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Wenn ein geopolitischer Blog den Niedergang der amerikanischen Vorherrschaft im Nahen Osten verkündet, lässt sich das leicht als Wunschdenken abtun. Wenn jedoch Foreign Affairs, das traditionsreiche Magazin des einflussreichen Council on Foreign Relations (CFR), einen Beitrag unter dem Titel „The End of the American Middle East“ veröffentlicht, sollte man genauer hinsehen. Das Magazin gehört seit mehr als einem Jahrhundert zu den wichtigsten Debattenforen des außenpolitischen Establishments der USA.
Der Politikwissenschaftler Marc Lynch beschreibt darin nicht einfach eine weitere Krise amerikanischer Außenpolitik. Seine Diagnose reicht tiefer: Die politische Ordnung, die Washington über Jahrzehnte im Nahen Osten aufgebaut und mit enormem militärischem, diplomatischem und finanziellem Aufwand verteidigt hat, ist an ihr Ende gekommen.
Über Jahrzehnte beruhte diese Ordnung auf einem einfachen Prinzip. Die USA garantierten die Sicherheit ihrer Verbündeten, schützten strategische Handels- und Energierouten, stationierten Streitkräfte in der Region und versuchten gleichzeitig, Gegner – allen voran Iran – militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch einzudämmen.
Doch genau dieses Modell stößt zunehmend an seine Grenzen.
Die Staaten der Region handeln längst selbstständiger. Saudi-Arabien und die Golfmonarchien verfolgen ihre eigenen Interessen, China ist wirtschaftlich tief in der Region verankert, Russland bleibt ein geopolitischer Faktor und Iran lässt sich trotz jahrzehntelanger Sanktionen und militärischen Drucks nicht einfach aus der regionalen Ordnung entfernen.
Washington besitzt weiterhin gewaltige militärische Macht. Doch militärische Überlegenheit ist nicht dasselbe wie politische Kontrolle. Genau darin liegt die eigentliche Niederlage.
Die USA können bombardieren, sanktionieren und Streitkräfte verlegen – aber sie können immer weniger bestimmen, wie die politische Ordnung nach dem Einsatz dieser Macht aussehen soll.
Besonders deutlich wird das am Iran. Jahrzehntelang sollte Teheran isoliert, geschwächt und aus der regionalen Sicherheitsarchitektur herausgehalten werden. Doch wenn eine stabile Ordnung im Nahen Osten überhaupt noch entstehen soll, führt langfristig kaum ein Weg daran vorbei, Iran selbst in diese Ordnung einzubeziehen. Lynch hat bereits früher die amerikanische Fixierung auf regionale Dominanz und die dauerhafte Eindämmung Irans kritisiert.
Das macht die aktuelle Debatte so bemerkenswert. Es geht nicht mehr nur darum, ob Washington einen Krieg gewinnt oder verliert. Es geht um die Frage, ob die gesamte amerikanische Strategie der vergangenen Jahrzehnte noch funktioniert.
Die Antwort, die bereits im Titel von Foreign Affairs mitschwingt, ist vernichtend: Die Epoche eines Nahen Ostens, dessen Ordnung von Washington entworfen und dessen Grenzen amerikanischer Macht von Washington definiert wurden, läuft aus.
Das bedeutet keineswegs, dass die USA aus der Region verschwinden. Ihre Militärbasen, Bündnisse, wirtschaftlichen Interessen und ihre Unterstützung Israels werden bleiben. Aber zwischen Präsenz und Vorherrschaft besteht ein entscheidender Unterschied.
Die Ironie könnte kaum größer sein: Je stärker Washington versucht, seine alte Ordnung mit militärischer Macht zu verteidigen, desto deutlicher zeigt sich, dass militärische Macht allein diese Ordnung nicht mehr zusammenhalten kann.
Wenn diese Diagnose inzwischen in einem der wichtigsten außenpolitischen Magazine der Vereinigten Staaten diskutiert wird, ist das mehr als eine akademische Debatte.
Es ist das Eingeständnis, dass der Nahe Osten nicht mehr selbstverständlich Amerikas Nahe Osten ist.