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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Zwei Flugzeugträgergruppen, zwanzig Kriegsschiffe, 170 Luftangriffe – und die Straße von Hormus liegt still wie am ersten Kriegstag. Kein Sieg, keine Niederlage, nur ein Zustand, der sich selbst reproduziert. Wer das für ein Scheitern amerikanischer Kriegsführung h&
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Zwei Flugzeugträgergruppen, zwanzig Kriegsschiffe, 170 Luftangriffe – und die Straße von Hormus liegt still wie am ersten Kriegstag. Kein Sieg, keine Niederlage, nur ein Zustand, der sich selbst reproduziert. Wer das für ein Scheitern amerikanischer Kriegsführung hält, hat die eigentliche Frage noch nicht gestellt: Was, wenn Sieg nie das Ziel war?
Diese Frage klingt zynisch. Sie ist es auch. Aber sie ist die einzige, die erklärt, warum die mächtigste Militärmaschine der Geschichte gegen ein Land antritt, dessen Wirtschaftskraft einen Bruchteil der eigenen ausmacht – und drei Monate später nichts vorzuweisen hat außer Zerstörung, gestiegenen Ölpreisen und einer Meerenge, die genauso blockiert ist wie am 28. Februar. Man muss nicht an eine
Verschwörung glauben, um zu verstehen, warum das so ist. Man muss nur nachrechnen, wer an der Dauer verdient – und wer am Ende zahlt.
Und man sollte dabei sofort eine naheliegende Fehldeutung beiseiteräumen: Es geht hier nicht um böswillige Einzelpersonen, die im Hinterzimmer Kriege verlängern, weil sie daran verdienen wollen. Es geht um etwas Hartnäckigeres – eine Anreizstruktur, die so beschaffen ist, dass sie Sieg und Frieden gleichermaßen bestraft und Eskalation und Dauer belohnt, unabhängig davon, wer gerade regiert oder was er persönlich will. Ein Verteidigungsminister, ein Notenbankchef, ein Fondsmanager kann ehrlich glauben, das Richtige zu tun, und trotzdem in einem System handeln, dessen Rückkopplungsschleifen ihn systematisch in Richtung Verlängerung drängen. Genau das macht diese Struktur so widerstandsfähig gegen Personalwechsel: Man tauscht den Präsidenten, den Minister, den General aus – und der Mechanismus bleibt bestehen, weil er nicht in Köpfen sitzt, sondern in Bilanzen, Verträgen und Wiederwahlzyklen.
Der Mythos vom Sieg als Kriegsziel
In jeder offiziellen Verlautbarung ist von Zielen die Rede: Freiheit der Schifffahrt, nukleare Nichtverbreitung, Regimewechsel, Stabilität am Golf. Keines dieser Ziele ist erreicht. Die Straße von Hormus wird nicht von der US-Marine kontrolliert, sondern von der Frage, wer bereit ist, das nächste Schiff zu versichern. Der „südliche Korridor“ entlang Omans, den Washington als Beweis der eigenen Stärke feiert, kommt zum Erliegen, sobald Iran ein einziges Mal Feuer eröffnet. Das ist kein Detail am Rande – das ist der eigentliche Befund: Militärische Präsenz erzeugt hier keine Kontrolle, sondern nur Kosten. Und Kosten sind, anders als Kontrolle, ein Geschäftsmodell.
Die Zinsstruktur des Krieges
Kriege werden nicht aus der Portokasse geführt. Sie werden über Anleihen, Sonderhaushalte und Kreditlinien finanziert – und jeder dieser Mechanismen hat einen Gläubiger, der an der Laufzeit verdient, nicht am Ausgang. Deutschlands „Sondervermögen Bundeswehr“ ist dafür ein Lehrstück im Kleinen: Hundert Milliarden Euro, aufgenommen als Schulden, die über Jahrzehnte bedient werden – unabhängig davon, ob die damit beschafften Waffensysteme je zum Einsatz kommen oder veralten, bevor sie ausgeliefert sind. Der Schuldendienst läuft so oder so. Wer die Anleihen hält – Versicherungskonzerne, Pensionsfonds, die Zentralbank als Käufer letzter Instanz –, hat ein Interesse an einem Zustand: dass der Schuldner zahlungsfähig bleibt und die nächste Tranche braucht. Ein beendeter Krieg ist für diese Gläubigerstruktur kein Erfolg. Er ist das Ende eines Zahlungsstroms.
Rüstung als Wachstumsbranche
Man muss dafür keine Innenansicht bemühen – die Aktienkurse liegen offen. Rheinmetall hat sich seit Kriegsbeginn in der Ukraine im Wert vervielfacht; RTX und Lockheed Martin verzeichnen seit Ausbruch des Iran-Kriegs Auftragseingänge, die sich über Jahre strecken. Ein Rüstungskonzern verkauft keine einmaligen Produkte, sondern Wartungsverträge, Munitionsnachschub, Ersatzteile – ein Geschäftsmodell, das strukturell auf Verlängerung angelegt ist, nicht auf Abschluss. Der Interessenkonflikt ist trivial und trotzdem folgenlos: Dieselben Staaten, die Friedensverhandlungen führen, sind über ihre eigenen Rüstungsindustrien Gläubiger des Krieges, den sie zu beenden vorgeben.
