Was UFOs wirklich verraten | Von Dirk Ellerbrock

… nicht über den Himmel, sondern über uns

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Ende Juni tagte in der französischen Nationalversammlung erstmals ein parlamentarisches Kolloquium zur Erforschung nicht identifizierter Luft- und Raumfahrtphänomene. Kurz zuvor hatte die US-Regierung neue Akten zu sogenannten Unidentified Anomalous Phenomena

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… nicht über den Himmel, sondern über uns

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Ende Juni tagte in der französischen Nationalversammlung erstmals ein parlamentarisches Kolloquium zur Erforschung nicht identifizierter Luft- und Raumfahrtphänomene. Kurz zuvor hatte die US-Regierung neue Akten zu sogenannten Unidentified Anomalous Phenomena freigegeben. In Deutschland: Schweigen. Höchstens ein müdes Lächeln. Diese Differenz allein sollte misstrauisch machen – nicht gegenüber dem Phänomen am Himmel, sondern gegenüber dem, was am Boden mit ihm gemacht wird.

Die Versuchung ist groß, sich in der Frage zu verlieren, ob „da draußen“ etwas ist, das unsere Physik nicht erklärt. Diese Frage ist legitim, aber interessanter ist noch eine andere: Was tut ein System mit einer Leerstelle, die es nicht schließen kann? Die Antwort liegt nicht in den Sternen, sondern in einem sehr irdischen, sehr alten Mechanismus – dem, was man das Betriebssystem der Moral nennen könnte: Spaltung, Bewertung, Legitimation, Sanktionierung. Vier Operationen, mit denen jede Gesellschaft das Unfassbare bewirtschaftet, sobald es politisch unbequem wird.

Die Spaltung: vom Gotteszeichen zur Bedrohung

Bevor ein Phänomen kontrolliert werden kann, muss es zuerst aus dem Kontinuum des Unbekannten herausgeschnitten und als benennbares Ding fixiert werden. Über Jahrhunderte übernahm das die Kirche: Die Marienerscheinungen von Fatima 1917 tragen, nüchtern betrachtet, sämtliche Merkmale einer modernen Sichtung – Lichtphänomene, veränderte Bewusstseinszustände, kollektive Beobachtung. Damals wurde daraus ein Gottesbeweis gemacht. Die Deutungsmacht lag bei der Institution, die aus dem Unerklärlichen Kapital schlagen konnte.

Heute übernimmt dieselbe Funktion der Sicherheitsapparat – nur dass aus dem Zeichen Gottes eine nationale Bedrohung wird. Der Treppenwitz der jüngsten US-Kampagne liefert den Beleg gleich mit: Eine Regierungswebseite im Akte-X-Stil, „sie sind unter uns, im Geheimen“, kippte binnen weniger Zeilen in eine Kampagne gegen „illegal aliens“ – gegen Migranten. Dieselbe sprachliche Hülle, zwei völlig verschiedene Feindbilder, ein und derselbe Zweck: eine Bevölkerung durch Angst vor dem Fremden regierbar halten. Das ist keine Verschwörungstheorie, das steht auf der eigenen Webseite des Weißen Hauses.

Die Bewertung: Lächerlichmachung als Strategie

Nachdem etwas als „Ding“ fixiert ist, folgt seine Einordnung – und hier zeigt sich der zweite Trick besonders deutlich. In den 1950er Jahren beauftragte die CIA das sogenannte Robertson Panel, dessen Aufgabe explizit darin bestand, das UFO-Thema öffentlich ins Lächerliche zu ziehen. Nicht um Wissenschaft zu betreiben, sondern um soziale Ächtung zu erzeugen: Wer sich damit beschäftigt, gilt als Spinner. Diese Strategie wirkt bis heute nach, in Deutschland vielleicht stärker als irgendwo sonst – während Frankreich seit fünfzig Jahren eine staatliche Forschungsbehörde unterhält, wird das Thema hierzulande routinemäßig weggelacht, bevor es überhaupt diskutiert wurde.

Die Bewertung „lächerlich“ ist damit kein Werturteil aus Erkenntnisinteresse, sondern ein Disziplinierungsinstrument. Sie funktioniert exakt wie jede andere Stigmatisierung: Sie erspart die inhaltliche Auseinandersetzung, indem sie den Sprecher diskreditiert, bevor er spricht.

