Kein Genozid in Gaza? | Von Uwe Froschauer

Kein Genozid in Gaza? | Von Uwe Froschauer

Ein Meinungsbeitrag von Uwe Froschauer.

„Für die CDU Deutschlands ganz klar: Es gibt keinen Völkermord in Gaza. Wir stehen an der Seite Israels und der Ukraine im Kampf gegen den Terror und Aggression.“

Diesen Satz sagte die CDU-Politikerin Franziska Hoppermann – Bundestagsabgeordnete f&

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Ein Meinungsbeitrag von Uwe Froschauer.

„Für die CDU Deutschlands ganz klar: Es gibt keinen Völkermord in Gaza. Wir stehen an der Seite Israels und der Ukraine im Kampf gegen den Terror und Aggression.“

Diesen Satz sagte die CDU-Politikerin Franziska Hoppermann – Bundestagsabgeordnete für Hamburg-Wandsbek und seit Ende Juli 2026 auf Vorschlag von Bundeskanzler und CDU-Vorsitzendem Friedrich Merz zur neuen Generalsekretärin der CDU Deutschlands gewählt. Zuvor war sie Bundesschatzmeisterin der Partei und gehört seit Jahren zu deren Führungsebene.

Dass eine Politikerin in einer solch herausgehobenen Funktion einen Satz wie „Für die CDU Deutschlands ganz klar: Es gibt keinen Völkermord in Gaza.“ ausspricht, macht diese Aussage besonders bedeutsam. Generalsekretäre sprechen nicht nur für sich selbst. Sie prägen das öffentliche Gesicht einer Partei. Sollte diese Äußerung tatsächlich den moralischen Kompass der neuen CDU-Generalsekretärin widerspiegeln, dann lässt das aus meiner Sicht wenig Hoffnung auf eine Politik erkennen, die das Leid der Menschen in den Mittelpunkt stellt – insbesondere dort, wo Krieg, Vertreibung und Gewalt das Leben unzähliger Familien zerstören, ob in Gaza, in der Ukraine oder in anderen Krisengebieten der Welt.

Menschlichkeit zeigt sich nicht darin, das Leid der einen gegen das Leid der anderen aufzurechnen. Menschlichkeit beginnt dort, wo jedes unschuldige Menschenleben denselben Wert besitzt.

Als ich diesen Satz las, musste ich ihn zweimal lesen. Nicht, weil ich ihn missverstanden hätte. Sondern weil ich kaum glauben konnte, dass ein Mensch angesichts der Bilder aus Gaza zu einer derart eindeutigen Schlussfolgerung gelangt.

Frau Hoppermann, woher nehmen Sie diese Gewissheit?

Woher kommt die Sicherheit, mit der Sie eine Frage beantworten, über die Völkerrechtler, Menschenrechtsorganisationen und internationale Gerichte seit Monaten streiten?

Woher kommt diese Gewissheit angesichts Zehntausender getöteter Menschen, darunter nach Berichten internationaler Organisationen und Medien sehr viele Frauen und Kinder?

Es ist nicht nur die Aussage selbst, die mich fassungslos macht. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgetragen wird. Als gäbe es daran nichts mehr zu prüfen. Als sei das Urteil bereits gesprochen.

Ihre Gewissheit empfinde ich als Ausdruck einer menschenverachtenden, politischen Hybris.

Wären Sie demütig, würden Sie anerkennen, dass Sie sich auch irren können. Demut würde bedeuten zu sagen: „Die Vorwürfe sind schwerwiegend. Internationale Gerichte prüfen sie. Ich warte deren Bewertung ab.“

Doch stattdessen verkünden Sie ein endgültiges Urteil.

Mich macht das wütend.

Nicht, weil jemand eine andere politische Meinung vertritt. Sondern weil hinter juristischen Begriffen Menschen stehen. Familien. Kinder. Mütter. Väter.

Man kann über Definitionen streiten. Man kann über militärische Ziele streiten. Man kann über Verantwortlichkeiten streiten. Worüber man nicht leichtfertig hinweggehen sollte, ist das menschliche Leid.

