„Gaza wird digital neu aufgebaut: 2,45-Milliarden-Plan sieht digitale ID, E-Government und biometrische Verifikation vor“

Nach dem Krieg kommt die digitale ID: Gaza soll für 2,45 Milliarden Dollar digital neu aufgebaut werden

Während der Gazastreifen vor einem gewaltigen physischen Wiederaufbau steht, soll gleichzeitig eine neue digitale Infrastruktur entstehen. Der am 23. September in New York vorgestellte Wiederaufbauplan des Board of Peace umfasst 2,45 Milliarden US-Dollar – und einer seiner sechs zentralen Pfeiler ist die „digitale Transformation“. Dazu gehören nicht nur Mobilfunk und digitale Behörden, sondern ausdrücklich auch eine digitale Identität für die Bevölkerung.

Nach Angaben von Biometric Update umfasst das Programm insgesamt 66 Projekte und soll innerhalb von sechs Monaten umgesetzt werden. Geplant sind die Wiederaufnahme der 4G-Abdeckung, der Aufbau von Rechenzentren sowie die Digitalisierung des Gesundheits- und Bildungswesens. Herzstück soll jedoch ein digitales Identitätssystem sein, das wiederum die Grundlage für ein umfassendes digitales Regierungsökosystem schaffen soll. Verwaltungsprozesse und der Zugang zu Dienstleistungen sollen dadurch gebündelt und vereinfacht werden.

Damit geht es um weit mehr als einen schnelleren Internetzugang. Die digitale Identität könnte künftig zu einer zentralen Schnittstelle zwischen Bewohnern, Behörden und möglicherweise auch dem Finanzsystem werden.

Wie ein solches System aussehen könnte, hat der Atlantic Council bereits im Juli skizziert. Der US-Thinktank schlägt eine auf Blockchain-Technologie beziehungsweise dezentralen Registern basierende Lösung vor. Bürger könnten kryptografisch signierte Identitätsnachweise in einer digitalen Wallet speichern und gegenüber Behörden oder Dienstleistern jeweils die benötigten Informationen vorlegen.

Besonders weitreichend ist die mögliche Verbindung mit dem Finanzsystem. Laut dem Vorschlag könnte die digitale ID mit Finanzkonten gekoppelt werden, um elektronische Identitätsprüfungen – sogenanntes eKYC – und Zahlungen zu erleichtern.

Auch biometrische Verfahren sind Teil der Überlegungen. Vorgeschlagen wird ein mehrstufiges System: einfache Identitätsprüfungen für weniger sensible Dienstleistungen, dokumentenbasierte Kontrollen bei Finanztransaktionen und eine vollständige biometrische Verifikation bei Hochsicherheitsanwendungen.

Genau hier beginnt die politische und gesellschaftliche Brisanz. Biometric Update verweist selbst auf bereits geäußerte Befürchtungen, dass die geplante Kombination aus digitaler Identität, digitalen Wallets und biometrischer Verifikation zu einem Überwachungsmechanismus werden könnte.

Damit erhält der Wiederaufbau Gazas eine Dimension, die weit über Häuser, Straßen und Krankenhäuser hinausgeht. Parallel zur physischen Infrastruktur soll eine digitale Architektur entstehen, über die Identität, staatliche Dienstleistungen und möglicherweise Finanztransaktionen organisiert werden können.

Befürworter sehen darin eine Möglichkeit, nach Krieg und Zerstörung schnell wieder funktionierende Verwaltungs- und Finanzstrukturen aufzubauen. Die entscheidenden Fragen bleiben jedoch: Wer kontrolliert diese Infrastruktur und die darin gespeicherten Daten? Welche Dienste werden künftig an die digitale Identität gekoppelt? Wie freiwillig wird ihre Nutzung tatsächlich sein? Und welche Schutzmechanismen verhindern, dass aus einem Instrument des Wiederaufbaus ein Instrument umfassender Kontrolle wird?

Gaza könnte damit nicht nur physisch neu aufgebaut werden. Gleichzeitig entsteht die Blaupause für einen digital verwalteten Gazastreifen, in dem die digitale Identität zu einem zentralen Schlüssel für Behörden, Dienstleistungen und möglicherweise das Finanzsystem werden könnte.

Beitrag teilen