Die iranischen Revolutionsgarden gehen einen ungewöhnlichen Schritt: Statt sich an die US-Regierung zu wenden, richten sie sich in einem umfangreichen offenen Brief unmittelbar an die amerikanische Bevölkerung. Vorgestellt wurde das Schreiben am 29. September in Teheran von IRGC-Sprecher Brigadegeneral Hossein Mohebbi. Press TV spricht von einem 25-seitigen Dokument.
Der Brief richtet sich ausdrücklich an die „ehrenwerten Menschen der Vereinigten Staaten“, darunter Wissenschaftler, Studenten und Medienvertreter. Die zentrale Botschaft lautet: Die Amerikaner sollten nach Darstellung der IRGC hinterfragen, was ihnen ihre eigene Regierung über den Krieg gegen Iran, das iranische Atomprogramm, Israel und die Lage in der Straße von Hormus erzählt.
Bemerkenswert ist, dass Mehr News inzwischen große Teile des Schreibens im englischen Wortlaut veröffentlicht hat. Die IRGC macht darin weitreichende Behauptungen über den Kriegsverlauf und amerikanische Verluste, die nicht unabhängig bestätigt sind und deshalb als Darstellung der iranischen Seite verstanden werden müssen.
Die wichtigsten Botschaften des Schreibens
- „Warum verbrennt die Welt eure Flagge?“
Die IRGC fordert Amerikaner auf, sich zu fragen, warum die USA in vielen Ländern auf Ablehnung stoßen. Mohebbi führt dies auf jahrzehntelange US-Kriege und die Unterstützung Israels zurück. Militärinterventionen hätten den Amerikanern weder Sicherheit noch Wohlstand gebracht, sondern Schulden, Feindschaft und zusätzliche Gefahren. - Die IRGC erklärt Iran zum Sieger des Krieges.
Im Brief wird argumentiert, Washington und Israel hätten ihre ursprünglichen Ziele – darunter nach iranischer Darstellung Regimewechsel und eine Zerschlagung Irans – nicht erreicht. Die IRGC behauptet deshalb, Iran habe den Krieg strategisch gewonnen. Die angegebenen Zahlen zu zerstörten US-Flugzeugen, Drohnen, Stützpunkten und anderen militärischen Verlusten stammen von der IRGC und sind nicht unabhängig bestätigt. - Trump wird vorgeworfen, die amerikanische Bevölkerung zu täuschen.
Mohebbi bezeichnete Trump als „großen Lügner“. Die US-Regierung wisse nach Darstellung der IRGC, dass Iran keine Atomwaffen anstrebe. Der Atomstreit sei lediglich ein Vorwand; tatsächlich gehe es Washington um Irans geopolitische Stellung und Einfluss. Reuters dokumentiert diese Aussagen, ohne sie sich zu eigen zu machen. - Die Straße von Hormus sei keineswegs wieder unter amerikanischer Kontrolle.
Die IRGC widerspricht Washingtons Darstellung, wonach die USA Irans Kontrolle über die strategische Wasserstraße weitgehend gebrochen hätten. Dass einzelne Tanker unter großem militärischem Aufwand passieren könnten, bedeute nicht, dass Hormus wieder vollständig geöffnet sei, erklärte Mohebbi. Unabhängige Kpler-Daten zeigen allerdings, dass die Öltransporte inzwischen wieder auf fast zehn Millionen Barrel pro Tag gestiegen sind – etwa die Hälfte des Vorkriegsniveaus. - Amerikaner sollen sich von Israels Politik distanzieren.
Ein zentraler Teil des Briefes beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Washington und Israel. Die IRGC behauptet, die amerikanische Bevölkerung zahle finanziell und politisch für eine Politik, von der vor allem Israel und die US-Rüstungsindustrie profitierten. Die Botschaft lautet: Amerikaner könnten friedlich mit Iran leben, wenn sich die USA von Israel distanzierten. - Die IRGC greift die weltweite US-Militärpräsenz an.
Mohebbi verweist auf Hunderte amerikanische Militärstützpunkte weltweit und ein US-Verteidigungsbudget von rund 1,1 Billionen Dollar. Nach seiner Darstellung profitieren davon vor allem Rüstungskonzerne und wohlhabende Interessengruppen, während die amerikanische Bevölkerung die Rechnung bezahle. - Direkter Aufruf an die amerikanische Bevölkerung.
Besonders weit geht Mohebbi in seinen Äußerungen gegenüber AP: Amerikaner sollten gegen die von ihm als kriegstreiberisch bezeichnete Politik Trumps protestieren und ihre politischen Entscheidungen überdenken. AP weist darauf hin, dass diese Botschaft nur wenige Wochen vor den US-Zwischenwahlen erfolgt. - Washington soll den Krieg beenden und die Region verlassen.
Nach Darstellung Mohebbis könne der Konflikt nur enden, wenn Washington seine Niederlage eingestehe und sich zurückziehe. Gleichzeitig laufen jedoch über Vermittler weiterhin Gespräche zwischen Iran und den USA über ein mögliches Ende des inzwischen sieben Monate dauernden Krieges.
Ein ungewöhnlicher Schritt mitten im Krieg
Der eigentliche politische Sprengstoff liegt damit nicht nur im Inhalt des Schreibens, sondern in seinem Adressaten: Die Revolutionsgarden umgehen demonstrativ die US-Regierung und wenden sich unmittelbar an deren Bevölkerung.
Mohebbi erklärte sogar, ausländische Journalisten sollten dabei helfen, das Schreiben unter Amerikanern zu verbreiten. Iran verfüge nicht über das weltweite Mediennetzwerk der Vereinigten Staaten und habe deshalb den offenen Brief als Kommunikationsmittel gewählt.
Der Brief ist damit zugleich politische Botschaft, iranische Darstellung des bisherigen Kriegsverlaufs und der Versuch, die öffentliche Debatte innerhalb der USA zu beeinflussen. Wie stark die darin enthaltenen militärischen Behauptungen belastbar sind, bleibt in mehreren Punkten offen.
Fest steht jedoch: Mitten im Krieg spricht die IRGC nicht mehr nur mit Washington – sie versucht, direkt mit den Amerikanern zu sprechen.
Quellen
- Mehr News – „IRGC writes an open letter to American people“; mit umfangreichen Teilen des Briefes im Wortlaut
- Press TV – Bericht zur Vorstellung des 25-seitigen Schreibens
- Reuters – Bericht zu den zentralen Aussagen der IRGC
- Associated Press – Bericht über den Brief und Mohebbis Aufruf an die US-Bevölkerung


