28. und 30. September: Irans Fristen laufen ab – Escobar erwartet eine neue Phase des Krieges – hier seine Analyse

Die Straße von Hormus könnte nur der Anfang gewesen sein. Der geopolitische Analyst Pepe Escobar warnt vor einer entscheidenden Woche im Krieg um Iran: Nach dem Scheitern der diplomatischen Initiative in New York könnten die kommenden Tage eine neue Eskalationsstufe einleiten. Nach seinen Informationen erwägt Teheran, den militärischen Druck über den Persischen Golf hinaus bis in den Indischen Ozean auszuweiten. Gleichzeitig rücken zwei iranische Fristen – der 28. und der 30. September – in den Mittelpunkt.

Pepe Escobar macht zu Beginn seiner Analyse deutlich, dass er keine Vorhersage liefern wolle. Er spreche vielmehr über Trends und „rote Warnsignale“, die er aus eigenen Gesprächen und Kontakten ableite. Noch wenige Tage zuvor habe er sich in Russland aufgehalten; zusätzlich berufe er sich auf Gespräche mit iranischen, jemenitischen und amerikanischen Kontakten.

Und aus diesen Informationen ergibt sich für ihn eine äußerst gefährliche Konstellation.

Zwei Fristen – und der 30. September als Schlüsseltermin

Escobar verweist zunächst auf zwei iranische Termine: 28. September und 30. September.

Besonders wichtig sei der 30. September. Nach seiner Darstellung begann am 16. August eine iranische Frist. Sollte die von Teheran als amerikanische Seeblockade bezeichnete Maßnahme bis dahin nicht aufgehoben werden, könne Iran „in die Offensive“ gehen.

Zusätzlich verweist Escobar auf eine Äußerung von Mohsen Rezaei, aus der er eine weitere, bereits am 28. September auslaufende Frist ableitet.

Damit könnte ausgerechnet diese Woche zum Wendepunkt werden.

Escobar formuliert es drastisch:

„This is the crucible. This is it. Something big is going to happen.“ („Das ist die entscheidende Phase. Jetzt geht’s los. Etwas Großes wird passieren.“)

Nach seiner Einschätzung könnte Iran spätestens zum 30. September ein deutliches Signal an Washington senden, dass die bisherige amerikanische Strategie im Persischen Golf nicht ohne unmittelbare Kosten fortgesetzt werden könne.

Iran bot einen Ausweg an – Washington lehnte ab

Im Mittelpunkt von Escobars Analyse steht jedoch zunächst die Diplomatie.

Während der UN-Woche in New York habe Außenminister Abbas Araghchi nach Escobars Darstellung eine mögliche Öffnung der Straße von Hormus innerhalb von sieben Tagen angeboten.

Die Bedingung: Washington müsse zu wesentlichen Punkten des zuvor ausgehandelten Memorandum of Understanding zurückkehren. Dazu gehörten laut Escobars Darstellung insbesondere finanzielle Zugeständnisse und eine teilweise Lockerung der Sanktionen.

Unter diesen Voraussetzungen könne die Straße von Hormus innerhalb einer Woche wieder vollständig geöffnet werden.

Doch Washington habe das Angebot zurückgewiesen.

Für Escobar war genau das ein diplomatischer Erfolg Teherans: Iran könne nun gegenüber dem Globalen Süden argumentieren, dass es einen Kompromiss angeboten habe, während Washington die angebotene Ausfahrt aus der Eskalation ausgeschlagen habe.

Seine Zusammenfassung lautet:

„Iran opened the door and Washington closed it.“

Iran habe die Tür geöffnet – Washington habe sie geschlossen.

China soll Trump persönlich zum Einlenken gedrängt haben

Noch brisanter ist Escobars Darstellung der chinesischen Rolle.

Nach seinen Informationen habe Chinas Präsident Xi Jinping Donald Trump persönlich darauf hingewiesen, dass mit dem Memorandum of Understanding bereits ein möglicher Ausweg auf dem Tisch liege.

Sinngemäß habe Xi Trump gesagt: Kehre zum Memorandum zurück, dann werde China diesen Weg unterstützen.

Escobar interpretiert dies als gemeinsame chinesisch-iranische Linie. Das Thema sei zuvor mehrfach zwischen Peking und Teheran behandelt worden – sowohl vor der UN-Generalversammlung als auch bei direkten Gesprächen zwischen Araghchi und Wang Yi.

Trump habe den Vorschlag dennoch zurückgewiesen.

Für Peking sei dies nach Escobars Einschätzung mehr als eine diplomatische Meinungsverschiedenheit gewesen. Er spricht von einem asiatischen „loss of face“ – einem Gesichtsverlust – und erwartet deshalb, dass Chinas Unterstützung für Iran nun noch deutlicher und materieller werde.

