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Klassische Musik: Star-Tenor Benjamin Bernheim: „Jeder ist ersetzbar, sogar Maria Callas“

Der Tenor Benjamin Bernheim gilt als Superstar. Nach seinem Solodebüt in der Hamburger Elbphilharmonie spricht er über Einsamkeit auf Tournee, knappere Kassen im Kulturbereich – und den Druck moderner Schönheitsideale

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Der Tenor Benjamin Bernheim gilt als Superstar. Nach seinem Solodebüt in der Hamburger Elbphilharmonie spricht er über Einsamkeit auf Tournee, knappere Kassen im Kulturbereich – und den Druck moderner Schönheitsideale

Wenige Stunden nach seinem Solo-Debüt in der Elbphilharmonie mit Stücken von Puccini, Verdi und aus „Roméo et Juliette“ lädt Benjamin Bernheim zum Interview ins Hamburger Luxushotel Vier Jahreszeiten ein. Der 41-jährige Franko-Schweizer gilt als einer der gefragtesten lyrischen Tenöre der Welt und ist seit neun Jahren Markenbotschafter der Uhrenmanufaktur Rolex. Ein Gespräch über Adrenalin und Einsamkeit, über Timothée Chalamet – und die richtige Uhr für den „Kampfmodus“:

Capital: Herr Bernheim, wie haben Sie Ihr Debüt mit einem Soloprogramm in der Elbphilharmonie erlebt?
Das erste Mal ist immer ein kleiner Schock, denn die Akustik in diesem Konzerthaus ist einzigartig. Durch die rundum von Publikum umgebene Bühne muss man sich bewegen, sonst verliert man einen Teil der Zuhörer. Die „Elphi“ macht uns Sänger quasi zu Instrumentalisten.

Wie haben Sie sich auf diesen 360-Grad-Einsatz vorbereitet?
In der Branche gibt es mittlerweile einige Mythen darüber, wie man hier richtig singt. Was davon trägt und zum eigenen Stil passt, muss in den Proben getestet werden. Ich habe mir zudem angeschaut, was berühmte Kollegen wie Jonas Kaufmann, Elīna Garanča oder Andreas Schager bei ihren Solokonzerten gemacht haben.

Dem lang anhaltenden stehenden Beifall nach hat das funktioniert.
Ich glaube, ja. Aber ich war selten so müde nach einem Auftritt – ich habe wirklich alles gegeben. Bis zur letzten Zugabe!

Wie gehen Sie mit Lampenfieber um?
Als Kind war ich sehr schüchtern. Ein Gespräch wie dieses hier – undenkbar. Dann kam der Kinderchor, später der Opernchor in Lausanne und Genf während des Studiums, dann die Solistenrollen. Schritt für Schritt habe ich mir beigebracht, mich vom Kontext nicht auffressen zu lassen.

Wann fällt das Adrenalin nach so einem Meilenstein wieder ab?
Gestern um ein Uhr nachts. Plötzlich geht es runter – wie bei Athleten oder Politikern nach einer großen Rede.

Und dann sitzen Sie allein im Hotel.
Ja, deshalb nutze ich oft Videoanrufe mit meiner Familie. Ein Freund hat als Jugendlicher ein Jahr lang Roberto Alagna und Angela Gheorghiu begleitet. Was er sah: den riesigen Hype um dieses Paar im Londoner Covent Garden, in Berlin, in München – gefolgt von der Stille im Taxi unterwegs ins Hotel. Diesen ständigen, raschen Wechsel zwischen zwei Extremen muss man aushalten lernen. Trotzdem ist es in unserer Branche noch immer ein Tabu, über Einsamkeit zu sprechen.

Warum?
Die Leute denken, wir seien ständig von Menschen umgeben, einer ganzen Entourage. Das stimmt so in der Regel aber nicht. Doch Einsamkeit hat auch ihr Gutes: Man kann in Ruhe lesen, Sport treiben, in irgendeiner Form ganz konzentriert kreativ sein. Dafür verpasst man durch die starren Termine der Engagements und das Reisen oft die Geburtstage von Freunden und auch Hochzeiten. „Nein“ zu sagen, ist die wahre Kunst unseres Metiers. Mein früherer Manager sagte mir einmal: „Jeder ist ersetzbar, sogar Maria Callas.“ Bis zu diesem Punkt aber trage ich eine große Verantwortung, zu funktionieren. 

Sie vergleichen sich gern mit Athleten.
Wir sind wie Formel-1-Fahrer oder Abfahrtsläufer: Wir kennen die Strecke und unser größter Gegner sind wir meist selbst. Siege gelingen nur mit ausreichend Schlaf und genügend Erholungsphasen, gerade wenn man nicht mehr 25, sondern 41 Jahre alt ist, wie ich. Die ersten zwei, drei Töne auf der Bühne sind dann wie das Gefühl des Schnees unter den Skiern: Wird es holprig oder smooth? Gerade habe ich vier Verdi-Requiems innerhalb von acht Tagen gesungen. Im Fußball nennt man das wohl eine „englische Woche“.

