nicht mehr selbstverständlich auf amerikanische Unterstützung verlassen. Der Bundesrat spricht deshalb von einem „ungünstigen Zeitfenster“ für Europa.

Die vielleicht brisanteste Feststellung betrifft jedoch die Schweiz selbst. Sie müsse sich auf ein „instabiles und volatiles Umfeld in Europa und weltweit einstellen“. Die globale Unordnung dürfte laut Bundesrat „bis auf Weiteres“ bestehen bleiben. Gleichzeitig sei die Schweiz gegenwärtig „ungenügend auf die Abwehr von hybriden Angriffen, Angriffen aus der Distanz und den Verteidigungsfall vorbereitet“.

Das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Die Verteidigungsfähigkeit soll erhöht, kritische Infrastruktur besser geschützt und der Bevölkerungsschutz gestärkt werden. Dabei rückt die Schweiz militärisch näher an ihre europäischen Partner. Die Strategie erklärt ausdrücklich, dass die Verteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs „in Kooperation möglich und vorbereitet“ sein müsse. Internationale verteidigungspolitische Zusammenarbeit gehört künftig ausdrücklich zum Konzept der umfassenden Sicherheit.

Damit berührt die neue Strategie zwangsläufig auch die Neutralität. Der Bundesrat bezeichnet sie als sicherheits- und aussenpolitisches Instrument, das immer wieder den jeweiligen Herausforderungen angepasst worden sei. Das Neutralitätsrecht verbietet zwar den Beitritt zu einem Militärbündnis mit Beistandspflicht. Wird die Schweiz jedoch selbst angegriffen, darf sie laut Strategie gemeinsam mit anderen Staaten ihre Verteidigung organisieren.

Der Ernstfall wird dabei längst nicht mehr nur als Einmarsch fremder Panzer gedacht. Die wahrscheinlichsten Bedrohungen der kommenden Jahre sieht Bern vielmehr in hybriden Angriffen und Angriffen aus der Distanz. Cyberattacken, Sabotage, Spionage, wirtschaftlicher Druck, Desinformation und verdeckte Operationen können nach dieser Definition ineinandergreifen – bis kaum noch eindeutig feststellbar ist, wo Frieden endet und Krieg beginnt.

Auch technologisch zeichnet der Bericht ein düsteres Bild. Künstliche Intelligenz könne Cyberangriffe automatisieren, Desinformation beschleunigen und zunehmend autonome Waffensysteme ermöglichen. Selbst vor der nächsten technologischen Zeitenwende warnt Bern bereits: „In naher Zukunft dürften leistungsfähige Quantencomputer heutige Verschlüsselungssysteme brechen und damit die Informationssicherheit stark gefährden.“

Der Bundesrat macht damit deutlich, dass er nicht mit einer baldigen Rückkehr zur alten Normalität rechnet. Die Schweiz soll widerstandsfähiger, militärisch verteidigungsfähiger und international stärker vernetzt werden. Insgesamt umfasst die Strategie zehn Ziele und 46 konkrete Massnahmen.

Ein direkter militärischer Angriff auf die Schweiz gilt weiterhin als unwahrscheinlich. Doch genau dieser Satz bekommt im Bericht einen entscheidenden Zusatz: „Die Lage aber kann sich sehr rasch ändern.“ Deshalb müsse bereits jetzt über Jahre hinweg vorbereitet und investiert werden.

Die Botschaft aus Bern lässt sich damit auf einen einfachen Nenner bringen: Die Schweiz erwartet keinen Krieg vor der Haustür – aber sie hält eine erhebliche Verschlechterung der europäischen Sicherheitslage inzwischen für realistisch genug, um sich auf den Ernstfall vorzubereiten.

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