Wenn Berichte von einer enormen Zahl ziviler Todesopfer sprechen und darunter besonders viele Frauen und Kinder nennen, dann stellt sich für mich eine moralische Frage, die sich nicht einfach mit einem Satz vom Tisch wischen lässt:

Ab welchem Punkt hört ein Krieg auf, lediglich Krieg zu sein?

Ab welchem Punkt wird das Ausmaß ziviler Opfer so groß, dass wir nicht mehr zuerst über Begriffe sprechen sollten, sondern über unsere Menschlichkeit?

Ich halte die Aussage „Das ist kein Genozid“ nicht nur für politisch problematisch. Ich halte sie für moralisch erschreckend. Menschen wie Sie, Frau Hoppermann, sollten nicht an der Spitze einer Partei stehen. Menschen wie Sie, Frau Hoppermann, sind in meinen Augen der Hauptgrund für das Übel auf dieser Welt.

Die Zahlen, Frau Hoppermann – schauen Sie hin!

„Es gibt keinen Völkermord in Gaza.“

So einfach ist das also, Frau Hoppermann?

Ein Satz, sieben Wörter, und schon ist die Sache für Sie und angeblich für die gesamte CDU Deutschlands geklärt.

Dann schauen wir uns einmal an, worüber Sie mit einer derart unverfrorenen Selbstgewissheit urteilen.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF waren bis zum 3. Februar 2026 mindestens 71.803 Palästinenser im Gazastreifen getötet worden. Unter den Toten befanden sich nach diesen Angaben mindestens 21.289 Kinder. Weitere 171.230 Menschen wurden verletzt, darunter rund 44.500 Kinder.

Mehr als 21.000 getötete Kinder. Nicht verirrte Raketen. Nicht beschädigte Gebäude. Nicht abstrakte „Kollateralschäden“. Kinder, Frau Hoppermann, Kinder!

Kinder, die gelebt haben. Kinder, die Eltern hatten. Kinder, die spielen, lernen, lachen und eines Tages erwachsen werden wollten. Kinder, deren Körper unter Trümmern lagen, die verbrannten, verbluteten oder von Bomben zerfetzt wurden.

Und Sie, selbst Mutter, stellen sich hin und erklären:

„Es gibt keinen Völkermord in Gaza.“

Frau Hoppermann, wie viele getötete Kinder wären für Sie genug, um wenigstens einen Augenblick innezuhalten?

25.000?

30.000?

50.000?

Ab welcher Zahl würden Sie Ihre kategorische Gewissheit verlieren?

UNICEF berichtete Anfang Februar 2026 außerdem, dass kein einziges Krankenhaus im Gazastreifen vollständig funktionsfähig war. Nur 18 von 36 Krankenhäusern arbeiteten überhaupt noch teilweise. Von 200 Einrichtungen der medizinischen Grundversorgung waren gerade einmal drei vollständig einsatzfähig. Der Zugang zu Medikamenten, Beatmungsgeräten und Inkubatoren wurde weiterhin behindert. Nahezu die gesamte Bevölkerung war durch zerstörte Wasser-, Abwasser- und Hygienesysteme schweren Gesundheitsgefahren ausgesetzt.

Auch das gehört zu diesem volks- und kindermordenden Krieg des israelischen Regimes.

Es sterben nicht nur Menschen unter Bomben. Menschen sterben, weil Krankenhäuser zerstört wurden. Weil Medikamente fehlen. Weil Verwundete nicht behandelt werden können. Weil Schwangere unterernährt sind. Weil Säuglinge frieren. Weil sauberes Wasser fehlt. Weil Hunger, Krankheiten und die Zerstörung der Lebensgrundlagen ebenfalls töten.

Die offiziell registrierten Opferzahlen bilden wahrscheinlich nicht das gesamte Ausmaß ab. Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung und des Centre for Demographic Studies kam zu dem Ergebnis, dass bereits zwischen dem 7. Oktober 2023 und Ende 2024 schätzungsweise 78.318 Menschen unmittelbar durch den Krieg getötet wurden. Die statistische Spannbreite lag zwischen etwa 70.600 und 87.500 Toten.

