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Kultur im Jahre 2026: Loblied auf den Fettnapf | Von Paul Clemente

Kultur im Jahre 2026: Loblied auf den Fettnapf | Von Paul Clemente

Ob im Theater, im Kino oder in der bildenden Kunst: Das wahre Event sind die Skandale. Die Werke? Verschwinden darin.

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Kultur im Jahre 2026: Loblied auf den Fettnapf | Von Paul Clemente

Ein Beitrag von Paul Clemente.

Ob im Theater, im Kino oder in der bildenden Kunst: Das wahre Event sind die Skandale. Die Werke? Verschwinden darin.

Zugegeben, im ersten Moment schien die Idee cool: Matthias Lilienthal, frisch gekürter Intendant der Berliner Volksbühne, präsentierte auf der Pressekonferenz seine Pläne. Gleich zum Beginn der Spielzeit will er vor dem Haus am Rosa Luxemburg-Platz ein „Volksbad“, ein Schwimmbecken errichten. 25 Meter lang, mit Pommes Bude, ohne Ausweispflicht und freiem Eintritt.

Die Journalisten begeisterten sich für diesen PR-Coup: Der Intendant hatte sein Haus ins Gespräch gebracht. Auch bei jenen, die nie ein Theater besuchen. Das Konzept klang so durchgeknallt, dass niemand die Frage stellte, was es eigentlich sollte. Zugegeben, eine kleine Begründung hatte der Intendant geliefert: Das „Volksbad“ reagiere auf die Berliner „Infrastrukturkrise“ und soll die Stadt buchstäblich ins Schwimmen bringen.

Einen ähnlichen Auftakt hatte Lilienthal bereits 2015 versucht, bei der Übernahme der Münchener Kammerspiele. Als Reaktion auf Merkels Grenzöffnung, ließ er an Schicki-Plätzen kleine Asylhäuser errichten. Das löste einen lokalen Crash aus. Aber das hatte – egal, wie man es bewertet – wesentlich mehr Brisanz als ein Plantschbecken. Zumal in einer Stadt, wo zahlreiche Badeseen problemlos zu erreichen sind.

Allerdings räumt Lilienthal ein: Die Volksbühne sei „gar nicht so sehr ein Kunsthaus, sondern eher ein Sozialhaus.“ Damit wäre das aktuelle Primat des Politischen erneut bestätigt. Kunst war gestern. Jetzt heißt es: Politischer Aktivismus ins Rampenlicht. Die Werke werden nicht „politischer“, sondern lösen sich darin auf.

Ob Theater, Ausstellung, Konzert oder Kino: Längst hat man sich gewöhnt, dass Berichterstatter wenig über künstlerische Darbietungen schreiben. Viel größer ist das Interesse am politischen Klatsch und Skandalisierung. Ob in der Kantine oder im Intendantenzimmer: Wer trat in welchen Fettnapf? Das Werk? Pure Beigabe. Das Gimmick zum Skandal. Beispiel: Als vor vier Jahren eine Neuinszenierung des Bayreuther „Ring des Nibelungen“ startete, kümmerte das keine Sau. Stattdessen lag das Hauptinteresse auf Übergriffigkeiten, die Festspielleiterin Katharina Wagner erleiden musste. Me too schlug den alten weißen Komponisten.

Oder, wieder in Berlin: Das Deutsche Theater würzte seinen Newsletter mit dem Satz: „Heim ins Theater“. Na, wenn das keine Anspielung auf „Heim ins Reich“ ist! Nazi! Nazi! Die Intendantin entschuldigte sich, und übte öffentlich Selbstkritik. Dabei bietet das Haus einen luxuriösen Anti-Trigger-Service: Da finden Besucher eine Auflistung geistiger Zutaten, eine Warnung vor mentalen Allergenen. Ist keins der eigenen Trigger Themen dabei, kann man beruhigt die Karte bestellen. O-Ton: „Theater macht nur dann Freude, wenn es nicht die eigenen Grenzen überschreitet.“ Hilfe! Wer kann in dieser Peace-im-Verlies-Kultur, in diesem Knast noch interessantes Theater inszenieren?!

Vielleicht geht das Theater noch nicht weit genug? Stellt sich doch die Frage: Warum die Live-Inszenierungen, Filme, Malereien oder Kompositionen nicht komplett einmotten? Es reicht doch, wenn irgendein Betriebsmitglied in die Öffentlichkeit ruft, dass der Intendant heimlich AfD wähle: Schon hat man einen Skandal, der selbst erfahrenen Provo-Künstlern unerreichbar ist .