Diese Einschätzung wird im Gespräch vom zweiten Teilnehmer aufgegriffen. Dieser behauptet unter Berufung auf eigene Kontakte in Pakistan und Iran ebenfalls, dass Peking über den Verlauf des Treffens äußerst verärgert gewesen sei und Iran künftig stärker unterstützen werde. Dabei handelt es sich allerdings ausdrücklich um Aussagen aus dem persönlichen Kontaktnetzwerk der Gesprächsteilnehmer, nicht um öffentlich dokumentierte chinesische Regierungspositionen.

Straße von Hormus: Escobar spricht von 19 angegriffenen Tankern

Parallel zur gescheiterten Diplomatie soll sich die Lage auf See bereits verschärft haben.

Escobar behauptet, die iranischen Revolutionsgarden hätten innerhalb von lediglich 48 Stunden 19 Tanker angegriffen beziehungsweise in Brand gesetzt, die versucht hätten, die Straße von Hormus zu passieren, ohne die von Iran verlangten Verfahren und Gebühren einzuhalten.

Er beruft sich dabei auf von ihm beobachtete Monitoring-Kanäle und spricht von einer außergewöhnlichen Intensität der eingesetzten Sprengmittel.

Diese konkrete Zahl ist im vorliegenden Gespräch jedoch lediglich Escobars Behauptung und wird dort nicht mit überprüfbaren Primärquellen belegt.

Sein übergeordneter Punkt ist dennoch eindeutig: Die iranische Führung wolle demonstrieren, dass Washington die Straße von Hormus militärisch nicht nach Belieben kontrollieren könne.

Die eigentliche Überraschung: Der Indische Ozean

Dann kommt Escobar zum wohl wichtigsten Teil seiner Analyse.

Der nächste Schauplatz werde seiner Einschätzung nach möglicherweise nicht mehr der Persische Golf sein.

Er sagt:

„The next frontier of the battlefield won’t be the Persian Gulf. It will be the Indian Ocean.“ (Die nächste Front auf dem Schlachtfeld wird nicht der Persische Golf sein. Es wird der Indische Ozean sein.“ )

Bereits in der jetzt beginnenden Woche bestehe eine ernsthafte Möglichkeit, dass Iran „das Spiel verschärft“ und den Schauplatz vom Persischen Golf in Richtung Indischer Ozean verlagert.

Das wäre eine erhebliche geografische Ausweitung des Konflikts.

Bemerkenswert ist, dass der zweite Gesprächsteilnehmer diese Einschätzung ausdrücklich bestätigt. Er behauptet, mit mindestens drei Personen in Iran gesprochen zu haben, die in Entscheidungsprozesse eingebunden seien. Sollten sich die festgefahrenen Beziehungen bis zum Ende der Woche nicht wieder öffnen, sei Iran nach deren Aussagen vollständig darauf vorbereitet, den Konflikt über Hormus hinaus in den Indischen Ozean auszudehnen.

Er beschreibt die Stimmung in Teheran mit einem Begriff:

„Fierce determination“ – entschlossene Härte.

Damit stammen die Aussagen zwar weiterhin aus anonymen Kontakten und sind nicht unabhängig bestätigt. Innerhalb des Gesprächs werden sie jedoch von zwei unterschiedlichen Kontaktnetzwerken als zentrale Entwicklung dargestellt.

Der Konflikt um Iran wird damit globaler

Eine Verlagerung in den Indischen Ozean hätte eine völlig andere Dimension als die bisherige Auseinandersetzung um Hormus.

Die Straße von Hormus ist ein geografisch begrenzter Engpass. Der Indische Ozean dagegen verbindet den Persischen Golf mit den wichtigsten Seewegen Richtung Indien, Südostasien und darüber hinaus.

Escobars These lautet damit im Kern: Iran könnte versuchen, Washington vor die Entscheidung zu stellen, entweder wieder zu verhandeln oder mit einem wesentlich größeren maritimen Konfliktraum konfrontiert zu werden.

Seine Analyse beschreibt also keinen Rückzug Teherans nach der Ablehnung des Angebots, sondern das genaue Gegenteil: Diplomatie zuerst – Eskalation danach.

Gleichzeitig droht die nächste Front im Jemen

Doch Hormus und der Indische Ozean sind nur ein Teil des Bildes.

Escobar bezeichnet die Lage im Jemen als einen weiteren „glühenden“ Krisenherd. Nach seiner Darstellung haben jüngste Angriffe auf zivile Ziele die Situation zusätzlich verschärft.

Er erwartet deshalb weitere Gegenangriffe von Ansarallah und den jemenitischen Streitkräften und nennt ausdrücklich mögliche Angriffe auf strategische saudische Infrastruktur sowie längerfristig militärische Operationen in den südlichen Grenzregionen Saudi-Arabiens.

Später spricht er sogar von einer möglichen Offensive zur Rückeroberung dreier südlicher Provinzen, die er als historisch jemenitisches Gebiet bezeichnet. Auch hierbei handelt es sich um Escobars Einschätzung und nicht um eine im Transkript belegte offizielle Operationsankündigung.

