Korruption in der Schweiz: 41 Tote reichen nicht für sofortige U-Haft, eine Prügelattacke schon

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Von Hans-Ueli Läppli

Die Brandkatastrophe von Crans-Montana schockierte die Schweiz und die ganze Welt. 41 Menschen starben, 115 weitere wurden verletzt, viele davon schwer. Die Todesopfer waren mehrheitlich Jugendliche und junge Erwachsene.

Noch verstörender ist inzwischen der Blick auf die Aufarbeitung. Neben den Betreibern stehen auch Behörden, Kontrollen und Verantwortlichkeiten im Zentrum. Damit gerät zwangsläufig auch die Schweizer Staatsanwaltschaft unter Beobachtung.

Erst jetzt, Monate nach der Katastrophe, landete Jacques Moretti erneut in Untersuchungshaft.

Nicht wegen der toten Teenager von Crans-Montana und der zahlreichen weiteren Verletzten. Seine erneute U-Haft steht vielmehr im Zusammenhang mit einer „Banalität aus dem Privatleben“, einem häuslichen Gewaltvorwurf.

Moretti soll seine Ehefrau Jessica körperlich angegriffen haben. Sie wurde ins Spital eingeliefert. Die Staatsanwaltschaft beantragte Untersuchungshaft, das zuständige Gericht bestätigte sie. Für Moretti gilt selbstverständlich wie immer die Unschuldsvermutung.

Der Kontrast ist trotzdem kaum zu übersehen. 41 Tote, mehrheitlich Jugendliche und junge Erwachsene, mehr als 115 Verletzte, mehrheitlich im selben Alter – und jetzt reicht ein mutmaßlicher Angriff auf die Ehefrau für eine sofortige U-Haft.

Natürlich handelt es sich um zwei getrennte Verfahren. Untersuchungshaft ist keine Strafe und darf nur bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen angeordnet werden. Auch im Fall der Brandkatastrophe gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung.

Die Schweizer Justiz hat mit ihrem Umgang mit Crans-Montana längst auch international Vertrauen verspielt. Nach der Freilassung von Jacques Moretti platzte Giorgia Meloni der Kragen. Die italienische Regierungschefin bezeichnete die Freilassung als Affront gegenüber den Opfern und ihren Familien. Rom bestellte den Schweizer Botschafter ein, zog den eigenen Botschafter zu Konsultationen zurück und verlangte eine gemeinsame Untersuchung.

Der eigentliche Skandal könnte jedoch tiefer liegen: Nicht nur die Betreiber stehen im Fokus, sondern auch jene Behörden, die das Lokal kontrollieren sollten. Vorgeschriebene Sicherheitskontrollen blieben über Jahre aus, obwohl die Gemeinde für deren Durchführung und die Einhaltung der Vorgaben zuständig war.

Es geht um Brandschutzkontrollen, Sicherheitsvorgaben und die Frage, ob bekannte Risiken ausreichend ernst genommen wurden. Ebenso muss geklärt werden, wann welche Beweismittel gesichert und weshalb etwa die Mobiltelefone der Betreiber nicht sofort beschlagnahmt wurden.

Viele Punkte der Brandnacht bleiben offen. Wie konnten dort so viele Minderjährige feiern? Was wusste das Personal? Welche Warnungen gab es vor dem Brand? Und warum wurden bestimmte Risiken nicht rechtzeitig beseitigt? Auch die finanziellen Hintergründe müssen lückenlos geprüft werden. Dubai-Offshore-Konten und -Verbindungen dürfen nicht einfach unter den Tisch fallen.

Doch die Schweizer Justiz schweigt. Welche Interessen verteidigt sie eigentlich? Bei 41 Toten sollte die einzige Priorität eine schonungslose Aufklärung sein – unabhängig davon, ob Betreiber, Behörden oder politische Verantwortliche betroffen sind. Monate nach der Katastrophe sind weiterhin zahlreiche Fragen offen.

