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Hollisters Geopolitik-Radar vom 22. – 28. Juni 2026

Abkommen werden unterzeichnet, während weiter geschossen wird. Der Waffenstillstand mit Iran gerät nach neuen US-Angriffen und iranischen Drohnenschlägen zum offenen Praxistest, das Israel-Libanon-Abkommen scheitert bereits am Widerstand jener Kräfte, die es umsetzen müssten.

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Abkommen werden unterzeichnet, während weiter geschossen wird. Der Waffenstillstand mit Iran gerät nach neuen US-Angriffen und iranischen Drohnenschlägen zum offenen Praxistest, das Israel-Libanon-Abkommen scheitert bereits am Widerstand jener Kräfte, die es umsetzen müssten, und Washington beantragt Milliarden für einen Krieg, den es offiziell für beendet erklärt. Gleichzeitig verlagert sich der Ukraine-Krieg tief ins Hinterland, Europa bereitet sich auf eine NATO mit weniger amerikanischer Rückendeckung vor, China räumt in seiner Militärführung auf und der Sudan zerfällt nun auch wirtschaftlich. Hollisters Geopolitik Radar zeigt eine Welt, in der Diplomatie zunehmend nur noch den Rahmen liefert – während Macht, Waffen und wirtschaftlicher Druck die tatsächlichen Entscheidungen erzwingen.

Geopolitik-Radar vom 22. – 28. Juni 2026

Ein Meinungsbeitrag von Michael Hollister.

Ticker

US-ANGRIFFE BRECHEN DIE WAFFENRUHE – ZWEI NÄCHTE, ZWEI SCHIFFE, HORMUS UNTER FEUER (25.-28. Juni 2026)

Zehn Tage nach dem Islamabad Memorandum wird wieder geschossen. Am 25. Juni traf eine iranische Einweg-Drohne den unter Singapur-Flagge fahrenden Frachter „Ever Lovely“ in der Straße von Hormus; in der Nacht zum 26. Juni schlugen die USA gegen iranische Raketen- und Drohnenlager sowie Küstenradar zurück. Am 27. Juni folgte der iranische Drohnenangriff auf den Tanker „Kiku“ mit über 2 Millionen Barrel Rohöl an Bord – und darauf eine zweite, nach US-Angaben größere Angriffswelle gegen Überwachungs-, Kommunikations- und Luftabwehrstellungen sowie Minenlegefähigkeiten im Raum Sirik. Jeder US-Schlag wird als „Antwort“ auf einen iranischen Schiffsangriff deklariert; Bahrain meldet zusätzlich eine iranische Drohne. Die tagesaktuelle Gesamtlage rekonstruiert das Update: UPDATE – USA und Israel greifen Iran an – 28.06.2026

ISRAEL, LIBANON UND USA UNTERZEICHNEN RAHMENABKOMMEN – BEIDE SCHIITISCHEN KRÄFTE LEHNEN AB (26.-27. Juni 2026)

Im US-Außenministerium unterzeichneten Israel, Libanon und die USA am 26. Juni ein trilaterales Rahmenabkommen, das einen israelischen Rückzug schrittweise an die Entwaffnung der Hisbollah bindet, zwei Pilotzonen vorsieht und von einer US-geführten Militärkoordinierungsgruppe begleitet wird; Washington sagte 100 Millionen Dollar Soforthilfe zu. Israel bleibt vorerst im erweiterten Pufferstreifen und setzte seine Angriffe im Südlibanon am Unterzeichnungstag fort. Nicht nur Hisbollah-Generalsekretär Qassem, sondern auch die verbündete Amal-Bewegung wies das Abkommen als unausgewogen zurück – damit stehen beide großen schiitischen Kräfte dagegen. Präsident Trump telefonierte am Samstag mit dem libanesischen Präsidenten Aoun, der ihn bat, Israel zum Rückzug zu drängen; im libanesischen Readout fiel kein Wort zur Entwaffnung.

BÜRGENSTOCK-ROADMAP ZUM 60-TAGE-DEAL – VIER KERNPUNKTE BLEIBEN STRITTIG (21.-22. Juni 2026)

Eine US-iranische Delegation vereinbarte auf dem Bürgenstock einen Fahrplan zur Umsetzung des Memorandums: Rückkehr der IAEA-Inspektoren, ein befristeter Sanktionswaiver auf Ölgeschäfte, ein hochrangiges Komitee. Vizepräsident Vance sprach von Fortschritt, doch in vier zentralen Punkten – Inspektionen, eingefrorene Milliarden, künftige Schifffahrtsordnung in Hormus und Irans Raketenprogramm – blieb offen, was tatsächlich beschlossen wurde. Teheran bestritt, bereits formell über das Atomprogramm zu verhandeln. Netanyahu kündigte unterdessen eine israelische Delegation nach Washington an, um Israels Sicherheitsbedenken gegen ein langfristiges Atomabkommen vorzutragen – obwohl Israel sich nicht als Vertragspartei betrachtet.

