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In derselben Woche liefen zwei Gespräche über denselben Krieg, geführt von Menschen, die sich seit Jahren intensiv mit Russland befassen und die man gemeinhin nicht der Kiewer Erzählung zuordnet. Das eine: Glenn Diesen im Gespräch mit dem Historiker Gilbert Doctorow. Das andere: Diesen im Gespräch mit Alexander Mercouris, dem Gastgeber von „The Duran“. Beide Gespräche kommen zu fast identischen Tatsachenfeststellungen – und zu diametral entgegengesetzten Urteilen. Doctorow nennt das, was sich im Donbas und auf der Krim abspielt, einen Pyrrhussieg, der in Wahrheit eine strategische Niederlage verdeckt. Mercouris nennt exakt dieselbe Front- und Wirtschaftslage den Beweis dafür, dass die Ukraine verliert und der Westen sich selbst belügt. Das ist kein Zufall und auch kein Erkenntnisproblem eines der beiden Analysten. Es ist ein Kategorienfehler, der tiefer sitzt als die Frage, wer recht hat.
Was beide Gespräche übereinstimmend feststellen
Der Tatsachenkern beider Gespräche ist erstaunlich deckungsgleich. Russland kontrolliert nach beiden Darstellungen inzwischen den größten Teil des Donbas und rückt in Saporischschja und Cherson weiter vor; die letzten befestigten Städte Kramatorsk und Slowjansk gelten in beiden Gesprächen als die letzte Verteidigungslinie vor offenem Gelände bis zum Dnepr. Beide beschreiben eine faktisch vollständige Blockade Odessas und der ukrainischen Schwarzmeerküste, nachdem Kiew das Getreideabkommen von 2022 durch eigene Angriffe auf russische Schiffe im Asowschen Meer unterlaufen hatte. Beide notieren die Führungskrise in Kiew – die Entlassungen von Fedorow und Syrskyi – als Symptom einer Armee, der die Ressourcen ausgehen. Und beide behandeln als ausgemacht, dass die NATO längst nicht mehr Zaungast, sondern Kriegspartei ist: mit Waffen, Zielaufklärung und, wie Doctorow es formuliert, ohne jede erkennbare Furcht vor russischer Vergeltung.
Auch das jüngste Treffen zwischen Marco Rubio und Sergej Lawrow am 23. Juli in Manila fügt sich in dieses Bild. Lawrow bekräftigte dort erneut, Moskau halte an den in Anchorage erzielten Verständigungen fest und forderte ein Ende weiterer Waffenlieferungen an Kiew; Rubio wiederum räumte öffentlich ein, dass die Anchorage-Vorschläge gescheitert seien, weil die Ukraine ihnen nicht zustimme.
Zwei Außenminister, die sich nach eigener Aussage über den Stand der Dinge einig sind – und trotzdem keine Bewegung. Das ist die diplomatische Entsprechung dessen, was beide Gespräche militärisch beschreiben: Man kennt die Fakten. Man zieht nur unterschiedliche Schlüsse daraus, was sie bedeuten.
Wo die Urteile auseinanderlaufen – und warum
Doctorow misst Sieg an den im Februar 2022 erklärten Kriegszielen: Neutralität der Ukraine, Rückführung auf den Verfassungsstatus von 1992, Ausschluss der NATO-Präsenz, Entnazifizierung. Daran gemessen, sagt er, hat Russland trotz Geländegewinns nichts davon erreicht – während gleichzeitig die eigene Abschreckungsfähigkeit erodiert sei, weil NATO-Angriffe immer tiefer nach Russland vorstoßen, ohne dass Moskau glaubwürdig zurückschlägt.
Sein Beleg ist auffällig unspektakulär: Bei einer von Russlands Wiener UN-Delegation organisierten Videokonferenz über Kriegsverbrechen in Cherson berichtete ausgerechnet der dortige Gouverneur, seine eigene Region sei durch tägliche Drohnenangriffe unbewohnbar geworden – als Beleg für russisches Leid gedacht, von Doctorow aber als Eingeständnis einer verlorenen Provinz gelesen.
