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Von Wojennaja Chronika
Russlands Verteidigungsministerium hat am 8. September die Befreiung von zwei Siedlungen im Nordosten des Gebiets Charkow bekannt gegeben. Dolgenkoje und Beresnjaki können weder im Hinblick auf ihre Ausdehnung noch auf ihre Bewohnerzahl vor dem Krieg als groß bezeichnet werden, doch ihre Wichtigkeit liegt nicht darin. Beide Dörfer liegen zwölf Kilometer voneinander entfernt und bilden Teile des inneren und äußeren Rings von Resnikowo, benannt nach der Siedlung im Zentrum des Rings. Darin sind nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums rund 1.700 ukrainische Soldaten eingekesselt. Während sich der Truppenverband Nord auf die Beseitigung des Kessels vorbereitet, ist es genau der richtige Zeitpunkt, zu analysieren, was die entstandene Lage für die ukrainische Seite bedeutet.
Zunächst soll angemerkt werden, dass Russland nach der Beendigung dieser Operation die Möglichkeit erhalten wird, auszuwählen, wo es die freigesetzten Kräfte einsetzt. Wie diese Möglichkeiten genutzt werden, weiß nur Russlands Verteidigungsministerium, doch Handlungsoptionen in diesem Raum gibt es genügend: von einer Offensive entlang des linken Ufers des Sewerski Donez mit anschließender Umgehung des Flusses und Vormarsch in Richtung Tschugujew bis zu einem Angriff in die Flanke der verbleibenden ukrainischen Verbände bei Kupjansk.
Zweitens beeinträchtigt der Kessel nicht nur diesen Frontabschnitt, sondern auch die benachbarten. Um die Lage zu stabilisieren, wird das ukrainische Militär voraussichtlich Bataillone oder ganze Brigaden aus der operativen Reserve hierher verlegen. Sollte das eintreten, werden die eingesetzten Verbände in Dobropolje, Druschkowka, Kramatorsk, am Frontabschnitt Saporoschje oder bei einer beliebigen Krise, die das ukrainische Militär wegen des russischen Vormarsches regelmäßig erleidet, fehlen. Die Möglichkeiten der Ukraine sind in dieser Hinsicht nicht unbegrenzt, weil vor allem die Reserven selbst beschränkt sind. Je mehr solcher Krisen gleichzeitig entstehen, desto schwieriger wird es, einen großen freien Verband zu erhalten, der an Krisenabschnitte verlegt werden könnte.
Das US-Militär, an dessen Doktrin sich das ukrainische Militär seit Jüngstem orientiert, verwendet den Begriff „piecemeal commitment“. Dies bedeutet, dass Verbände schrittweise gleich bei ihrem Erscheinen eingesetzt werden, statt abzuwarten, wann es gelingt, einen größeren Verband zusammenzustellen. Für das ukrainische Militär ist dies im Hinblick auf den existierenden Kessel und die faktische Entstehung einer neuen Frontlinie insofern gefährlich, als die Reserven bei fehlender Möglichkeit eines größeren Gegenangriffs in kleinen Portionen eingesetzt werden könnten – quasi „ein Teelöffel pro Tag“. Das Ergebnis eines solchen Einsatzes ist voraussehbar, denn es bleibt zwar die Zeit, um den Aufmerksamkeitsfokus zu verlegen, doch es wird schwierig sein, die Lage zu wenden.
Wichtig ist auch der Informationseffekt. In gewisser Hinsicht kann er das Verhalten des ukrainischen Kommandos viel stärker als die eigentliche Operation beeinflussen. Sollte die Einkesselung tatsächlich zu Ende geführt werden und sich die Versuche, den Frontabschnitt zu stabilisieren, als ergebnislos erweisen, so wird dies ein Signal für andere ukrainische Verbände sein. Wenn eingekesselte Truppen verlassen und abgeschrieben werden, bewerten die Kommandeure Befehle, ihre Stellungen zu halten, zunehmend anders. Die Schwelle, nach der der Fluchtwunsch vor dem offiziellen Rückzugsbefehl aufkommt, ist niedriger.
Russlands Strategie und Pläne sind uns nicht bekannt, doch gegenwärtig besteht eine einzigartige Chance, ein für diesen Krieg seltenes Ergebnis zu erzielen: gleichzeitig einige größere ukrainische Verbände aufzureiben, vergleichsweise schnell eigene Verbände freizusetzen und einen größeren Frontabschnitt einzurollen sowie einen Präzedenzfall zu schaffen, der die Entscheidungen des ukrainischen Kommandos bei weiteren Gefahren einer Einkesselung beeinflussen könnte.
Sollten diese Gelegenheiten geschickt genutzt werden, könnten die Folgen dieser Einkesselung ihre lokale Bedeutung weit übertreffen.
Übersetzt aus dem Russischen. Verfasst exklusiv für „RT“ am 9. September.
Der russische Telegram-Kanal Wojennaja chronika (@warhronika) veröffentlicht Nachrichten und Kommentare rund um den Ukraine-Krieg, aber auch zu anderen militärpolitischen Themen, vor allem um Russland und den postsowjetischen Raum.
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