Internationale Medien berichten derzeit über neue Erkenntnisse zu einem der geheimnisvollsten Systeme des russischen Atomwaffenarsenals. Im Mittelpunkt steht „Perimetr“, im Westen als „Dead Hand“ bekannt. Recherchen der Sunday Times, von Danwatch und dem Dossier Center zufolge wurde eine tief im Ural gelegene militärische Kommandoanlage massiv ausgebaut; Dokumente sollen darauf hindeuten, dass ein neuer Kontrollabschnitt für das System 2023 in Gefechtsbereitschaft versetzt wurde. Damit rückt ausgerechnet in einer Phase wachsender Spannungen zwischen Russland und der NATO ein System wieder ins Rampenlicht, das für den äußersten Ernstfall geschaffen wurde: einen nuklearen Gegenschlag selbst dann noch zu ermöglichen, wenn die russische Führung und zentrale Kommandostrukturen bereits ausgeschaltet worden wären.
Es gehört zu den geheimnisvollsten Hinterlassenschaften des Kalten Krieges: „Perimetr“, im Westen unter dem dramatischen Namen „Dead Hand“ – „Tote Hand“ – bekannt.
Die Grundidee ist ebenso einfach wie erschreckend: Selbst wenn Russland von einem massiven nuklearen Erstschlag getroffen würde, die politische und militärische Führung ausgeschaltet wäre und die normalen Kommunikationswege zu den Atomstreitkräften zerstört wären, sollte ein russischer Gegenschlag weiterhin möglich bleiben.
Genau dafür entwickelten die Sowjets Perimetr.
Das System entstand vor dem Hintergrund der Angst vor einem sogenannten „Enthauptungsschlag“: Ein Gegner könnte versuchen, Moskau und die militärischen Kommandozentralen so schnell zu vernichten, dass niemand mehr den Befehl zum Gegenschlag erteilen könnte.
Perimetr sollte dieses Szenario praktisch wertlos machen.
Statt sämtliche russischen Atomraketen direkt zu kontrollieren, fungiert Perimetr nach den öffentlich bekannten Informationen vor allem als Notfall-Kommunikations- und Befehlssystem. Spezielle Kommandoraketen könnten im äußersten Notfall Startbefehle an noch intakte strategische Nuklearstreitkräfte übertragen – selbst wenn die gewöhnliche militärische Befehlskette bereits zusammengebrochen wäre.
Damit steckt hinter „Dead Hand“ eine der zentralen Logiken nuklearer Abschreckung:
Wer Russland mit einem vernichtenden Erstschlag ausschalten will, soll wissen, dass er damit den eigenen Gegenschlag trotzdem nicht verhindern kann.
Genau an diesem Punkt beginnt allerdings auch der Mythos.
„Dead Hand“ wird häufig als vollständig automatische Weltuntergangsmaschine dargestellt, die nach dem Tod der russischen Führung selbstständig Atomraketen startet. Dafür gibt es keine gesicherte Grundlage.
Der ehemalige sowjetische Offizier Valery Yarynich, der nach eigenen Angaben an dem System beteiligt war, erklärte, dass Perimetr gerade keine völlig autonome Maschine gewesen sei. Selbst unter extremsten Bedingungen sollte eine menschliche Entscheidung Bestandteil des Ablaufs bleiben.
Auch der renommierte Nuklearwaffenforscher Pavel Podvig beschreibt Perimetr wesentlich nüchterner: als Reserve- und Kommunikationssystem, das gewährleisten soll, dass ein Startbefehl auch dann noch übermittelt werden kann, wenn die regulären Kommandozentralen zerstört wurden. Wie weit die Entscheidungsprozesse im Ernstfall automatisiert werden können, ist öffentlich bis heute nicht eindeutig geklärt.
Damit erhält die Geschichte vor dem Hintergrund der heutigen Konfrontation zwischen Russland und der NATO eine besondere Bedeutung.
Perimetr wurde für den schlimmstmöglichen Moment geschaffen: den Augenblick, in dem die russische Führung möglicherweise bereits vernichtet ist, die Kommunikation zusammenbricht und trotzdem noch entschieden werden muss, ob ein nuklearer Gegenschlag erfolgt.
Es ist deshalb weniger eine geheimnisvolle Maschine, die selbstständig den Weltuntergang auslöst, als vielmehr die letzte Rückversicherung der russischen nuklearen Abschreckung.
Oder anders gesagt:
Selbst wenn die Hand, die normalerweise den Befehl gibt, nicht mehr existiert, soll Russland noch eine letzte Möglichkeit behalten, zurückzuschlagen.
Genau daher stammt der düstere Name, unter dem das System im Westen berühmt wurde:
„Dead Hand“.


