Sie wussten, was passieren wird: Die Blockade von Hormus war seit Jahrzehnten Teil von US-Kriegsszenarien

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Als die Vereinigten Staaten den Iran militärisch angriffen, konnte niemand in Washington ernsthaft überrascht gewesen sein, dass Teheran die Straße von Hormus und die regionalen Energierouten als Gegenwaffe einsetzt.

Die Gefahr war kein Geheimnis. Sie wurde nicht erst von Kommentatoren nach Beginn des Krieges entdeckt. US-amerikanische Militärhochschulen, Regierungsbehörden, Marinefachzeitschriften und Forschungsinstitute hatten dieses Szenario über Jahrzehnte hinweg untersucht: Ein Krieg gegen Iran könnte Angriffe auf Tanker, Verminung von Seewegen, Attacken auf Ölanlagen, steigende Versicherungsprämien und eine teilweise oder vollständige Unterbrechung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus auslösen.

Wer einen solchen Krieg plant, plant deshalb zwangsläufig auch Hormus mit ein.

Keine Überraschung, sondern ein bekanntes Kriegsszenario

Die Straße von Hormus ist eine der bedeutendsten Energierouten der Welt. Eine schwere Störung des Verkehrs trifft nicht nur Iran oder die USA, sondern auch die Golfstaaten, Asien und Europa. Schon die Gefahr von Angriffen kann Reedereien, Versicherungen und Besatzungen dazu bewegen, das Gebiet zu meiden.

Dabei muss Iran die Meerenge nicht einmal dauerhaft und vollständig versperren. Es genügt möglicherweise, einzelne Tanker zu beschädigen, Minen auszulegen, Schiffe zu bedrohen oder die Versicherungsrisiken drastisch zu erhöhen. Genau diese Strategie wurde in amerikanischen Analysen seit Langem beschrieben.

Bereits eine Veröffentlichung der US-amerikanischen National Defense University aus dem Jahr 1995 warnte vor Irans langfristigem Bestreben, die Straße von Hormus zu kontrollieren. Genannt wurden damals unter anderem Raketen, Artillerie, Minen und Schnellboote in der Nähe der strategischen Engstelle. (NDU Press)

Ende der 1990er-Jahre hielt das Fachjournal Joint Force Quarterly fest, Iran behaupte, die Straße von Hormus im Fall einer Bedrohung schließen zu können. Auch Angriffe auf die Schifffahrt als Reaktion auf amerikanischen wirtschaftlichen Druck wurden in militärischen Texten diskutiert. (NDU Press)

US-Planspiele untersuchten die iranische Sperre detailliert

Eine RAND-Studie aus dem Jahr 2004 dokumentierte sogar konkrete Planspiele und Berechnungen zu einer iranischen Schließung der Straße von Hormus.

Die Untersuchung behandelte ein Szenario, in dem Iran mit Raketen, Seeminen und anderen sogenannten Anti-Access-Mitteln den Zugang zum Persischen Golf erschwert. Die Autoren analysierten, wie eine Schließung von Hormus amerikanische Militäroperationen, Truppentransporte und die Versorgung der Region beeinträchtigen könnte. Das Szenario war bereits 2002 entwickelt worden. (rand.org)

Das bedeutet: Mehr als zwei Jahrzehnte vor der heutigen Eskalation wurde innerhalb der amerikanischen Sicherheits- und Militärplanung bereits durchgerechnet, wie Iran Hormus blockieren und welche Folgen dies für die USA und ihre Verbündeten haben könnte.

Army War College warnte vor der Reaktion auf einen Angriff

Eine Veröffentlichung des US Army War College von 2005 stellte ausdrücklich fest, Iran könne auf einen offenen militärischen Angriff mit Gegenschlägen reagieren. In derselben Studie wurde behandelt, wie sich die iranische Motivation zur Schließung der Straße von Hormus reduzieren ließe. (press.armywarcollege.edu)

Noch deutlicher wurde das Army War College 2014. In einer Studie über die Zusammenarbeit der USA mit den Golfstaaten hieß es, Iran habe mehrfach damit gedroht, die Straße von Hormus zu schließen, falls weitere Sanktionen verhängt würden oder das Land militärisch angegriffen werde. (press.armywarcollege.edu)

Damit war der Zusammenhang offiziell beschrieben:

Militärischer Angriff auf Iran – mögliche iranische Reaktion gegen Hormus.

Es handelt sich also nicht um eine nachträgliche Erklärung. Dieses Szenario lag seit Jahren offen auf dem Tisch.

Die US-Regierung berechnete bereits 2006 die wirtschaftlichen Folgen

Auch die wirtschaftlichen Folgen waren bekannt.