US-SENAT: WAR-POWERS-DOPPELSCHLAG – ANGENOMMEN, EINEN TAG SPÄTER ZURÜCKGEDREHT (23.-24. Juni 2026)

Der Senat nahm am 23. Juni eine zuvor vom Repräsentantenhaus beschlossene War-Powers-Resolution mit 50 zu 48 Stimmen an, mit der der Präsident zur Beendigung nicht vom Kongress genehmigter Kampfhandlungen gegen Iran aufgefordert wurde – erstmals trugen beide Kammern. Einen Tag später blockierte der Senat nach Druck des Weißen Hauses eine separate, verfahrensbezogene Abstimmung mit 50 zu 47 Stimmen, nachdem mehrere Republikaner ihre Position geändert hatten. Parallel forderte die Regierung einen Nachtragshaushalt von 87,6 Milliarden Dollar für den Iran-Krieg an. Der Vorgang zeigt: Trotz Waffenstillstand und War-Powers-Votum rechnet Washington mit erheblichen weiteren Kriegsausgaben.

UKRAINE: TIEFENSCHLÄGE LEGEN SEWASTOPOL LAHM, TREFFEN HALBLEITERWERK IN WORONESCH (23.-24. Juni 2026)

Ukrainische Drohnen führten am 24. Juni zu einem großflächigen Stromausfall im russisch kontrollierten Sewastopol; ein Angriff auf ein Kraftwerk bei Kertsch ließ nach russischen Angaben Teile der Krim ohne Strom. Mit Storm-Shadow-Marschflugkörpern traf Kiew zudem ein Halbleiterwerk in der Region Woronesch, das Elektronik für Marschflugkörper und Luftabwehrsysteme fertigt; der russische Gouverneur meldete fünf Tote. Russland setzte zugleich seine massiven Luftangriffe auf ukrainische Städte fort. Die Schläge verlagern das Schwergewicht des Krieges in Energie, Logistik und Rüstungsproduktion tief im Hinterland.

BELARUS: SELENSKYJS ULTIMATUM LÄUFT AUS, PUTIN UND LUKASCHENKO TREFFEN SICH IN WALDAI (26. Juni 2026)

Selenskyjs am 19. Juni gesetztes Ein-Wochen-Ultimatum, Relaisstationen in zwei Grenzregionen abzuschalten, lief am 26. Juni aus; nach ukrainischen Angaben stellten die Anlagen ihren Betrieb bereits am 22. Juni ein. Am Stichtag trafen sich Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko unangekündigt in Waldai zu Gesprächen über den Krieg und regionale Sicherheit, der russische Verteidigungsminister reiste nach Minsk. Lukaschenko betonte, Belarus werde nicht offen in den Krieg eintreten. Die Drohung wurde damit vorerst entschärft, ohne die Frage der belarussischen Unterstützung zu klären.

VENEZUELA: DOPPELERDBEBEN MIT ÜBER 920 TOTEN – US-HILFE MITTEN IN DER ESKALATION (24.-26. Juni 2026)

Zwei schwere Beben der Stärke 7,2 und 7,5 erschütterten am 24. Juni den Westen Venezuelas; die schwersten Schäden entstanden in La Guaira und in Caracas. Die Zahl der Toten stieg bis zum 26. Juni auf über 920, mehr als 4.500 Menschen wurden verletzt, die Regierung rief den Notstand aus. Washington sagte 150 Millionen Dollar Hilfe zu und entsandte Rettungsteams – mitten in der eigenen militärischen Eskalation gegen die Regierung Maduro. Wie außenpolitische Entscheidungen und privater Vermögensaufbau rund um Venezuela schon einmal ineinandergriffen, zeigt diese Spur: Insiderhandel vor Caracas

EUROPA/NATO: E5-GIPFEL IN BERLIN, RUTTE KÜNDIGT MILLIARDENVERTRÄGE FÜR ANKARA AN (24.-25. Juni 2026)

Die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Polens und Großbritanniens berieten am 24. Juni im Kanzleramt über eine stärkere europäische Säule der NATO, die Ukraine-Unterstützung und die transatlantischen Beziehungen; NATO-Generalsekretär Rutte war zugeschaltet. Einen Tag später kündigte Rutte für den NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli in Ankara Rüstungsverträge in zweistelliger Milliardenhöhe an. Hintergrund ist die Ankündigung Washingtons, im Krisenfall weniger Fähigkeiten bereitzustellen, ein Jahr nach der Zusage, die Ausgaben auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zu steigern. Die Allianz europäisiert sich – während offen bleibt, wie schnell die Kapazitäten tatsächlich entstehen.

