Was passiert mit einem Familienhotel, wenn die nächste Generation übernimmt? Im „Alpiana“ in Südtirol lautet die Antwort: ziemlich viel. Hier haben die Brüder Christian und Johannes Margesin einen modernen Rückzugsort zwischen Bergen, Palmen und Apfelbäumen geschaffen
Diese Geschichte steckt voller Zufälle. Ende der 1960er-Jahre verkauft der Südtiroler Josef Margesin das elterliche Agrarunternehmen und sucht nach einer neuen Aufgabe. Tourismus könnte interessant sein, denkt er. Kurze Zeit darauf entdeckt Margesin oberhalb seiner Geburtsstadt Lana eine brachliegende Wiese und erwirbt sie. Im Jahr 1975 eröffnet er dort den „Völlanerhof“, ein Hotel mit damals 25 Zimmern.
Heute führen seine Enkel das Haus. Klassische Hoteliers sind die Margesin-Brüder eher nicht: Johannes studierte Jura in Mailand, Christian Betriebswirtschaft in Rom, Bergen und Mailand – und arbeitete danach im Change-Management eines Herstellers von Raupenfahrzeugen. Auch ihr Vater Johann kam über ein Studium in St. Gallen ins Hotel, während ihre Mutter Monika eine Hotelfachausbildung absolvierte.
Vielleicht erklärt gerade dieser Blick von außen, warum die zwei Brüder irgendwann eine grundsätzliche Frage stellten. Ergibt es wirklich Sinn, im laufenden Betrieb immer wieder hier zwei und dort drei Zimmer sowie einen Teil des Speisesaals zu renovieren? Nur um bald wieder von vorn zu beginnen? Oder braucht es einen großen Wurf?
Die Familie entscheidet sich für Letzteres. Im November 2014 beginnen die Bauarbeiten und schon im März eröffnet ein völlig neues Hotel. Und zwar nicht mehr als „Völlanerhof“, der schon begrifflich internationales Wachstum erschwert hatte, sondern als „Alpiana Mountain Resort & Spa“. Weitere Investitionen folgten, zuletzt kamen 2025 das „Alcielo Sky Spa“ mit Pool und Yogaplattform sowie ein „Kids House“ dazu.
Wenn Südtirol auf Mittelmeer trifft
Von meiner Terrasse aus erkenne ich gut, was das „Alpiana“ so besonders macht. Rund um das Haus erstreckt sich ein 15.000 Quadratmeter großer Poolgarten, in dem sich Palmen und mediterrane Botanik mit Apfelgärten mischen. Dazu sieht man Wälder und die Berge. Dahinter liegen der Tennisplatz und ein Kinderspielbereich. Ein Gelände, das weniger wie ein klassisches Alpenresort wirkt als ein mediterraner Garten, der hierher verpflanzt wurde.
Auch die Architektur spielt mit diesem Kontrast. Große Glasflächen ebnen den Übergang zwischen drinnen und draußen, rustikales Holz und andere natürliche Materialien erden das Haus in seiner bergigen Umgebung. Vom Dach-Spa eröffnet sich ein 360-Grad-Panorama des Meraner Landes.
Ein Match mit dem Hotelier
Später treffe ich Christian Margesin zum Gespräch, ganz entspannt auf dem Tennisplatz des „Alpiana“. Solche Begegnungen erzählen oft mehr über ein Hotel als jede Hochglanzbroschüre. Der Gastgeber steht selbst auf dem Platz und erzählt offen, wie unerbittlich das Gastgewerbe in Südtirol geworden sei. Sämtliche Mitbewerber, so Margesin, würden kompetent und rührig agieren. Das erhöht den Druck. Und wer sich heute jahrelang zurücklehnen würde und nicht(s) verändere, dem würden bald die Gäste fehlen.
