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Der Präzedenzfall, der alles erklärt
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Um die gegenwärtige iranische Strategie zu verstehen, muss man vierzehn Monate zurückgehen. Im Frühjahr 2025 führten die USA und Israel bereits einen zwölftägigen Krieg gegen Iran – ein Waffengang, der mit einem Waffenstillstand endete. Die Welt atmete auf, das iranische Nuklearprogramm galt als zurückgeworfen, die Lage schien befriedet. Ein Jahr später kehrten dieselben Angreifer zurück, überrumpelten Iran erneut und töteten am ersten Tag des neuen Kriegs, dem 28. Februar 2026, den Obersten Führer Ayatollah Ali Khamenei.
Dieser Rückfall ist der eigentliche Schlüssel zum Verständnis dessen, was seither geschieht. Denn aus iranischer Sicht hat sich damit eine Lektion bestätigt, die sich nicht mehr verdrängen lässt: Ein Waffenstillstand ohne eigene Machtbasis ist wertlos. Er schützt nicht vor einer Wiederholung, sondern verschafft der Gegenseite lediglich Zeit zur Neuaufstellung. Iran hat, wie der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Pape in einem Gespräch formulierte, „diesen Film schon einmal gesehen“ – und diesmal zieht das Land andere Konsequenzen.
Macht statt Versprechen: die strukturelle Lehre
Was seit Mitte Juli 2026 zu beobachten ist, lässt sich nicht mehr als bloße Reaktion auf amerikanische und israelische Angriffe beschreiben. Iran hat seine Strategie geändert: Es agiert zunehmend offensiv, sucht die Initiative und steigert bei jeder Vergeltung die Intensität – nicht „Auge um Auge“, sondern mit wachsender Schärfe. Dahinter steht weder Verletztheit noch Rachedurst, wie eine psychologisierende Betrachtung nahelegen würde. Vielmehr zeugt es von einer nüchternen Einsicht in die Funktionsweise des internationalen Systems. In einer Ordnung ohne übergeordnete Instanz, die Zusagen erzwingen könnte, sind diplomatische Versprechen auf Dauer wertlos. Sie lassen sich, sobald es opportun erscheint, ebenso leicht brechen wie geben. Rechenschaft entsteht in diesem System nicht durch Verträge, sondern allein durch die Fähigkeit, im Ernstfall empfindlich zurückzuschlagen – durch reale, demonstrierbare Macht.
Diese Logik verfolgt Iran seit dem Sommer konsequent: nicht Deeskalation um ihrer selbst willen, sondern der Aufbau einer Machtposition, die einen dritten Waffengang für die Gegenseite so teuer macht, dass er unterbleibt. Frieden ist in diesem Verständnis kein Zustand, den man vereinbart. Er ist ein Zustand, den man sich erarbeitet – durch Abschreckungsfähigkeit, nicht durch Handschlag.
Die technologische Ermöglichung: die zweite Präzisionsrevolution
Doch diese Logik allein erklärt noch nicht, warum sie sich ausgerechnet jetzt in die Tat umsetzen lässt. Präzise, wirkungsvolle Machtprojektion war über Jahrzehnte das Privileg weniger Supermächte – teure Lenkwaffen, Satellitenaufklärung, hochentwickelte Kampfjets. Iran hat in den vergangenen Jahren einen anderen Weg eingeschlagen, ähnlich wie zuvor die Ukraine und die jemenitischen Huthi-Milizen: die massenhafte Nutzung billiger Drohnen. Diese sind einzeln unscheinbar, in der Masse aber ebenso präzise und wirksam wie klassische Präzisionswaffen. Diese Entwicklung – eine zweite Präzisionsrevolution, nach jener der satellitengestützten Lenkwaffen in den 1990er Jahren – demokratisiert die Fähigkeit zur gezielten Machtausübung. Staaten mit mittlerem Einkommen können sich heute Fähigkeiten leisten, die vor wenigen Jahrzehnten nur den größten Militärmächten offenstanden. Ohne diese technologische Verschiebung bliebe der iranische Machtmehrungskurs bloße Absicht. Mit ihr wird er zu einer real umsetzbaren Strategie.
