Wer zahlt, wer lacht: Die zweite Front im Golfkrieg | Von Dirk Ellerbrock

Wer zahlt, wer lacht: Die zweite Front im Golfkrieg | Von Dirk Ellerbrock

Während Washington die nächste Eskalationsstufe ankündigt – Energieinfrastruktur, Kraftwerke, Brücken, „nächste Woche wird es für sie richtig schlimm" –, lohnt sich der Blick auf eine Verteilungsfrage, die in der Berichterstattung systematisch ausgespart bleibt.

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Während Washington die nächste Eskalationsstufe ankündigt – Energieinfrastruktur, Kraftwerke, Brücken, „nächste Woche wird es für sie richtig schlimm“ –, lohnt sich der Blick auf eine Verteilungsfrage, die in der Berichterstattung systematisch ausgespart bleibt: Wer trägt die Kosten dieses Krieges, und wem nützt er tatsächlich?

Die nüchterne Bilanz nach rund acht Monaten Kriegsführung liest sich so: 13 bis 14 gefallene US-Soldaten, etwa 400 Verwundete, über 40 zerstörte Flugzeuge, ein Nachtragshaushalt von rund 350 Milliarden Dollar. Israel dagegen verliert keine Soldaten, keine Raketen, keine Städte. Die eigentliche Kampfführung – inklusive sämtlicher Vergeltungsschläge, die eine Eskalation gegen den eigenen Verbündeten provoziert – liegt vollständig bei den amerikanischen Streitkräften.

Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern die eigentliche Funktionsweise der Beziehung: Ein Bündnispartner trägt das Risiko, der andere die politischen Erträge. Wenn man diese Asymmetrie einmal ausspricht, wird auch verständlich, warum die Vermittlungsversuche zum Libanon – sechs Gesprächsrunden, moderiert von den USA – regelmäßig an genau dem Punkt scheitern, an dem sie zu einer echten Truppenreduzierung führen müssten. Israel zerstört weiter Gebäude im Südlibanon, während gleichzeitig über einen Rückzug verhandelt wird. Das Memorandum, das einen dauerhaften Waffenstillstand „auf allen Fronten einschließlich des Libanon“ vorsieht, wird durch eine zusätzliche, dort nirgends erwähnte Entwaffnungsbedingung für die Hisbollah faktisch blockiert – ein Vetorecht, das sich niemand hat einräumen lassen, das aber wirkt.

Die innenpolitische Stille als Beleg

Bemerkenswert ist auch, was in den USA selbst nicht passiert. Eine Gesellschaft mit langer Protesttradition, die erst kürzlich Millionen Menschen für „No Kings“-Kundgebungen mobilisieren konnte, bringt gegen einen nicht autorisierten Krieg gegen ein drittes Land keine nennenswerte Demonstration zustande. Die Abstimmung über Thomas Massies Antrag, die Militärhilfe an Israel zu streichen, liefert die Erklärung gleich mit: Die Republikaner stimmten praktisch geschlossen dagegen, die Demokraten waren gespalten, das Ergebnis lag bei etwa 100 zu über 300 Stimmen. Das ist kein Zufall der Tagespolitik, sondern ein Indikator dafür, wie tief die außenpolitische Konsensbildung in beiden großen Parteien inzwischen an einem einzigen Interesse ausgerichtet ist. Wo es an Bewegung fehlt, fehlt in der Regel auch der politische Preis für Eskalation – und genau das erklärt, warum sich an der Kriegslogik strukturell nichts ändert, ganz gleich, wie hoch die Materialverluste steigen.

Der nukleare Vorwand bröckelt öffentlich

Besonders instruktiv ist ein Widerspruch, der sich derzeit live in den eigenen Talkshows abspielt. Die offizielle Rechtfertigung für den Kriegsbeginn am 28. Februar lautete, Iran stehe „zwei Wochen“ von einer Atombombe entfernt. Gleichzeitig erklärte ein pensionierter Vier-Sterne-General, enger Berater der Administration, in derselben Woche öffentlich, Iran verfüge über keinerlei nukleare Fähigkeit – „nicht einmal annähernd“. Beide Aussagen können nicht gleichzeitig wahr sein, und dass sie unwidersprochen nebeneinanderstehen, zeigt weniger Verwirrung als vielmehr, wie beliebig austauschbar die Begründungslage inzwischen gehandhabt wird. Strukturell interessant daran ist nicht die einzelne Lüge, sondern der Mechanismus, den sie in Gang setzt: Ein Land, das erlebt, wie sein ziviles System – Strom, Wasser, Brücken, Treibstoff – gezielt zerlegt wird, während der erklärte Vorwand dafür nachweislich hinfällig ist, hat sachlich betrachtet wenig zu verlieren und einen sehr konkreten Anreiz gewonnen, genau die Fähigkeit zu erwerben, die man ihm eigentlich unterstellt hat. Das nordkoreanische Modell – sobald die Bombe existiert, endet die militärische Option der Gegenseite – ist in diesem Sinn keine Drohung, sondern eine strukturelle Konsequenz maximalen Drucks ohne Kapitulationsbereitschaft der anderen Seite.