Dieselbe Beobachtung gilt für die Krim: Wo einst russische Feriengäste und Schulkinder hinreisten, berichten ihm langjährige Bekannte aus Sankt Petersburg von Treibstoffmangel, Stromausfällen und einer stundenlang gesperrten Kertschbrücke.
Diesen und Mercouris messen an einem anderen Maßstab: der militärischen und ökonomischen Handlungsfähigkeit der Ukraine. Daran gemessen ist das Bild eindeutig.
Der Donbas fällt in absehbarer Zeit vollständig, Charkiw und Sumy geraten unter Druck, die russische Wirtschaft hat sich trotz Inflationsphasen und Zinsanhebungen als kriegstauglich stabilisiert, während in Kiew die Mobilisierung zunehmend an gesellschaftlichen Widerstand stößt. Für sie ist die westliche Erzählung vom „Blatt, das sich wendet“, nicht Analyse, sondern – wie sie es unter Verweis auf einen Leitartikel der Financial Times über eine „erschöpfte und überdehnte“ ukrainische Armee selbst festhalten – Symptom eines Zyklus aus Euphorie, Panik und neuerlicher Eskalation, der sich seit 2022 wiederholt, ohne je an der zugrundeliegenden Lage etwas zu ändern.
Zwei Analysten, dieselben Fronten, dieselbe Wirtschaftslage, dieselbe NATO-Kriegsbeteiligung – und ein gegensätzliches Urteil. Der Widerspruch löst sich nicht auf, indem man einen der beiden für den genaueren Beobachter erklärt. Er löst sich auf, sobald man sieht, dass „Sieg“ hier zwei völlig verschiedene Dinge meint: einmal die Erfüllung erklärter politischer Ziele, einmal die militärische Kontrolle über Raum und Zeit. Beides ist legitim messbar. Nur ist es eben nicht dasselbe – und wer beides unter einem Wort verhandelt, hat bereits den Kategorienfehler begangen, den dieser Krieg auf jeder Ebene produziert: die Unfähigkeit, existenzielle Einsätze und taktische Bilanzen mit demselben Maß zu messen. John Mearsheimer hat für die Ursachenanalyse dieses Krieges dieselbe Struktur beschrieben: Der Westen habe die Osterweiterung der NATO als bloße Formsache behandelt, während sie für Moskau von Anfang an eine existenzielle Frage war – eine Fehleinschätzung, vor der der damalige US-Botschafter William Burns bereits 2008 in seinem später via WikiLeaks bekannt gewordenen Memo „Nyet Means Nyet“ gewarnt hatte.
Wem die Unschärfe nützt
Genau diese Unschärfe ist keine Panne, sie ist funktional. Solange „Gewinnen“ nicht definiert ist, kann jede Entwicklung – ein eroberter Kreis, eine blockierte Hafenstadt, ein entlassener Generalstabschef – gleichzeitig als Beweis für den nahenden Sieg und als Anlass für neue Eskalation dienen. Diesen und Mercouris beschreiben diesen Mechanismus präzise als Zyklus: Auf Euphorie folgt Panik, auf Panik folgt nicht Diplomatie, sondern die nächste Waffenlieferung. Wer in dieser Lage nach Frieden fragt, gilt in Brüssel wie in London als jemand, der Europa spaltet oder Putin ermutigt. Damit ist die entscheidende Frage – wessen Interessen dieser Zustand eigentlich dient, wenn er weder Russland eindeutig scheitern noch die Ukraine eindeutig gewinnen lässt – aus der Debatte praktisch verschwunden.