Der Hollywood-Schauspieler Timothée Chalamet hat im Frühjahr die Oper und das Ballett sehr schlagzeilenträchtig als sterbende Kunstformen bezeichnet. Trifft Sie das?
Er liegt nicht falsch – aber auch nicht ganz richtig. Und ehrlich: Danke, Timothée! Er hat der Oper die beste Werbung seit Jahren beschert. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wurde bei den Oscars über klassische Musik und Tanz gesprochen.

Also keine Verteidigungsrede?
Nein. Wir sind eine Nische, das waren wir immer. Das sollten wir umarmen, statt die Oper als etwas zu verkaufen, das sie nicht ist. Stimmt, ich bin nicht Bad Bunny, den ich übrigens sehr mag. Trotzdem sind die meisten Opernhäuser weltweit voll, ob in Mailand, in Wien oder in Paris. Und wir haben keine Stadien zu füllen, uns reichen jeweils 1000 bis 4000 Besucher. Wenn ich also von 100 jungen Menschen, etwa durch den Besuch von Gratis-Generalproben, so zwei bis fünf für klassische Musik begeistern kann, ist die Zukunft auf der Nachfrageseite gesichert. 

Trotzdem sinken die öffentlichen Mittel. Wie wichtig sind Luxusmarken als Mäzene?
Die öffentliche Förderung war jahrzehntelang das Rückgrat unserer Branche. Ein Segen, der uns zugleich etwas träge gemacht hat. Selbst die Berliner Philharmoniker mussten vor zwei Jahren ihr Budget kürzen, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg. Das war für unsere Zunft wie, wenn der sprichwörtliche Kanarienvogel im Minenschacht von der Stange kippt. Ein Weckruf. Jetzt muss man sich sexy machen – für das Publikum, soziale Medien, für potenzielle Geldgeber. Interessant: Für die Opern von San Francisco lägen die Tech-Milliardäre im Silicon Valley nahe. Doch, wenn ich Freunden Glauben schenken kann, von dort kommt kein einziger Cent. Dabei komponierte vor Jahren sogar jemand eine „Steve Jobs“-Oper …

Sie sind seit dem Beginn Ihrer Karriere ein Markenbotschafter von Rolex. War das ein Ritterschlag damals oder ein zusätzlicher Druck?
Sicherlich beides. Man muss immer in Bestform sein, weil man die Spitze der Uhrenbranche repräsentiert. Aber es war auch ein Antrieb, sehr früh mein Niveau stetig weiter anzuheben.

Der richtige Look gehört inzwischen dazu?
Absolut, da hat die Welt der Klassik über die Jahre definitiv von der Popmusik gelernt. Mit nicht nur positiven Folgen möchte ich hinzufügen. Ein Beispiel: Vor zwei Jahren war ich krank, konnte zwei Wochen lang nicht ins Gym und nahm etwas zu. Jemand fotografierte mich dann nach einer Vorstellung, und am nächsten Morgen stand auf Facebook: „Er ist fett geworden!“ Jetzt mache ich seit drei Monaten gezieltes Krafttraining und höre ständig: „Sie sind wirklich Opernsänger? Ich dachte, die sind alt, dick und haben keine Haare.“

Bei Ihren Kolleginnen dürfte der Druck noch größer sein.
Wenn eine Sängerin zweimal in derselben Robe an wichtigen Häusern gesehen wird, heißt es sofort: „Oh, die hat wohl keinen Designer als Sponsor oder gibt sich keine Mühe mehr.“ Für 98 Prozent der Frauen auf der Bühne ist das eine Tyrannei im Kopf, ständig etwas Neues suchen zu müssen.

Auch das Publikum kleidet sich anders als früher.
Vor zehn, fünfzehn Jahren begann der Rückzug des „Black Tie“-Zwangs, und außer im Trainingsanzug oder in Badeshorts kam man in viele Häuser problemlos rein. Ich habe Birkenstocks im Haus für Mozart in Salzburg gesehen! Seit drei, vier Jahren dreht es sich: Plötzlich wollen junge Männer sich formeller kleiden, junge Frauen wünschen sich Kleider, die auch ihre Großmütter einst getragen hätten. Dazu Schmuck und Uhren, gern auch etwas üppiger.

Sie selbst tragen eine Rolex Daytona am Handgelenk.
Mit Absicht! Ich hätte auch meine neue Rolex Land-Dweller nehmen können. Doch ich mag die Verbindung des Modells zum Rennsport, da ich für mein Debüt im „Kampfmodus“ war, mich als Herausforderer sah. Was ich am Handgelenk trage, ist eher meine Rüstung als der Anzug.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Uhr?
Das war eine Casio, also mit Digitalanzeige, und ich habe sie geliebt. Ich bekam sie mit acht Jahren von meinen Eltern geschenkt und fühlte mich damit sehr erwachsen, als Hüter der Zeit. Wenige Monate später habe ich sie beim Baden im Meer verloren. Ich war am Boden zerstört. Danach trug ich jahrelang keine Uhr mehr, aus Angst, meiner Verantwortung dafür nicht gerecht zu werden.

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