Die zweite Meerenge

Während sich die öffentliche Debatte auf Hormus konzentriert, verschiebt sich das eigentliche Risiko bereits weiter südlich. Ein saudischer Luftschlag auf die Startbahn des Flughafens von Sanaa – offiziell als Reaktion auf einen jemenitischen Verstoß gegen ein Embargo begründet, das seit Jahren besteht – trifft ausgerechnet das fragile diplomatische Konstrukt, das China über Pakistan mühsam zwischen Riad und Teheran aufgebaut hatte. Der Angriff widerspricht dabei erkennbar den eigenen Interessen Saudi-Arabiens: Sollte Bab al-Mandab als Reaktion darauf blockiert werden, verlöre Riad seine letzte verbliebene Exportroute über das Rote Meer, nachdem Hormus bereits nicht mehr zur Verfügung steht. Dass ein Akteur eine Eskalation eingeht, die die eigene wirtschaftliche Überlebensfähigkeit gefährdet, deutet weniger auf strategische Kohärenz als auf innersaudische Machtkämpfe um die Nachfolgefrage hin – ein Faktor, der in der westlichen Berichterstattung praktisch nicht vorkommt, obwohl er über den Ölpreis direkt auf die Weltwirtschaft durchschlägt: Analystenschätzungen zufolge könnte eine Sperrung von Bab al-Mandab den Ölpreis binnen einer Woche auf 200 Dollar treiben, weil dann kein Öl mehr aus Westasien exportiert würde.

Was währenddessen ungestört weiterläuft

Der eigentliche Treppenwitz der aktuellen Eskalation liegt darin, dass sie an der zugrundeliegenden Verschiebung nichts ändert, die sie eigentlich aufhalten soll. Chinas Exporte erreichten im vergangenen Monat mit 412 Milliarden Dollar einen Rekordwert, getrieben von grüner Technologie und KI. Eine aktuelle Pew-Umfrage zeigt eine positivere globale Wahrnehmung Chinas als der USA. Der China-Pakistan-Wirtschaftskorridor und die iranische Anbindung an die neue Seidenstraße – konkret sichtbar am zerstörten zivilen Hafenkontrollturm von Chabahar, einem Knotenpunkt des internationalen Nord-Süd-Transportkorridors zwischen Russland, Iran und Indien – laufen strukturell weiter, ganz unabhängig davon, wie viele Brücken und Kontrolltürme kurzfristig bombardiert werden. Man kann eine Landverbindung nicht durch punktuelle Luftschläge stilllegen, wenn das Land, das sie umgehen will, hunderte Kilometer Grenze zu Nachbarstaaten hat, die an derselben Anbindung interessiert sind.

Die Pointe für die eigene Position ist damit eine doppelte: Der Versuch, über militärischen Druck sowohl die Kontrolle über die Straße von Hormus zurückzugewinnen als auch die eurasische Integration zu bremsen, erzeugt in beiden Fällen tendenziell das Gegenteil des intendierten Effekts – eine geeintere iranische Gesellschaft, eine beschleunigte Anbindung an alternative Handelsrouten, und ein Bündnisgefüge in der Golfregion, das sich zunehmend von der Erwartungshaltung Washingtons löst. Wer nach der eigentlichen Nutznießer-Rechnung fragt, findet sie nicht in Teheran und nicht einmal eindeutig in Tel Aviv, sondern in der Differenz zwischen dem, was einzelne Akteure – Rüstungsindustrie, Öl-Derivate-Handel, eine politische Klasse ohne belastbare Rechenschaftspflicht – kurzfristig daraus ziehen, und dem, was die beteiligten Gesellschaften langfristig davontragen.

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Bildquelle: FabrikaSimf / shutterstock

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