BILD, POLITICO, Welt, USA Today: Im Hintergrund schaut Palantirs Datenmaschine mit

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Wer beobachtet eigentlich die Leser? Palantir breitet sich in den Datenmaschinen von Axel Springer und USA Today aus

Wer BILD, POLITICO, Business Insider oder eine der zahlreichen Zeitungen von USA Today liest, glaubt zunächst, er tue etwas völlig Alltägliches: eine Schlagzeile anklicken, einen Artikel lesen, vielleicht noch einen zweiten – und die Seite anschließend wieder verlassen.

Doch genau dieser scheinbar banale Vorgang wird für große Medienkonzerne immer wertvoller. Nicht nur der Artikel ist Teil des Geschäfts. Auch das Verhalten des Menschen, der ihn liest, wird zum Rohstoff.

Besonders deutlich wird diese Entwicklung durch die wachsende Rolle von Palantir. Der US-Datenkonzern, dessen Software dafür entwickelt wurde, gewaltige und voneinander getrennte Informationsbestände miteinander zu verknüpfen und daraus Muster und Zusammenhänge sichtbar zu machen, arbeitet inzwischen auch für einige der einflussreichsten Medienunternehmen des Westens.

Der aktuelle Fall von USA Today Co. zeigt, wohin die Reise gehen kann. Das Unternehmen, zu dem neben der landesweiten Zeitung USA Today mehr als 200 Lokalzeitungen gehören, hat Palantir mit der Auswertung seiner Publikumsdaten beauftragt. Konzernchef Mike Reed beschrieb gegenüber Investoren bemerkenswert offen, welche Logik dahintersteht: Jeder Besuch, jede Sitzung und jeder Augenblick der Aufmerksamkeit erzeuge ein „Signal“. Werden diese Signale miteinander verbunden, entstehe daraus „actionable intelligence“ – also Wissen, aus dem konkrete Entscheidungen abgeleitet werden können. Palantir soll dafür eine gemeinsame Datenebene schaffen, welche Publikums-, Inhalts- und unternehmenseigene First-Party-Daten miteinander verbindet. (Reclaim The Net)

Noch aufschlussreicher ist, was Reed über jene Menschen sagt, die einfach nur einen Artikel lesen und danach wieder verschwinden. Dieses „one-and-done traffic“ sei letztlich das „least valuable and least monetizable audience“ – also das am wenigsten wertvolle und am schlechtesten monetarisierbare Publikum. Das erklärte Ziel besteht stattdessen darin, die heute vorhandenen „anonymous interactions“ in „known relationships“ zu verwandeln: aus anonymen Interaktionen sollen bekannte Beziehungen werden.

Damit bekommt die oft abstrakt geführte Datenschutzdebatte plötzlich ein sehr konkretes Gesicht. Der anonyme Leser, der kommt, liest und wieder geht, ist für das moderne digitale Mediengeschäft offenbar nicht der Idealfall. Wertvoller wird er, wenn sein Verhalten verstanden, mit anderen Signalen verbunden und schließlich einer dauerhafteren Kundenbeziehung zugeordnet werden kann.

Und USA Today ist kein Einzelfall.

Auch Axel Springer setzt Palantir Foundry ein. Zum Springer-Konzern gehören unter anderem BILD, WELT, POLITICO und Business Insider sowie die britische Telegraph Media Group. Palantir beschreibt die Zusammenarbeit selbst als Aufbau einer stärker datengesteuerten Verlagsorganisation, die schneller auf das Verhalten und die Interessen der Konsumenten reagieren könne.

Noch deutlicher wird eine andere Palantir-Beschreibung der Zusammenarbeit: Die Plattform habe Springer „granular insights into readership behavior“ ermöglicht – detaillierte Erkenntnisse über das Verhalten der Leserschaft – sowie Einblicke in Werbeperformance und Abonnementmodelle.

Das sollte man nicht überinterpretieren. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Palantir bestimmt, was BILD schreibt, welche politische Linie POLITICO verfolgt oder welche Artikel veröffentlicht werden. Die dokumentierte Zusammenarbeit betrifft Datenanalyse und das kommerzielle Mediengeschäft. Gerade deshalb ist die Entwicklung jedoch interessant: Für eine kritische Betrachtung braucht es gar keine Theorie über eine geheime redaktionelle Steuerung.

Die offiziell beschriebenen Ziele sind bereits bemerkenswert genug.

Denn das Verhältnis zwischen Medium und Publikum verändert sich grundlegend. Eine Zeitung verbreitet nicht mehr ausschließlich Informationen an ihre Leser. Gleichzeitig entsteht hinter der sichtbaren Nachricht eine zweite Ebene, auf der Informationen über diese Leser gesammelt, zusammengeführt und ausgewertet werden können. Welche Inhalte interessieren sie? Was hält sie auf der Seite? Was bringt sie zurück? Welche Angebote funktionieren? Und wie lässt sich aus einem anonymen Besucher eine bekannte und möglichst langfristige Kundenbeziehung machen?

Aus dem Leser wird damit zunehmend auch ein Datenpunkt.

Besonders brisant ist dabei, wer die technische Infrastruktur bereitstellt. Palantir ist kein gewöhnliches Analyse-Start-up. Das Unternehmen ist gerade deshalb erfolgreich, weil seine Software unterschiedlichste Datenbestände integrieren und für Entscheidungen nutzbar machen kann. Palantir selbst beschreibt sein Geschäft damit, Organisationen dabei zu helfen, ihre „data, decisions, and operations“ miteinander zu verbinden.

Bei USA Today stößt die Zusammenarbeit inzwischen sogar innerhalb des eigenen Hauses auf massiven Widerstand. Mehr als 800 Beschäftigte aus 31 gewerkschaftlich organisierten Redaktionen forderten das Unternehmen auf, die Partnerschaft mit Palantir zu beenden. Nach Angaben des Nieman Journalism Lab sehen sie darin unter anderem einen möglichen Interessenkonflikt. (Nieman Lab) Poynter berichtete ebenfalls über die Forderung der Gewerkschaften und die Sorgen der Beschäftigten. (Poynter)

USA Today weist die weitergehenden Befürchtungen zurück. Das Unternehmen erklärt, seine Daten blieben seine Daten, Datenschutzgesetze würden eingehalten und auch Partner müssten diese Anforderungen erfüllen. Besonders wichtig: Die redaktionellen Entscheidungen blieben unabhängig. USA Today Media argumentiert zudem, die Technologie könne beispielsweise bessere Empfehlungen und Angebote ermöglichen, die sich stärker daran orientieren, was Menschen tatsächlich interessiert.

Das ist die legitime Gegenposition. Medienunternehmen stehen wirtschaftlich unter enormem Druck und versuchen seit Jahren, aus flüchtigen Website-Besuchern zahlende und möglichst langfristige Kunden zu machen. Datenanalyse und Personalisierung gehören längst zum digitalen Geschäft.

Doch gerade bei Medien ist die Sache sensibler als bei einem gewöhnlichen Online-Shop.

Was Menschen lesen, kann viel über ihre Interessen verraten. Nachrichtenkonsum berührt Politik, gesellschaftliche Konflikte, Religion, Gesundheit, Krieg, persönliche Sorgen und Weltanschauungen. Deshalb ist die Frage, wie detailliert ein Medienunternehmen das Verhalten seines Publikums analysieren sollte, keine reine Marketingfrage. Sie berührt unmittelbar das Vertrauensverhältnis zwischen Presse und Öffentlichkeit.

Bei Axel Springer kommt noch eine bemerkenswerte Verbindung hinzu. Der Konzern gab am 17. Juli bekannt, dass Palantir-Mitgründer Peter Thiel den Axel Springer Award 2026 erhalten wird. Springer bezeichnet Palantir dabei als eines der wertvollsten Unternehmen unserer Zeit und als wichtig für die „Resilienz von Demokratien“. Vorstandschef Mathias Döpfner würdigt Thiel als außergewöhnlichen Unternehmer, der die Richtung technologischer Entwicklung mitbestimme. (Axel Springer)

Auch daraus folgt kein Beweis für redaktionelle Einflussnahme. Aber die Nähe verdient Transparenz: Ein großer internationaler Medienkonzern nutzt Technologie von Palantir zur Analyse seines Geschäfts und seiner Leserschaft und zeichnet gleichzeitig den Mitgründer dieses Unternehmens mit einem prestigeträchtigen Konzernpreis aus.

Für Journalisten stellt sich damit eine Frage, die sie normalerweise an Regierungen und Unternehmen richten: Wer kontrolliert diejenigen, die Informationen sammeln und Macht ausüben?

Nun muss diese Frage zunehmend auch nach innen gerichtet werden.

Denn während BILD, POLITICO und andere Medien ihren Lesern täglich erklären, was in Regierungen, Konzernen und Gesellschaften geschieht, wächst hinter den Nachrichtenseiten eine Dateninfrastruktur, die ihrerseits immer genauer verstehen will, was die Leser tun.

Das muss keine Verschwörung sein. Es ist möglicherweise etwas viel Banaleres – und gerade deshalb Bedeutenderes: ein Geschäftsmodell. Der digitale Journalismus verkauft längst nicht mehr ausschließlich Nachrichten und Werbung. Aufmerksamkeit erzeugt Daten, Daten erzeugen Wissen, und Wissen über das Publikum besitzt einen wirtschaftlichen Wert.

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