CHINA: NATIONALER VOLKSKONGRESS ENTZIEHT SECHS GENERÄLEN DIE MANDATE (26. Juni 2026)

Der Ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses entzog in der Nacht zum 27. Juni sechs hochrangigen Militärs sowie dem früheren Finanzaufseher Li Yunze und dem Politbüromitglied Ma Xingrui ihre Mandate. Zu den Betroffenen zählen Verantwortliche aus Rüstungsbeschaffung, Luftwaffe und Einsatzkommandos; offizielle Gründe wurden nicht genannt. Der Schritt ist Teil der seit Monaten laufenden Antikorruptionskampagne Xi Jinpings, die die Führungsebene des Militärapparats erfasst. Das Ausmaß der Personalbewegung deutet auf anhaltende Spannungen im Kern der chinesischen Streitkräfte.

KOLUMBIEN: DE LA ESPRIELLA GEWINNT STICHWAHL – RECHTSRUCK UND WASHINGTON-ANBINDUNG (21.-24. Juni 2026)

Der rechtsgerichtete Anwalt Abelardo de la Espriella gewann die Stichwahl vom 21. Juni knapp gegen den Linkskandidaten Iván Cepeda. Cepeda räumte am 24. Juni seine Niederlage ein, Präsident Petro erkannte das Ergebnis unter Betrugsvorwürfen an; die Wahlbehörde bestätigte den Sieger. De la Espriella kündigte an, die Beziehungen zu Israel wiederherzustellen, die Botschaft nach Jerusalem zu verlegen und der von Washington geführten Anti-Kartell-Koalition beizutreten. Mit Kolumbien verschiebt sich ein weiteres lateinamerikanisches Schwergewicht nach rechts und enger an die US-Außenpolitik.

SUDAN: MONETÄRE TEILUNG DES LANDES – RSF BAUT PARALLELWÄHRUNG AUF (ab 21. Juni 2026)

Nachdem die armeegeführte Regierung in ihren Gebieten die Währung umgestellt hatte, zirkulieren in den von der RSF kontrollierten Regionen zunehmend tschadische Franc, südsudanesische Pfund und US-Dollar; die RSF hat eine eigene Zentralbankstruktur aufgebaut und einen eigenen Gouverneur eingesetzt. Damit greift die militärische und administrative Teilung des Landes nun auf das Finanz- und Währungssystem über. Parallel hält die Bedrohung der nordkordofanischen Hauptstadt al-Obeid durch die RSF an. Wer die Architektur hinter dem Schweigen über diesen Krieg sucht, findet sie hier: Sudan – Das vergessene Massaker

US-ENERGIEMINISTER DROHT EUROPA WEGEN METHAN-VERORDNUNG MIT GASENTZUG (24. Juni 2026)

US-Energieminister Chris Wright warnte die EU am 24. Juni gemeinsam mit Katars Energieminister al-Kaabi, ihre Methan-Verordnung mache LNG-Importe praktisch unmöglich; es gebe „keinen gangbaren Weg zur Einhaltung“, andernfalls drohten Versorgungsengpässe und Heizprobleme im Winter. Die Verordnung verlangt ab Januar 2027 EU-konforme Mess- und Nachweisstandards für importiertes Gas; Brüssel hat Strafen bereits auf 2030 verschoben, lehnt eine Aufschnürung bislang aber ab. Der Hebel liegt in Washington: Die EU bezieht rund 60 Prozent ihres LNG aus den USA, während die südliche Achse nach den Angriffen auf Katars Ras Laffan zusätzlich ausfällt. Wie systematisch sich Europa energiepolitisch selbst aus dem Spiel genommen hat, zeigt diese Analyse: Folgt dem Öl – Teil 2 – Europa ohne Öl

TRUMP DROHT STAATEN MIT DIGITALSTEUER 100-PROZENT-ZÖLLE AN (26. Juni 2026)

Donald Trump drohte am 26. Juni allen Ländern, die Digitalsteuern gegen amerikanische Unternehmen erheben, mit Zöllen von 100 Prozent auf sämtliche Exporte in die USA; bestehende Handelsvereinbarungen sollten dem nach seiner Darstellung nicht entgegenstehen. Betroffen wären vor allem europäische Staaten, kurz vor Ablauf der Frist am 4. Juli, bis zu der die EU ihren Teil des Zollabkommens erfüllen soll. Die EU-Kommission kündigte an, entschlossen zu reagieren. Wirtschaftliche Verflechtung wird damit erneut zum Druckmittel statt zur Handelsfrage.