Sie beantwortet sich nicht militärisch, sondern strukturell. Ein Krieg, dessen Ausgang permanent unklar bleibt, ist ökonomisch ergiebiger als ein Krieg, der entschieden ist. Er rechtfertigt fortlaufende Aufrüstung in Deutschland und Europa, er hält die „Kriegspartei“ – um im Vokabular von Diesen und Mercouris zu bleiben, jene Achse aus Kaja Kallas, Ursula von der Leyen und den ihnen zuarbeitenden Medien – im Amt und im Recht, und er verhindert jede Bilanzierung der Kosten, weil eine Bilanz nur ziehen kann, wer weiß, ob der Krieg gewonnen oder verloren wurde. Das ist der Kern dessen, was ich an anderer Stelle als „Der Krieg ernährt eine Klasse“ beschrieben habe: Nicht Sieg oder Niederlage sind die relevanten Kategorien, sondern Fortdauer. Genau darauf verweist auch die von Diesen und Mercouris beschriebene mediale Doppelmoral um die gegenseitigen Angriffe auf zivile Schiffe im Schwarzen und Asowschen Meer – bejubelt, wenn die eigene Seite sie begeht, verurteilt, wenn die andere es tut.
Mercouris zieht dazu selbst die Orwell-Parallele aus „1984″: Der Staat feiert Gräueltaten, wenn sie von der eigenen Seite begangen werden, und verurteilt exakt dieselbe Handlung, sobald sie sich gegen die eigene Seite richtet. Das ist kein Ausrutscher des Informationskriegs, das ist sein Betriebssystem: Spaltung in gute und böse Seite, Bewertung derselben Handlung nach Herkunft statt nach Handlung, Legitimation der einen, Sanktionierung der anderen.
Die eigentliche Frage
Die interessanteste Übereinstimmung zwischen Doctorow, Diesen und Mercouris liegt nicht in der Frontlage, sondern in der Diagnose, wohin diese Unschärfe führt. Alle drei kommen, unabhängig vom jeweiligen Sieg-Urteil, zum selben Schluss: Solange der Westen Frieden als bedingungslosen Waffenstillstand entlang der aktuellen Linie plus fortgesetztem NATO-Beitrittsversprechen definiert, wird es keine Verhandlung geben, die diesen Namen verdient. Wer wie Doctorow glaubt, Russland stehe vor einem Pyrrhussieg, erwartet daraus eine härtere russische Reaktion, um die verlorene Abschreckung zurückzugewinnen. Wer wie Mercouris glaubt, die Ukraine stehe vor dem Zusammenbruch, erwartet dieselbe Eskalation – nur von der anderen Seite ausgelöst, durch europäische Bodentruppen oder Flugverbotszonen, sobald die Front kollabiert. Beide Wege laufen auf dasselbe Risiko zu.
Die Frage, die dieser Krieg tatsächlich stellt, ist deshalb nicht „gewinnt Russland oder verliert es“. Das ist die falsche Kategorie – solange nicht definiert ist, an welchem Maßstab gemessen wird, ist die Frage unbeantwortbar und, wichtiger noch, absichtlich unbeantwortbar gehalten. Die eigentliche Frage lautet, wer ein Interesse daran hat, dass sie unbeantwortbar bleibt.
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Bildquelle: Melnikov Dmitriy / shutterstock
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Quellen und Anmerkungen
Gespräche von Glenn Diesen mit Gilbert Doctorow und mit Alexander Mercouris (Juli 2026)
Meduza, „Lavrov and Rubio meet in Manila“, 23.07.2026; Financial Times, Berichterstattung zur Lage der ukrainischen Ostfront (2024)
John J. Mearsheimer, „Why the West Is Principally Responsible for the Ukraine Crisis“, Foreign Affairs
William J. Burns, „Nyet Means Nyet: Russia’s NATO Enlargement Redlines“ (US-Botschaftsdepesche Moskau, 2008, via WikiLeaks)
ISW und SIPRI, laufende Lageberichte zu Frontverlauf und russischer Rüstungsproduktion.