Der Hebel: die Straße von Hormus als Transmissionsriemen
Doch Macht, die sich nicht in Wirkung übersetzen lässt, bliebe für Iran folgenlos. Der Ort, an dem sich militärische Fähigkeit in wirtschaftlichen und politischen Druck verwandelt, ist die Straße von Hormus – jene schmale Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels läuft. Innerhalb weniger Tage nach Kriegsbeginn gelang es Iran, mittels Drohnen, vereinzelt Raketen und Minen, eine selektive Kontrolle über diese Passage zu erlangen: Wer sie verlässt oder durchquert, wird faktisch von Teheran bestimmt.
Diese Kontrolle wirkt bis in die Innenpolitik der Vereinigten Staaten hinein. Seit Mitte Juli, seit Iran systematisch nicht nur militärische, sondern auch wirtschaftliche Ziele angreift – Öltanker aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, über die verbündeten Huthi auch saudische Tanker –, steigt der Ölpreis in einer stetigen, mittlerweile sechswöchigen Aufwärtsbewegung. Die amerikanischen Benzinpreise, die zuvor durch das Anzapfen strategischer Reserven noch gedämpft werden konnten, geraten zunehmend außer Kontrolle – auch weil diese Reserven inzwischen nahe ihrem gesetzlichen Mindeststand liegen. Hier zeigt sich, dass Irans Machtgewinn kein regionales, sondern ein globales Phänomen ist: Ein Staat mittlerer Größe beeinflusst über die Kontrolle einer Meerenge unmittelbar die Kaufkraft amerikanischer Konsumenten – und damit, wie sich zeigen wird, auch amerikanische Innenpolitik.
Der Kipppunkt: von Abschreckung zu Hegemonie
Doch die Logik der Machtmehrung bleibt nicht bei der Verteidigung stehen. Was als Absicherung gegen einen dritten Angriff beginnt, kippt erkennbar in ein weiterreichendes Ziel: Iran strebt nicht mehr nur nach Unverletzlichkeit, sondern nach der Stellung als unangefochtene militärische und wirtschaftliche Führungsmacht am Persischen Golf, mit einer Einflusssphäre, die sich bis in den Libanon und ans Rote Meer erstreckt.
Dies ist kein Widerspruch zur ursprünglichen Logik, sondern ihre folgerichtige Fortsetzung. In einem System, in dem Sicherheit nicht vertraglich garantiert, sondern nur durch eigene Stärke erarbeitet werden kann, lässt sich „genug“ Sicherheit niemals eindeutig bestimmen. Jede erreichte Machtposition kann durch die nächste technologische oder politische Verschiebung der Gegenseite wieder infrage gestellt werden. Wer sich in einem solchen System nur auf Verteidigung beschränkt, bleibt strukturell im Nachteil. Reines Sicherheitsstreben mündet deshalb fast zwangsläufig in ein Streben nach relativer Übermacht – nicht aus Größenwahn, sondern weil die Alternative, sich auf die Zusagen einer überlegenen Gegenmacht zu verlassen, sich bereits einmal als Irrtum erwiesen hat.
Die innenpolitische Flankierung: die Ausschaltung der Tauben
Doch eine Strategie dieser Tragweite braucht nicht nur Waffen, sondern auch Rückhalt im eigenen Land. Bemerkenswert ist deshalb, wen die gezielten Tötungen der vergangenen Monate innerhalb der iranischen Führung getroffen haben. Wie Pape es zuspitzt: getroffen wurden nicht in erster Linie die Falken, sondern die Tauben – jene Kräfte innerhalb des Regimes, die eher zu Verhandlungen und Kompromissen neigten. Wer in einer Führung übrig bleibt, wenn die moderaten Stimmen ausgeschaltet sind, ist strukturell weniger zu Zugeständnissen bereit. Der Angriff hat damit, wohl ungewollt, genau jene Radikalisierung erzeugt, die er eigentlich verhindern sollte – und zugleich die innenpolitische Basis für den Machtmehrungskurs verbreitert.