In einer späteren Aktualisierung gelangten die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die Zahl der unmittelbar konfliktbedingten Todesfälle bis zum 6. Oktober 2025 wahrscheinlich die Marke von 100.000 überschritten hatte.

Mehr als 100.000 Tote.

Und selbst diese Schätzung erfasst nach ausdrücklicher Erklärung der Forscher nur die direkten gewaltsamen Todesfälle. Menschen, die infolge von Hunger, Krankheiten, zusammengebrochener medizinischer Versorgung oder den langfristigen Folgen der Zerstörung starben, wurden darin nicht vollständig berücksichtigt. Die Wissenschaftler bezeichneten ihre Berechnung deshalb eher als Untergrenze der tatsächlichen Sterblichkeit.

Besonders erschütternd ist ein weiteres Ergebnis dieser Untersuchung: Die Alters- und Geschlechterverteilung der gewaltsam Getöteten ähnelte nach Angaben der Forscher den demografischen Mustern mehrerer von den Vereinten Nationen dokumentierter Genozide. Die Wissenschaftler betonten zwar zu Recht, dass eine solche statistische Ähnlichkeit allein noch kein abschließendes juristisches Urteil ersetzt. Aber sie zeigt, wie absurd es ist, den Genozidvorwurf mit einem Handstreich vom Tisch zu wischen.

Frau Hoppermann, kennen Sie diese Zahlen? Kennen Sie die Berichte von UNICEF? Kennen Sie die Untersuchungen der Max-Planck-Gesellschaft? Kennen Sie die Berichte der Vereinten Nationen?

Oder interessieren Sie diese Erkenntnisse nicht, weil Ihre politische Antwort bereits feststand, bevor Sie sich mit ihnen auseinandergesetzt hatten?

Eine Frau, die hinsieht

Es gibt glücklicherweise auch andere Stimmen. Menschen, die sich ihre Fähigkeit zum Mitgefühl nicht durch Parteiräson, Staatsräson oder politische Loyalität haben nehmen lassen.

Eine dieser Stimmen ist Francesca Albanese, die UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtssituation in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten. Albanese ist keine Politikerin, die nach einer Talkshow-Schlagzeile sucht. Sie ist Juristin und untersucht im Auftrag des UN-Menschenrechtsrats seit Jahren die Lage in den besetzten Gebieten.

Bereits im März 2024 legte sie einen Bericht mit dem Titel „Anatomie eines Genozids“ vor. Darin gelangte sie zu der Einschätzung, es gebe hinreichende Gründe für die Annahme, dass die Schwelle zur Begehung eines Genozids erreicht sei.

Im Oktober 2024 folgte ihr Bericht „Genozid als koloniale Auslöschung“. Im Juli 2025 untersuchte sie unter dem Titel „Von der Ökonomie der Besatzung zur Ökonomie des Genozids“, welche Unternehmen und wirtschaftlichen Interessen von Besatzung, Zerstörung und Krieg profitieren.

Albanese dokumentiert. Sie benennt Verantwortlichkeiten. Sie legt Quellen vor. Sie beschreibt nicht nur die Bomben, sondern auch Vertreibung, Hunger, die Zerstörung medizinischer Einrichtungen und die Vernichtung der materiellen Grundlagen eines gesellschaftlichen Lebens.

Man muss nicht jede Schlussfolgerung Albaneses ungeprüft übernehmen. Aber man muss sich mit ihren Berichten auseinandersetzen, bevor man erklärt, es gebe „ganz klar“ keinen Völkermord.

Darin liegt der Unterschied: Francesca Albanese schaut hin. Sie hört den Opfern zu. Sie wertet Dokumente aus. Sie benennt das Leid. Und sie riskiert für ihre Haltung politischen Druck, Diffamierungen und persönliche Sanktionen.

Frau Hoppermann dagegen verkündet ein Ergebnis.