Die Legitimation: der stillschweigende Vertrag

Der amerikanische Politikwissenschaftler Alexander Wendt hat vor einigen Jahren einen Gedanken formuliert, der die eigentliche Pointe dieses ganzen Komplexes freilegt: Eine offizielle Bestätigung höherer, nichtmenschlicher Intelligenz würde den unausgesprochenen Sozialvertrag zwischen Staat und Bevölkerung in Frage stellen. Der Staat verspricht Schutz, die Bevölkerung im Gegenzug Gehorsam. Käme heraus, dass der Staat vor einer Realität steht, die er nicht kontrolliert, und das obendrein seit Jahrzehnten verschwiegen hat – die Legitimationsgrundlage selbst würde erodieren.

Das ist der eigentliche Grund für die Geheimhaltung, nicht Sorge um die „psychische Stabilität der Bevölkerung“, wie es gern heißt. Legitimation braucht die Erzählung von Kontrolle. Ein Staat, der zugibt, dass da etwas ist, das er nicht versteht, gibt zugleich zu, dass sein zentrales Versprechen – Sicherheit gegen Gehorsam – Risse hat.

Die Sanktionierung: Angst als Karriererisiko

Am unteren Ende der Kette steht der Einzelne. Piloten, Militärs, Sicherheitsbeamte, die ungewöhnliche Beobachtungen machen, schweigen in aller Regel – nicht aus Wichtigtuerei, sondern aus nüchterner Karriereangst. Wer meldet, riskiert die psychologische Untersuchung, den Verdacht der Unzurechnungsfähigkeit, im schlimmsten Fall die Fluglizenz. Das ist Sanktionierung in Reinform: Nicht das Gesetz verbietet das Sprechen, die informelle Angst vor sozialer und beruflicher Vernichtung erledigt das zuverlässiger als jede Zensurbehörde.

Die aktuelle Inszenierung

Die jüngste Freigabewelle der US-Regierung fügt sich nahtlos in dieses Muster – nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Veröffentlicht werden Videos in der geringstmöglichen Auflösung, alle relevanten Metadaten geschwärzt, jede belastbare Telemetrie fehlt. Das erzeugt keine Aufklärung, sondern eine kalkulierte Unschärfe: genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, zu wenig, um irgendetwas zu belegen. Die Botschaft an die skeptische Mehrheit lautet folgerichtig stets: Seht her, wieder kein Beweis. Die Deutungshoheit bleibt beim Staat, ganz gleich, was „enthüllt“ wird.

Dass diese Inszenierung zeitlich in eine Phase fällt, in der andere geopolitische Baustellen – ein gescheiterter Angriffskrieg gegen Iran, ein wachsender militärisch-industrieller Verwertungsdruck – lieber nicht im Rampenlicht stünden, mag Zufall sein. Zwingend ist es nicht. Aber es passt in ein Muster, das sich seit Jahrzehnten wiederholt: Sobald eine Erzählung droht, an Kontrolle zu verlieren, wird eine neue eröffnet.

Fazit

Ob am Himmel tatsächlich etwas fliegt, das sich unserer Physik entzieht, bleibt offen – die vorliegenden Daten reichen dafür nicht aus, das zeigen selbst die eigenen Aussagen der Forscher. Was sich dagegen mit großer Klarheit zeigen lässt, ist der Umgang mit dieser Leerstelle: Sie wird gespalten, bewertet, zur Legitimation genutzt und gegen jene sanktioniert, die zu genau hinsehen. Nicht die Aliens sind das eigentlich Rätselhafte an dieser Geschichte. Rätselhaft ist, wie zuverlässig ein und dasselbe Betriebssystem, ob mit religiösem oder sicherheitspolitischem Vokabular, immer wieder dieselbe Funktion erfüllt: Herrschaft zu sichern, indem es Angst vor dem Unbekannten verwaltet, statt es zu verstehen.

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Erfahren Sie mehr über das Thema im jüngst veröffentlichten apolut-Interview:
Im Gespräch: Frank Höfer | „Das Brooklyn Projekt“ https://apolut.net/im-gespraech-frank-hoefer/

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Illustration: UFOs fliegen über Kleinstadt
Bildquelle: IgorZh / shutterstock

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