TAIWAN: FÜNFTÄGIGE GEFECHTSBEREITSCHAFTSÜBUNG, CHINESISCHE KÜSTENWACHE ÖSTLICH DER INSEL (22. Juni 2026)

Taiwan begann am 22. Juni eine fünftägige Übung zur unmittelbaren Gefechtsbereitschaft im Vorfeld seiner jährlichen Han-Kuang-Manöver. Verteidigungsminister Koo verwies darauf, dass die Vorwarnzeit für einen möglichen chinesischen Angriff sinke und reguläre Manöver übergangslos in einen Angriff übergehen könnten. Parallel weitete die chinesische Küstenwache als „Strafverfolgung“ deklarierte Einsätze östlich Taiwans aus. Die Lage in der Meerenge bleibt damit ein Gradmesser für Machtprojektion und Bündnissolidarität.

FOKUSTHEMEN

Der unterschriebene Dissens

Das Islamabad Memorandum ist zehn Tage alt – und wird bereits beschossen. Zwei US-Angriffe in zwei Nächten, jeder als Antwort auf einen iranischen Schiffsangriff deklariert, haben die Waffenruhe in ein Muster der Eskalation überführt: Hormus dient als Druckpunkt, der per Drohne aktiviert und per Bombardement beantwortet wird. Dabei ist in den vier Kernpunkten des Abkommens weiter unklar, was tatsächlich vereinbart wurde – von der Rückkehr der IAEA-Inspektoren, die vor verschlossenen Türen bleiben, über die eingefrorenen Milliarden bis zur künftigen Schifffahrtsordnung und Irans Raketenprogramm. Israel ist nicht Vertragspartei, schickt aber eine Delegation nach Washington, um den Atomkurs zu beeinflussen. Und Washington fordert 87,6 Milliarden Dollar für einen Krieg, den es offiziell für beendet erklärt hat. Der Waffenstillstand ist nicht zusammengebrochen – er wird unter Feuer neu ausgehandelt. Was auf dem Bürgenstock wirklich beschlossen wurde und warum der vermeintliche Frieden auf einem unterschriebenen Dissens beruht, rekonstruiert das aktuelle Update: UPDATE – USA und Israel greifen Iran an – 28.06.2026

Fragen

  • Kann ein Abkommen halten, dessen Durchsetzung an einem Chokepoint hängt, den eine Seite per Erklärung aktivieren kann?
  • Was bedeutet es, wenn jeder Schlag als „Antwort“ deklariert wird – und beide Seiten dieselbe Logik nutzen?
  • Wie tragfähig ist ein Atomdossier, dessen teuerste Fragen sämtlich in ein 60-Tage-Fenster verschoben wurden?
  • Welche Rolle spielt ein Verbündeter, der das Abkommen nicht unterzeichnet, aber aktiv mitverhandeln will?

Israels Härte unter der Waffenruhe

Das trilaterale Rahmenabkommen vom 26. Juni verschiebt die entscheidende Frage: Statt eines klaren Rückzugs bindet es den israelischen Abzug an die Entwaffnung der Hisbollah, definiert zwei Pilotzonen und stellt eine US-geführte Koordinierungsgruppe daneben. Doch Israel bleibt vorerst im Pufferstreifen und greift am Tag der Unterzeichnung weiter im Südlibanon an. Politisch steht das Abkommen auf brüchigem Grund: Nicht nur die Hisbollah, sondern auch die verbündete Amal-Bewegung lehnt es ab, womit beide großen schiitischen Kräfte dagegenstehen. Präsident Aoun bat Trump telefonisch, Israel zum Rückzug zu drängen – im libanesischen Readout fiel kein Wort zur Entwaffnung. So entsteht das vertraute Bild: ein unterzeichnetes Papier, unter dem weiter gekämpft wird. Dass sich gerade am Umgang mit Zivilisten und Kindern ein Muster ablesen lässt, das eine UN-Untersuchungskommission für Gaza als Beweismittel gewertet hat, prüft diese Analyse – und führt schließlich nach Berlin: Israel: Das Kind als Beweis

Fragen

  • Kann ein Abkommen Bestand haben, das beide großen schiitischen Kräfte des Libanon ablehnen?
  • Wer setzt den Rückzug durch, wenn der Vertrag keine Frist und keinen Garanten benennt?
  • Was sagt es über das Abkommen, wenn unter ihm weiter Angriffe laufen?
  • Welche Rolle spielt Deutschland, wenn es Rüstungsbeschränkungen unter einer Waffenruhe lockert, unter der weiter Zivilisten sterben?