Der Zeithorizont: Zwischenwahlen als Hebel, nicht als Ausweg
Ein Einwand drängt sich auf: Könnten die amerikanischen Zwischenwahlen im November 2026 der Konfliktdynamik nicht ein Ende setzen? Schließlich könnten die Demokraten, sollten sie eine oder beide Kammern des Kongresses gewinnen, ähnlich wie 1974 im Fall Vietnams gesetzgeberisch auf ein Kriegsende hinwirken. Doch aus der Perspektive der Machtmehrungslogik sind die Zwischenwahlen kein Anlass, den Druck zu senken, sondern ein Zeitfenster, das es maximal auszunutzen gilt. Iran hat, so lässt sich rekonstruieren, kein Interesse an den Demokraten als solchen, sondern an der politischen Zerstörung von Trumps Kriegskurs – und der wirksamste Hebel dafür sind anhaltend hohe Benzinpreise in den Vereinigten Staaten. Der Druck auf die Ölmärkte dürfte deshalb, so die Erwartung, mindestens bis Januar oder Februar 2027 aufrechterhalten werden – über den Wahltag hinaus, denn ungewiss bleibt bis zuletzt, welche Konsequenzen ein Machtwechsel im Kongress tatsächlich nach sich zieht.
Die größere Klammer: ein Muster, kein Einzelfall
Iran ist in dieser Hinsicht kein Sonderfall, sondern ein Beispiel eines allgemeineren Vorgangs. Staaten, die die Erfahrung gemacht haben, dass Zusagen der Vereinigten Staaten im Zweifel gebrochen werden, sichern sich strukturell gegen künftige Einmischung ab – militärisch wie institutionell. Russland hat in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten, verstärkt seit dem Ukraine-Konflikt, außenfinanzierte Nichtregierungsorganisationen und Oppositionsnetzwerke systematisch zurückgedrängt. China verfolgt einen vergleichbaren Kurs gegenüber ausländischer politischer Einflussnahme. Und in Iran selbst wurden die von westlichen Geheimdiensten unterstützten Protestbewegungen, die dem Krieg vom Februar 2026 vorausgingen, mit Härte niedergeschlagen. In allen drei Fällen geht es nicht um Abschottung als Selbstzweck, sondern um dieselbe Grundlogik: Wer einmal erlebt hat, dass äußere Zusagen brechen und äußere Einflussnahme die eigene Handlungsfähigkeit untergräbt, baut Widerstandsfähigkeit auf – gegen militärische wie gegen politische Einmischung gleichermaßen.
Schluss: die Ironie der Eskalationsfalle
Der Krieg, den die Vereinigten Staaten und Israel im Februar 2026 begannen, verfolgte ein klares Ziel: Iran als eine der tragenden Säulen einer sich abzeichnenden multipolaren Ordnung auszuschalten. Das Ergebnis ist bislang das Gegenteil. Statt geschwächt zu werden, hat Iran genau jene Machtmehrung vollzogen, die seine Rolle als eigenständiger regionaler Akteur festigt – gestützt auf eine militärtechnologische Entwicklung, die der Angriff selbst nicht verursacht, aber ungewollt beschleunigt hat, und getragen von einer innenpolitischen Konstellation, die der Angriff selbst erst geschaffen hat. Die Eskalationsfalle, in der die Vereinigten Staaten seither stecken, ist in diesem Sinn kein Betriebsunfall, sondern die konsequente Folge einer Fehleinschätzung: Wer glaubt, in einem System ohne verlässliche Garantien mit begrenzter Gewalt dauerhafte Unterordnung erzwingen zu können, lehrt den Angegriffenen am Ende nur eines – dass er sich auf niemanden verlassen kann außer auf die eigene Macht.
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Bildquelle: Kanisorn Pringthongfoo / shutterstock
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Quellen
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie“ und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung“. 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift“, das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock