So leer waren Europas Gasspeicher um diese Zeit noch nie

Share your love

Europas Gasspeicher sind Mitte August so leer wie zu dieser Jahreszeit noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Nach Daten von Gas Infrastructure Europe waren die unterirdischen Speicher der EU am 10. August zu rund 59,1 Prozent gefüllt. Bis zum 12. und 13. August stieg der Füllstand leicht auf knapp 60 Prozent. Damit liegt Europa erstmals mehr als 20 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt.

In normalen Jahren sind die Speicher Mitte August bereits zu rund drei Vierteln gefüllt. Anfang August war der Füllstand dieses Jahres sogar auf 57,2 Prozent gefallen. Europa verfügt damit über einen deutlich kleineren Puffer für die Heizsaison als sonst.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Situation im Nahen Osten. Die Störungen im Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus haben den internationalen LNG-Handel belastet.

Die Ausfälle haben den Wettbewerb um verfügbare LNG-Ladungen verschärft. Europäische Abnehmer konkurrieren vor allem mit asiatischen Märkten, die ebenfalls dringend zusätzliche Mengen benötigen. Die fehlenden katarischen Lieferungen lassen sich auch durch höhere Importe aus den USA nur teilweise ausgleichen.

Hinzu kommt die stärkere Abhängigkeit Europas vom internationalen Gasmarkt. Mit dem Rückgang russischer Pipeline-Lieferungen hat Europa einen wichtigen Teil seiner früheren Gasversorgung verloren und muss sich stärker mit LNG aus Übersee versorgen. Dadurch wirken sich Engpässe auf dem Weltmarkt unmittelbarer auf die europäischen Preise und die verfügbare Menge aus.

Mehrere große Abnehmer suchen inzwischen nach denselben LNG-Ladungen. Besonders die hohe Nachfrage aus Asien setzt Europa unter Druck. Hitzewellen haben dort den Stromverbrauch für Klimaanlagen stark erhöht. Versorger setzen mehr Gas für die Stromproduktion ein und sind bereit, höhere Preise für Flüssiggas zu bezahlen.

Auch die Preise an den europäischen Gasmärkten haben die Befüllung der Speicher gebremst. Über längere Zeit war Gas für die Lieferung im Sommer teurer als für den kommenden Winter. Für Händler lohnte es sich deshalb kaum, große Mengen frühzeitig einzukaufen und einzulagern.

Wer Gas im Sommer teuer kauft und im Winter zu einem niedrigeren Preis verkaufen muss, macht Verluste. Viele Händler warteten deshalb auf günstigere Einkaufsmöglichkeiten. Das führte dazu, dass in den wichtigen Sommermonaten weniger Gas in die Speicher floss.

Die europäische Sanktions- und Energiepolitik hat die Abhängigkeit vom Weltmarkt zudem verstärkt. Der schrittweise Rückgang russischer Gaslieferungen hat die frühere Pipeline-Versorgung durch eine stärkere Orientierung auf LNG ersetzt. Europa muss damit stärker um verfügbare Mengen konkurrieren, die auch von Abnehmern in Asien benötigt werden.

Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass die Störungen im Nahen Osten den erwarteten weltweiten LNG-Überschuss weiter verzögern. Schäden an wichtiger Infrastruktur, darunter am katarischen Ras-Laffan-Komplex, verschärfen die Situation.

Nach Einschätzung der IEA könnten sich die kumulierten Lieferausfälle zwischen 2026 und 2030 auf rund 140 Milliarden Kubikmeter belaufen. Ein größeres weltweites Überangebot, das die Preise eigentlich senken sollte, könnte dadurch mindestens zwei Jahre später eintreten als erwartet.

Für Europa bedeutet das anhaltenden Preisdruck. Die TTF-Preise liegen deutlich über dem Niveau des Vorjahres. Besonders teuer könnte Gas im Winter werden, wenn der Verbrauch steigt und gleichzeitig wenig Windstrom produziert wird. Dann müssten Gaskraftwerke stärker zur Stromversorgung beitragen.

Auch bei der Speicherbefüllung gibt es große Unterschiede zwischen den EU-Staaten. Italien hat die Einspeicherung stärker gefördert und erreicht derzeit rund 78 Prozent. Deutschland liegt dagegen nur bei etwa 49 Prozent, obwohl es über die größten Speicherkapazitäten Europas verfügt. Polen und einige andere Länder haben ihre Speicher bereits deutlich weiter gefüllt.

Diese Unterschiede könnten im Winter an Bedeutung gewinnen. Gas kann innerhalb Europas über das Leitungsnetz verteilt werden, doch bei längeren Kälteperioden sind regionale Engpässe möglich.

Für die EU wird es unter den aktuellen Bedingungen schwierig, die üblichen Speicherstände bis zum Beginn der Heizsaison zu erreichen. Entscheidend sind nun die weiteren LNG-Lieferungen, die Nachfrage in Asien und die Temperaturen in Europa.

Eine Wiederholung der Energiekrise von 2022 zeichnet sich derzeit nicht ab. Europa verfügt inzwischen über größere LNG-Importkapazitäten und kann weiterhin auf Lieferungen aus Norwegen und den USA zurückgreifen. Die niedrigen Speicherstände lassen den europäischen Gasmarkt jedoch anfälliger für Preissprünge werden.

Für Haushalte und Industrie dürfte deshalb vor allem die Kostenfrage entscheidend sein. Wie teuer Gas im kommenden Winter wird, hängt davon ab, wie kalt es wird und wie viel Europa zusätzlich auf dem Weltmarkt einkaufen muss.

Mehr zum Thema – EU importiert Rekordmengen russisches LNG – trotz Ausstiegsplänen

Beitrag teilen

Neue Beiträge und
Informationen direkt
per E-Mail erhalten.