Das klingt zunächst nach einem „Wettrüsten“ mit Schwimmbädern, Wellness-Liegen und immer größeren Suiten. Tatsächlich erklärt das aber einen Teil des Erfolgs der Region Südtirol. Es sind Familien wie die Margesins, die ihr eigenes Geld in ihre Betriebe investieren, ihre Energie und oft ihr ganzes Leben. Die wichtige Frage lautet deshalb weniger, wer noch höher oder größer baut. Eher: Wem gelingt es, sich stetig zu erneuern und zugleich erkennbar zu bleiben? Im „Alpiana“ meistert man diese Balance gut.
Pool, Palmen und ein „French 75“
Das gilt auch für den Wellnessbereich, der sich über drei Ebenen und auf 2.000 Quadratmetern erstreckt. Ich erspare Ihnen an dieser Stelle die übliche Inventur von Poolbecken, Saunen und Ruheräumen. Entscheidend ist: Fast überall bleibt die Natur mindestens optisch präsent – das Wasser, der Garten und die Berge. Diese mediterrane Leichtigkeit unterscheidet das „Alpiana“ von vielen klassischen Wellnesshotels in den Alpen.
Auch die Küche ist regional verwurzelt, erlaubt sich jedoch köstliche mediterrane Freiheiten. Nach dem Dinner bleibe ich an der Bar bei Antonio Anselmi sitzen, der seit acht Jahren hier mixt und einschenkt. Sein „French 75“ aus Gin, Champagner und Zitrone gehört zu den meistbestellten Drinks des Hauses. Ein ungemein überzeugendes Argument, noch etwas zu verweilen.
Sonnenaufgang statt Sightseeing
So angenehm das Leben im Resort ist: Wenigstens für ein paar Stunden sollte man es verlassen. Mein Tipp für Frühaufsteher ist das St.-Hippolyt-Kirchlein, das auf einem 758 Meter hohen Basalthügel oberhalb von Lana steht. Vom „Alpiana“ spaziert man rund eine Stunde dorthin, bequemer geht es mit dem Auto bis zum Wanderparkplatz Hippolyt bei Naraun und von dort in etwa 20 Minuten über den Besinnungsweg hinauf. Beim Sonnenaufgang blickt man von hier weit über das Etschtal.
Später darf die Belohnung profaner ausfallen. Für ein leckeres Eis empfiehlt der Concierge die „Eismanufaktur JeLia“ in Lana oder die „Eisdiele Sabine“ in Meran. Und wer im Herbst anreist, der erlebt Südtirol in seiner vielleicht sinnlichsten Saison: Ernte, Wein und traditionelle kulinarische Feste bestimmen dann die Dörfer ringsum.
Der Mann, der keinen Fehler fand
Vielleicht versteht man die Familie Margesin am besten, wenn Christian eine Geschichte über seinen Vater Johann erzählt. Rund 30 Jahre träumt dieser von einem zweiten Hotel, am Gardasee. Immer wieder fährt die Familie hinunter und besichtigt Grundstücke, die infrage kämen. Und immer findet der Vater einen Haken: zu laut, falsche Lage, nur eine Stromleitung.
Dann stehen sie wieder auf einem Grundstück, hoch über Torri del Benaco. Traumhafte Lage, genügend Platz, alles stimmt. Christian erinnert sich noch genau an den Moment: Sein Vater sei regelrecht sauer auf sich gewesen, weil er einfach keinen Fehler fand.
Also schlägt die Familie zu. Nach einer jahrelangen Odyssee durch italienische Genehmigungsverfahren eröffnet 2023 mit dem „Cape of Senses“ das zweite Hotel der Margesins. Was man aus der Anekdote lernt: Diese Hoteliers prüfen lange, zweifeln erste Annahmen an, rechnen wieder und wieder nach. Doch ist eine Entscheidung dann gefallen, wird sie konsequent umgesetzt.
Als ich zum Abschied noch einmal durch den Garten des „Alpiana Mountain Resort & Spa“ gehe, vorbei an Palmen und Apfelbäumen, muss ich wieder an die Geschichte von dem Grundstück am Gardasee denken. Johann Margesin fand dort keinen Fehler, und mir geht es nach meinem Testaufenthalt im „Alpiana“ ganz ähnlich.