Washingtons Drehtür
Nirgendwo lässt sich die Anreizstruktur so konkret nachweisen wie in der US-Personalpolitik selbst. Von den 32 Vier-Sterne-Generälen und -Admiralen, die in den vergangenen fünf Jahren in den Ruhestand gingen, wechselten 26 – über 80 Prozent – als Vorstandsmitglieder, Berater oder Lobbyisten in die Rüstungsindustrie. Das ist kein Einzelfall, sondern die Regel: Eine Untersuchung des Government Accountability Office zählte binnen fünf Jahren 1.700 hochrangige Regierungsbeamte, die denselben Weg nahmen – rund 300 pro Jahr. Ein früherer Verteidigungsminister saß im Vorstand von General Dynamics, bevor er ins Amt kam; sein Nachfolger im Amt kam direkt von Boeing. Wer die Beschaffungsentscheidungen von morgen trifft, verhandelt heute schon seinen eigenen Marktwert von übermorgen – eine Anreizstruktur, die niemand unterschreiben musste, weil sie sich von selbst reproduziert.
Diese Drehtür kostet: Allein die Rüstungsbranche gab 2025 rund 200 Millionen Dollar für Lobbying aus, ein Anstieg von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr – parallel zu einem geplanten Verteidigungshaushalt von 1,5 Billionen Dollar, 44 Prozent mehr als zuvor. Lockheed Martin allein investierte 2025 fünfzehn Millionen Dollar in Lobbyarbeit und im ersten Quartal 2026 bereits über vier Millionen weitere. Das ist keine Randnotiz der Kriegsökonomie, das ist ihr Betriebssystem: Wer die Entscheidungsträger von morgen anstellt, muss den Krieg von heute nicht persönlich wollen – er muss nur zulassen, dass ein System weiterläuft, in dem Personalentscheidung und Beschaffungsentscheidung sich gegenseitig finanzieren.
Die Versicherungsblockade
Am Golf zeigt sich der reinste Fall dieser Logik. Iran muss nicht jedes Schiff versenken, um eine Route zu schließen. Es genügt, ab und zu eines zu treffen – der Rest erledigt der Versicherungsmarkt von selbst. Kriegsrisikoprämien für Supertanker sind seit Kriegsbeginn von 0,125 auf bis zu 0,4 Prozent des Schiffswerts gestiegen, eine Viertelmillion Dollar zusätzlich pro Durchfahrt. Kein Aufstand, keine Blockade, kein Schuss – nur eine Zahl in einer Versicherungspolice, die eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt wirtschaftlich stilllegt. Das ist Krieg als Kalkulationsgröße: Die Waffe ist hier nicht die Rakete, sondern die Prämie, die niemand demokratisch beschlossen hat und die trotzdem über Öl- und Gaspreise weltweit entscheidet.
Wiederaufbau als Anlageklasse
Wo Zerstörung stattfindet, entsteht fast zeitgleich der nächste Markt: der für ihre Behebung. Ukrainische Agrarflächen wechseln seit Kriegsbeginn in großem Stil den Besitzer, mit internationalen Fondsgesellschaften unter den Käufern. Wiederaufbaufonds werden as Anlageprodukt strukturiert, bevor der erste Bagger auffährt. Das ist die konsequente Fortsetzung der Kriegsökonomie über das Kriegsende hinaus: Zerstörung erzeugt handelbare Ansprüche auf das, was danach kommt, und genau diese Ansprüche werden heute schon gehandelt, während der Konflikt läuft.
Der Bevölkerungspreis
Diese Erträge sind nicht kostenlos – sie werden nur woanders verbucht. Energiepreise, Inflation, Militärhaushalte, die Sozialausgaben verdrängen: Die Rechnung für die Kriegsdauer bezahlen jene, die an keiner dieser Wertschöpfungsketten beteiligt sind. Am extremsten zeigt sich das an der
Sanktionspolitik selbst: Eine im Lancet veröffentlichte Studie (Rodríguez et al.) beziffert die Zahl der Todesfälle durch einseitige westliche Sanktionen zwischen 1971 und 2021 auf rund 38 Millionen – eine stille, langfristige Fortsetzung derselben Umverteilungslogik, nur ohne Frontlinie und ohne Kameras.
Warum niemand die Uhr anhalten will
Das ist der Kern des Kategorienfehlers, den westliche Kriegsführung immer wieder begeht: Sie behandelt den Gegner als Problem, das militärisch zu lösen sei, während der eigentliche Antrieb des Krieges gar nicht auf seine Lösung angelegt ist. Ein Sieg würde die Zinszahlungen beenden, die Auftragsbücher schließen, die Risikoprämien senken, den Wiederaufbaumarkt verkleinern. Genau deshalb kehrt jeder dieser Kriege – Ukraine, Iran, davor Irak, Afghanistan, Libyen – in denselben Rhythmus zurück: Eskalation, Waffenruhe, Bruch, erneute Eskalation.
Das ist nicht das Versagen einzelner Präsidenten, Minister oder Generäle – das wäre die bequeme Lesart, weil sie einen Schuldigen böte und damit eine Lösung suggerierte: den Richtigen wählen, den Falschen austauschen. Die unbequeme Lesart ist die richtige: Trump, Biden, Bush, gleich welche Regierung – jede tritt in ein System ein, dessen Schienen längst gelegt sind. Die Drehtür zwischen Pentagon und Rüstungskonzern, der Gläubiger, der an der Laufzeit verdient, der Versicherungsmarkt, der eine Meerenge lahmlegt, ohne dass ein Parlament je darüber abgestimmt hätte – das sind keine Ausnahmen vom System, das ist das System. Man kann es nicht durch bessere Politiker reparieren, weil das Problem nicht in den Köpfen der Politiker liegt, sondern in den Anreizen, die jeden von ihnen umgeben, sobald sie das Amt betreten. Ein Sieg würde diesen Geldstrom versiegen lassen – deshalb bleibt der Krieg nicht aus Bosheit unbeendet, sondern weil ein System, das sich selbst finanziert, niemanden braucht, der das absichtlich
will.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: steigender Aktienkurs
Bildquelle: Nigel Cap / shutterstock