Vitamin B 

Das Vertrauen in die Schweizer Justiz ist schwer angeschlagen. Der Fall sorgt inzwischen weit über die Schweiz hinaus für Kopfschütteln – von Rom bis Paris.

Das Betreiberpaar verfügt über ein großes Netzwerk, prominente Verteidiger und Kontakte bis in die Society- und Filmwelt. Jessica Moretti war sogar im Umfeld von Sacha Baron Cohens „The Dictator“ öffentlich in Erscheinung getreten.

Vitamin B, Filz und Vetternwirtschaft – der Verdacht steht längst im Raum. Ob er berechtigt ist, muss die Justiz klären. Dafür müsste sie allerdings konsequent ermitteln, denn der Kontrast ist schwer zu übersehen: Für die Brandkatastrophe mit ihren zahlreichen Opfern gab es keine erneute U‑Haft. Hingegen sitzt Moretti wegen eines separaten Gewaltvorwurfs nun in Untersuchungshaft.

Und dann ist da die Verwaltung. Wenn ein Lokal mit bekannten Sicherheits- und Brandschutzanforderungen nicht ausreichend kontrolliert wurde, darf die Untersuchung nicht bei den Betreibern haltmachen.

Die Staatsanwaltschaft steht selbst unter Beobachtung

Damit wird der Fall für die Walliser Justiz besonders heikel. Sie muss nicht nur die Betreiber und weitere Beteiligte untersuchen, sondern auch offensichtliche Fehler innerhalb staatlicher Strukturen aufklären.

Hier darf es keine Schonbehandlung geben. Keine Rücksicht auf persönliche Beziehungen, politische Netzwerke oder institutionelle Interessen. Kein Filz und kein „Freistaat Wallis“, in dem am Ende niemand verantwortlich sein will.

Die Walliser Staatsanwaltschaft steht inzwischen massiv unter Kritik und hat Vertrauen verzockt. Vorwürfe von Befangenheit, Überlastung und Fehlern bei der frühen Beweissicherung stehen im Raum. Noch gravierender ist, dass sich die Ermittlungen inzwischen auch gegen Personen aus dem Umfeld der Gemeinde richten. Die Walliser Staatsanwaltschaft muss damit Fehler und Versäumnisse von Behörden untersuchen, deren Aufgabe es gewesen wäre, die Sicherheit des Lokals zu gewährleisten.

Korruption ist nicht bewiesen, doch der Verdacht auf Vetternwirtschaft verschwindet nicht dadurch, dass man ihn ignoriert. Gerade deshalb muss die Staatsanwaltschaft transparent darlegen, wie sie den Fall führt, welche Zwangsmaßnahmen sie anordnet und weshalb sie andere nicht anordnet. Auch der Bund ist längst involviert. Bei der internationalen Rechtshilfe koordiniert das Bundesamt für Justiz die Zusammenarbeit mit Italien. Italienische Ermittler erhielten Einblick in die Walliser Akten. Zusätzlich läuft über Fedpol ein separater Ermittlungsstrang wegen des Verdachts auf Geldwäsche.

Damit wächst der Druck auf die Walliser Justiz weiter. Wo Behörden selbst Teil der Ermittlungen sind, muss die Aufarbeitung besonders transparent und unabhängig erfolgen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass der Kanton seine eigenen Strukturen kontrolliert und Versäumnisse untereinander beurteilt.

Am Ende muss lückenlos geklärt werden, wer Verantwortung trägt, wo Behörden versagt haben und warum es überhaupt zu dieser Katastrophe kommen konnte. Die Ermittlungen dürfen deshalb nicht bei den Betreibern Halt machen. Auch Verwaltung, Kontrollen und politische Verantwortlichkeiten gehören auf den Prüfstand. Für die Schweiz gilt dabei ein einfacher Grundsatz. Vor dem Gesetz müssen alle gleich sein, unabhängig von Namen, Beziehungen, Einfluss oder einer früheren Rolle im Film „The Dictator“.

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