Europa zwischen Lastenteilung und Lücke

Zwei Entwicklungen dieser Woche gehören zusammen: Der E5-Gipfel in Berlin und Ruttes Ankündigung milliardenschwerer Rüstungsverträge für den Ankara-Gipfel sind die Reaktion darauf, dass Washington im Krisenfall weniger Fähigkeiten bereitstellen will. Je unsicherer die langfristige Verfügbarkeit amerikanischer Kapazitäten wird, desto stärker muss Europa eigene aufbauen – ein Jahr nach der Zusage, die Ausgaben auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zu heben. Das ist noch keine strategische Autonomie, aber der Übergang von der politischen Forderung zur konkreten industriellen und militärischen Vorbereitung. Die unbequeme Hälfte dieser Rechnung ist die Abschreckung selbst: Rechnet man den amerikanischen Anteil heraus, klafft die europäische Realität bei Munition, Logistik und Einsatzbereitschaft weit auseinander von der Rhetorik der Wehrhaftigkeit. Wie sich aus einzelnen Maßnahmen längst ein erkennbares Muster der Kriegsumstellung formt, zeigt diese Analyse: Das Muster verdichtet sich

Fragen

  • Kann Europa eigene Abschreckung tragen, wenn der amerikanische Anteil wegfällt – und in welchem Zeitraum?
  • Sind die zugesagten Milliarden ein Anstoß zur Eigenständigkeit oder die Offenlegung einer Lücke?
  • Wer entscheidet über Eskalation, wenn die Fähigkeiten europäisiert, die Kommandostrukturen aber gemischt bleiben?
  • Wie viel der neuen Verträge wird tatsächlich einsatzbereite Truppe – und wie viel bleibt Beschaffung auf dem Papier?

Der Krieg verlagert sich ins Hinterland

Die ukrainischen Fernschläge dieser Woche lassen sich als Serie von Bränden lesen – doch der Befund liegt in der Zielwahl. Sewastopol ohne Strom, ein Kraftwerk bei Kertsch getroffen, ein Halbleiterwerk in Woronesch, das Elektronik für Marschflugkörper fertigt: Die Wirkung ist militärisch, ökonomisch und politisch zugleich. Während die Front weitgehend erstarrt bleibt, verlagert sich die Entscheidung in Luftabwehr, Energieversorgung und Rüstungsproduktion, tief im jeweiligen Hinterland. Russland setzt zugleich seine massiven Angriffe auf ukrainische Städte fort – der Krieg trifft beide Heimaträume sichtbarer als zuvor. Zugleich ist Nüchternheit geboten: Russland erzielt weiterhin erhebliche Exporteinnahmen, von einer unmittelbaren wirtschaftlichen Handlungsunfähigkeit kann keine Rede sein. Die Schläge erhöhen den Druck; sie entscheiden den Krieg nicht allein. Wie sich diese Wirkungstiefe verdichtet – mit erstmals offen eingeräumten Treibstoffrationierungen und einer 40-tägigen Druckkampagne Kiews -, ordnet das aktuelle Update ein: UPDATE: Russland-Ukraine-Konflikt 26.06.2026

Fragen

  • Verschiebt sich die Entscheidung dieses Krieges tatsächlich von der Front in Rüstung, Energie und Luftabwehr?
  • Was sagt der Zwang, Raffinerien und Kraftwerke im Hinterland zu treffen, über das Kalkül beider Seiten?
  • Wo liegt die Grenze zwischen erhöhtem Druck und tatsächlicher Schwächung der russischen Kriegswirtschaft?
  • Wie verändert die sichtbare Verwundbarkeit des eigenen Hinterlands die Innenpolitik in Moskau und Kiew?

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Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.

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Bildquelle: Michael Hollister

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Quellenverzeichnis

Iran – Angriffe / Hormus / Verhandlungen

Israel – Libanon

USA – Innenpolitik / War Powers

Russland – Ukraine / Belarus

Europa / NATO / EU

Energie / Methan-Verordnung

Amerika – Venezuela / Kolumbien

Afrika – Sudan

Asien – China / Taiwan

  • South China Morning Post, 27. Juni 2026 – NPC removes generals, Ma Xingrui and Li Yunze: https://www.scmp.com/
  • Reuters, 22. Juni 2026 – Taiwan launches five-day combat readiness drills; China coast guard activity: https://www.reuters.com/

Eigene Analysen

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