Dann bräuchte das Publikum keine modrigen Theatertexte oder dramatisierte Correctiv-Artikel zu erdulden. Nein, das ist kein Witz: Recherchen der Correctiv-Journalisten werden vom Schauspiel Köln für das Bühnenprojekt „Truth on Stage“ verwurstet. Das läuft dann als Dokumentartheater und wird mit EU-Subventionen in Millionenhöhe belohnt.

Ein ebenso frisches Beispiel kommt aus der bildenden Kunst, der Biennale in Venedig. Schon im März forderten Künstler den Boykott des israelischen Pavillons. Im April setzte die Jury ein weiteres Land drauf: Die Biennale-Leitung solle neben Israel gefälligst auch Russland ausschließen. Präsident Pietrangelo Buttafuoco lehnte die Cancel-Forderung kategorisch ab: Die Biennale solle ein offener Raum bleiben, der sich gegen Zensur richtet und den Dialog aller Länder intendiert. 

Daraufhin machte die Jury auf sensibel und trat geschlossen zurück. Die Direktion griff zur Notlösung: Wenn keine Jury mehr da ist, warum soll dann nicht das Publikum entscheiden? Gesagt, getan: Der goldene und silberne Löwe wurden zu Publikumspreisen erklärt. Die Besucher wählen den Sieger mittels Stimmzettel. Leider spielte ein großer Teil der Genies nicht mit: Siebzig Künstler forderten in einem öffentlichen Brief die Streichung ihrer Namen von den Stimmzetteln. Heißt das: Wir wollen nicht vom doofen Publikum beurteilt werden, sondern von Fachleuten, deren Expertise zugleich den Marktwert steigert? – Nicht doch.

Die 70 Boykotteure haben laut Online-Brief „grundsätzlich nichts gegen die Idee, Besucher über Preise abstimmen zu lassen“ Nein, der Widerwille richte sich gegen die Rücktrittserklärung der Jury. Aber was kann die Direktion dafür? Hätte sie der Erpressung nachgeben sollen? Zumal auch weitere Staaten die Menschenrechte nicht gerade hochhalten. Da wären die USA unter Donald Trump. Oder China, deren Justiz mittels Todesstrafe den internationalen Schlacht-Rekord verbucht.

Zum Abschluss, nach Theater und bildender Kunst, gönnen wir uns noch einen Ausflug nach Hollywood: Sogar die Studio-Bosse zittern vor politischen Kämpfen im Internet. Nach Drosselung der Produktionsrate setzt man weiterhin auf astronomisch teure Blockbuster. Einer davon ist Christopher Nolans „Odyssee“. Obwohl der Film erst im Juli startet und nur zwei Trailer plus einiger Info-Häppchen die Außenwelt erreichten.

Trotzdem war durchgesickert, dass Transmann Elliot Page, ehemals Ellen Page, zur Besetzung zähle. Wen er spielt? Weiß man nicht. Also spekulierte man um die Wette. Durchgesetzt hat sich die Vermutung, dass er den Achill spiele. Achill ist ein Top-Krieger. Ein Muskelpaket. In der „Troja“-Verfilmung von 2004 lieh ihm Brad Pitt seinen McFit-Körper. Und dieser Kraftmensch werde jetzt von Pages zierlichem, ehemals femininen Körper vertreten?

Obwohl die Zuordnung unbestätigt blieb, obwohl sie unter Branchen-Profis als unwahrscheinlich gilt – no chance: Die Polit-Schlacht im Netz übertönte das Gebrüll der Krieger um Troja. Jetzt herrscht in Hollywood Panik, das Publikum könne durch solche Debatten genervt sein, das Interesse vor Kinostart bereits verloren haben.

Egal. Freuen wir uns auf das nächste große Kunst-Event. Ort der Austragung: Wieder Venedig. Die guten alten Filmfestspiele. Und ein, zwei Qualitätsstreifen dürften dabei sein. Aber das interessiert allenfalls ein paar Freaks. Kein Mensch erinnert sich an die Gewinner der Goldenen Palme, des Löwen oder Berlinale-Bären. Für den wahren Unterhaltungswert sorgen wieder die Fettnapf-Treter und Cancel-Forderer. Hoffen wir, dass die Festival-Leitung viele Personen mit maximal konträren Standpunkten einlädt. Dann wird die sinkende Stadt erneut zum Circus Maximus. 

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Berlin – 16. März 2024: Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, ikonisches Theater in Berlin
Bildquelle: Elena Rostunova / shutterstock

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