Damit könnte Washington gleichzeitig mit mehreren miteinander verbundenen Krisen konfrontiert werden: Hormus, Indischer Ozean, Jemen und Saudi-Arabien.

Pakistan will offenbar nicht in einen Krieg gegen Ansarallah

Ein weiterer wichtiger Teil des Gesprächs betrifft Pakistan.

Escobar fragt ausdrücklich, ob Pakistan und die Türkei im Rahmen einer saudisch geführten Allianz militärisch gegen Ansarallah vorgehen könnten.

Die Antwort seines Gesprächspartners fällt für Pakistan ungewöhnlich eindeutig aus.

Nach Gesprächen mit Personen, die nach seinen Angaben tatsächlich an Entscheidungen in Islamabad beteiligt seien, werde Pakistan keine offensive Militäraktion gegen Ansarallah unterstützen.

Es könne zwar politische Solidarität mit Riad demonstrieren, werde aber nach seiner Einschätzung weder Ansarallah noch verbündete Kräfte angreifen.

Als einen wichtigen Grund nennt er die große schiitische Bevölkerung Pakistans sowie Islamabads bisherige Vermittlerrolle gegenüber Iran. Ein Kriegseintritt auf saudischer Seite würde diese Position zerstören.

Anders könnte die Situation allerdings aussehen, sollte es zu einem direkten Bodenvorstoß auf international anerkanntes saudisches Territorium kommen. Für diesen Fall hätten pakistanische Entscheidungsträger lediglich erklärt, ihre Position neu zu bewerten – ausdrücklich nicht, automatisch militärisch einzugreifen.

Der zweite Kriegsschauplatz: Sanktionen und der Dollar

Escobar sieht gleichzeitig einen wirtschaftlichen Konflikt, dessen Folgen langfristig möglicherweise noch bedeutender sein könnten.

Er verweist auf Länder, die amerikanische Sekundärsanktionen gegen iranische Fluggesellschaften nach seiner Darstellung zunehmend ignorieren. Er nennt unter anderem die Türkei, Malaysia, Vietnam, Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan und insbesondere China.

Als Beispiel führt er einen Flug von Mahan Air nach Guangzhou an, den er während seines Aufenthalts in China selbst beobachtet habe.

Für Escobar geht es dabei um weit mehr als Flugverbindungen.

Sollte der Globale Süden amerikanische Sekundärsanktionen zunehmend ignorieren, sieht er darin einen möglichen Beginn einer langfristigen Schwächung der Dominanz des Dollars im internationalen Handel.

Auch China besitzt aus seiner Sicht erheblichen wirtschaftlichen Hebel: Würden die USA chinesische Flughäfen oder Dienstleister wegen iranischer Flugverbindungen sanktionieren, könnte Peking beispielsweise bei strategischen Rohstoffen reagieren.

Damit laufen nach Escobars Analyse zwei Konflikte parallel: ein militärischer Kampf um Seewege und ein wirtschaftlicher Kampf um die Durchsetzung amerikanischer Sanktionen.

Eine Woche, die über die nächste Eskalationsstufe entscheiden könnte

Escobars zentrale Botschaft ist deshalb nicht, dass ein bestimmter Angriff bereits beschlossen sei.

Er sagt ausdrücklich, dass er keine Kristallkugel habe und keine klassischen Vorhersagen treffen wolle. Er identifiziert vielmehr Entwicklungen, Fristen und Warnsignale.

Doch seine Schlussfolgerung ist unmissverständlich:

Nach dem Scheitern der diplomatischen Initiative in New York sieht er die Situation als gefährlicher an als noch wenige Tage zuvor. Eine neue Vermittlungsstruktur sei nicht erkennbar. Pakistan sei als Vermittler nach seiner Einschätzung geschwächt, Katar nicht stark genug und die Türkei wegen ihrer NATO-Mitgliedschaft ungeeignet.

Gleichzeitig laufen die iranischen Fristen ab.

28. September.

30. September.

Und dahinter steht die entscheidende Frage: Bleibt der Konflikt auf die Straße von Hormus konzentriert – oder beginnt Iran tatsächlich, den militärischen Druck in den Indischen Ozean auszudehnen?

Sollten Escobars Informationen zutreffen, wäre das keine bloße Fortsetzung der bisherigen Konfrontation.

Es wäre der Übergang in eine neue maritime Phase des Krieges – mit einem erheblich größeren Operationsraum und entsprechend größeren Risiken für internationale Schifffahrt, Energieversorgung und die gesamte Sicherheitsarchitektur zwischen dem Nahen Osten und Asien.

Escobar bringt seine Erwartung für die kommenden Tage deshalb auf eine drastische Formel:

„This is the crucible. This is it.“

Die entscheidende Phase habe begonnen.

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