„Es gibt keinen Völkermord in Gaza.“

Keine erkennbare Unsicherheit. Kein Vorbehalt. Kein Hinweis auf das laufende Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof. Kein Wort über mehr als 21.000 registrierte tote Kinder. Kein Wort über eine wissenschaftliche Schätzung von mehr als 100.000 unmittelbar Getöteten. Kein Wort über die zerstörten Krankenhäuser, den Hunger, die Vertreibung und die ausgelöschten Familien.

Nur ein kategorisches Urteil. Wer so spricht, demonstriert keine Klarheit. Er demonstriert Hybris.

Und wer angesichts Zehntausender getöteter Menschen, darunter mehr als 21.000 Kinder, zuerst die politische Solidaritätsformel aufsagt und erst danach – oder möglicherweise überhaupt nicht – auf die Opfer schaut, muss sich eine noch grundsätzlichere Frage gefallen lassen:

Auf welcher Seite steht hier eigentlich die Menschlichkeit?

Auf welcher Seite stehen Sie, Frau Hoppermann?

Sie sagten:

„Für die CDU Deutschlands ganz klar: Es gibt keinen Völkermord in Gaza. Wir stehen an der Seite Israels und der Ukraine im Kampf gegen Terror und Aggression.“

Dieser Satz hat mich nachdenklich gemacht. Nicht nur wegen seines Inhalts. Sondern wegen dessen, was er über Ihr politisches Denken offenbart.

Nach allem, was ich in diesem Artikel dargelegt habe – nach den Berichten der Vereinten Nationen, den Dokumentationen von UNICEF, den Untersuchungen unabhängiger Wissenschaftler und den Analysen der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese – kann ich eine derart kategorische Aussage weder nachvollziehen noch moralisch mittragen.

Ob internationale Gerichte den Tatbestand des Völkermords letztlich bejahen oder verneinen werden, ist ihre Aufgabe. Meine moralische Bewertung hängt jedoch nicht von einem späteren Urteilsspruch ab. Denn eines steht für mich bereits heute fest:

Jedes getötete Kind ist eines zu viel.

Jede zerbombte Schule ist eine zu viel.

Jedes zerstörte Krankenhaus ist eines zu viel.

Jede Familie, die ausgelöscht wird, ist eine zu viel.

Kein politisches Ziel der Welt darf dazu führen, dass wir abstumpfen und das Leid von Zivilisten zur Randnotiz erklären.

Deshalb möchte ich Ihrer Aussage meine eigene entgegensetzen:

Für mich ganz klar: Ich stehe nicht an der Seite des Krieges. Ich stehe an der Seite der Menschen.

Ich stehe an der Seite der Kinder – ganz gleich, ob sie in Gaza, in Israel, in der Ukraine oder irgendwo sonst auf dieser Welt geboren wurden.

Ich stehe an der Seite der Mütter und Väter, die ihre Kinder verlieren.

Ich stehe an der Seite der Zivilbevölkerung, die den Preis für politische Entscheidungen bezahlt.

Ich stehe an der Seite derjenigen, die Frieden schaffen wollen, anstatt immer neue Waffen sprechen zu lassen.

Ich wünsche mir ein Ende des Tötens.

Ein Ende der Bombardierungen.

Ein Ende des Hungers.

Ein Ende der Vertreibung.

Ein Ende des Hasses.

Und ich wünsche mir Politiker, die den Mut haben, sich zuerst dem Leid der Menschen verpflichtet zu fühlen – und erst danach ihrer Partei, ihrer Ideologie oder geopolitischen Interessen.

Staaten haben Interessen.

Parteien haben Programme.

Militärs haben Strategien.

Aber Kinder haben nur ein Leben.

Das ist die Seite, auf der ich stehe.

Und auf dieser Seite werde ich bleiben.

Und das ist nicht nur heroisches, selbstbeweihräucherndes Geschwafel.

+++

Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: zerstörte Gebiete im Osten des Zawaida-Lagers im zentralen Gazastreifen 2024

Bildquelle: Anas-Mohammed / shutterstock

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