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Nazismus in der Ukraine: Ehemaliger SBU-Offizier schildert tiefe Verankerung nationalistischer Ideologie

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Der Nationalsozialismus sei in der Ukraine weit stärker verankert, als im Westen allgemein dargestellt werde. Diese Einschätzung vertritt der ehemalige Offizier des ukrainischen Geheimdienstes SBU, Wassili Prosorow, in einem ausführlichen Gespräch mit der deutschen Journalistin Alina Lipp. Prosorow verließ die Ukraine während der Maidan-Ereignisse 2014 heimlich in Richtung Russland, blieb nach eigenen Angaben jedoch noch mehrere Jahre innerhalb der ukrainischen Sicherheitsstrukturen aktiv. Seine Aussagen stammen damit von einem ehemaligen Insider, sind jedoch zugleich im Kontext seiner heutigen Tätigkeit in Russland zu betrachten.

Vom politischen Rand in höchste Staatsämter

Nach Angaben Prosorows existierten Sympathien für historische Figuren wie Stepan Bandera und Roman Schuchewytsch bereits vor dem Maidan, seien damals jedoch auf kleinere nationalistische Kreise beschränkt gewesen. Erst nach dem Machtwechsel 2014 hätten Vertreter dieser Strömungen zunehmend Schlüsselpositionen im Staatsapparat eingenommen.

Als Beispiel nennt Prosorow Wadim Trojan. Dieser gehörte früher dem Asow-Bataillon an, einer paramilitärischen Einheit, die international wiederholt wegen rechtsextremer Symbolik und Verbindungen zu Neonazis in die Kritik geraten ist. Nach seiner Zeit bei Asow wurde Trojan zum Polizeichef von Kiew ernannt.

Prosorow verweist zudem auf öffentlich zugängliche Fotos Trojans, auf denen Tätowierungen mit Hakenkreuzen zu sehen seien. Dass eine Person mit einer solchen Vergangenheit eine Spitzenfunktion im Sicherheitsapparat eines europäischen Landes übernehmen konnte, wertet er als Beleg für den tiefgreifenden Wandel nach dem Maidan.

SS-Symbolik bei einem Präsidententermin

Als weiteres Beispiel führt Prosorow einen Vorfall aus dem Jahr 2018 an. Damals besuchte der damalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko eine Übung der 95. Luftlandebrigade.

Während eines offiziellen Fototermins stand neben Poroschenko ein Soldat, der auf seiner Ausrüstung das Emblem der SS-Division „Totenkopf“ trug. Der Vorfall sorgte damals für öffentliche Aufmerksamkeit, hatte nach Angaben Prosorows jedoch keinerlei disziplinarische Konsequenzen.

Für ihn zeigt dieser Fall, dass nationalsozialistische Symbolik längst nicht mehr auf einzelne Extremisten beschränkt sei, sondern bis in militärische und staatliche Strukturen hineinreiche.

Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit

Prosorow beschreibt die Entwicklung als Ergebnis einer bewussten politischen Strategie nach dem Maidan. Die neue Führung habe sich entschlossen, sich möglichst vollständig von Russland und der sowjetischen Vergangenheit abzugrenzen.

Dabei sei jedoch ein historisches Vakuum entstanden: Wer sollten künftig die nationalen Identifikationsfiguren sein?

Nach Ansicht Prosorows entschied sich Kiew dafür, Persönlichkeiten zu rehabilitieren, die während des Zweiten Weltkriegs mit dem nationalsozialistischen Deutschland kollaborierten. Dazu zählt er unter anderem Angehörige der SS-Division „Galizien“ sowie Roman Schuchewytsch, der als Offizier der Einheit „Nachtigall“ diente und nach dem heute eine große Straße in Kiew benannt ist.

Prosorow betont, dies sei weder Zufall noch russische Propaganda, sondern Teil einer nachweisbaren staatlichen Erinnerungspolitik.

Geschichtsbild bereits in der Schule

Besonders kritisch bewertet Prosorow nach eigenen Angaben die Vermittlung dieses Geschichtsbildes an Kinder.

In ukrainischen Schulbüchern würden bereits Grundschüler mit sogenannten Nationalhelden vertraut gemacht, darunter auch Persönlichkeiten, die auf Seiten des nationalsozialistischen Deutschlands kämpften.

Dadurch wachse mittlerweile eine Generation heran, die nach seiner Einschätzung keine alternative historische Einordnung mehr kenne.

Aussagen eines Überläufers

Prosorow ist keine neutrale Quelle. Er wechselte nach Russland und tritt dort offen als Whistleblower und Kommentator auf. Seine Aussagen werden deshalb von Kritikern regelmäßig als russische Propaganda zurückgewiesen.

Gleichzeitig verweist er auf konkrete Beispiele, die unabhängig überprüfbar seien – darunter die Karriere Wadim Trojans, den Vorfall mit dem SS-Emblem während des Poroschenko-Besuchs oder die Benennung von Straßen nach historischen Persönlichkeiten wie Schuchewytsch. Über einzelne dieser Fälle berichteten in der Vergangenheit auch westliche Medien, wenn auch meist nur am Rande.

Eine unbequeme Debatte

Prosorow wirft westlichen Regierungen und Medien vor, diese Entwicklungen weitgehend auszublenden. Während der russische Begriff der „Entnazifizierung“ im Zusammenhang mit dem Angriff auf die Ukraine als Propaganda zurückgewiesen werde, fänden dokumentierte Fälle von SS-Symbolik oder die historische Rolle einzelner geehrter Persönlichkeiten in der Ukraine deutlich weniger Aufmerksamkeit.

Unabhängig davon, wie Prosorows Aussagen bewertet werden, bleibt festzuhalten: Die Diskussion über rechtsextreme Symbolik, die Verehrung historischer Kollaborateure und deren gesellschaftliche Bedeutung ist in der Ukraine seit Jahren Gegenstand internationaler Debatten. Die politische Einordnung dieser Entwicklungen bleibt jedoch hoch umstritten und wird je nach Quelle sehr unterschiedlich bewertet.

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