Der US-Rechnungshof GAO untersuchte 2006 ein Katastrophenszenario, bei dem die Straße von Hormus für drei Monate geschlossen wird. Dabei ging die Behörde davon aus, dass im ersten Monat bis zu 17 Millionen Barrel Öl pro Tag ausfallen könnten.

Das GAO kam zu dem Ergebnis, dass selbst die strategischen Ölreserven der USA und anderer Industriestaaten nicht ausreichen würden, um einen derart großen Ausfall vollständig auszugleichen. (GAO)

Die möglichen Konsequenzen waren damit lange vor dem heutigen Krieg bekannt:

  • Öl- und Gaspreise könnten massiv steigen.
  • Transport- und Versicherungskosten würden zunehmen.
  • Lieferketten könnten unterbrochen werden.
  • Importabhängige Staaten würden besonders stark getroffen.
  • Bürger und Unternehmen müssten die höheren Kosten tragen.

Die wirtschaftliche Erschütterung war kein unvorhersehbarer Nebeneffekt. Sie war Teil offizieller amerikanischer Berechnungen.

RAND beschrieb Hormus als Irans wirkungsvollste Waffe

Im Jahr 2012 veröffentlichte RAND eine Analyse unter dem Titel „Will Iran Close the Strait of Hormuz?“

Darin wurde die Blockade der Meerenge als zentraler Bestandteil der iranischen asymmetrischen Militärstrategie bezeichnet. Eine Sperrung könne weitreichende Folgen für die regionale Sicherheit und die globalen Ölmärkte haben und möglicherweise Irans wirksamstes Druckmittel darstellen.

Die Analyse verwies auf Schnellboote, Küstenraketen und Seeminen. Selbst wenn Iran die Meerenge nicht dauerhaft halten könne, könnten Minen und Angriffe den Schiffsverkehr verlangsamen oder zeitweilig stoppen. Außerdem habe Teheran signalisiert, im Fall eines Angriffs auch gegen amerikanische Streitkräfte im Persischen Golf vorzugehen. (rand.org)

Eine weitere RAND-Studie aus demselben Jahr beschrieb die iranische Doktrin noch direkter: Irans Raketen- und Seestreitkräfte könnten eingesetzt werden, um auf die USA oder deren regionale Verbündete zu reagieren und den Schiffsverkehr im Persischen Golf zu stören. Ziel könne sein, Washington zu einem Ende des Konflikts zu für Iran günstigeren Bedingungen zu zwingen. (rand.org)

Selbst das Mittel war bekannt: Minen, Raketen und kleine Boote

Es war auch bekannt, wie Iran vorgehen könnte.

Eine RAND-Analyse über die Rolle des US-Heeres bei der Überwindung gegnerischer Zugangssperren beschrieb ein iranisches Hormus-Szenario mit:

  • Seeminen,
  • Küstenraketen,
  • Artillerie,
  • schnellen Angriffsbooten,
  • Flugzeugen und Drohnen.

Die amerikanischen Streitkräfte würden laut dieser Planung versuchen, diese Systeme mit Luft- und Präzisionsangriffen zu zerstören. (rand.org)

Eine RAND-Studie von 2017 ging noch weiter und behandelte amerikanische Angriffe auf iranische Einrichtungen, die zur Schließung der Meerenge eingesetzt werden könnten – teilweise sogar, bevor Iran die Sperre vollständig umsetzt. (rand.org)

2019 veröffentlichte RAND erneut ein konkretes militärisches Szenario: Während einer politischen Krise greift Iran Handelsschiffe an und versucht, den Verkehr durch Hormus zu unterbrechen. Die Studie untersuchte anschließend die notwendige militärische Reaktion der USA. (rand.org)

Auch die Reaktion auf wirtschaftliche Erdrosselung war bekannt

Die National Defense University beschrieb 2021 eine langjährige iranische rote Linie: Wenn Iran kein Öl exportieren könne, sollten nach iranischer Logik auch andere Golfstaaten ihr Öl nicht ungestört ausführen können.

Die Studie erinnerte daran, dass Teheran 2012 mit der Schließung von Hormus gedroht hatte. Als Washington 2019 versuchte, Irans Ölexporte auf null zu drücken, reagierte Iran laut der Analyse mit Angriffen auf Öltransporte und Energieinfrastruktur im Golf. (NDU Press)

Auch die ökonomische Logik war seit dem Iran-Irak-Krieg bekannt: Iran müsse Hormus nicht dauerhaft schließen. Schon Minen, Drohungen und vereinzelte Angriffe könnten Versicherungsprämien erhöhen, Tanker abschrecken und den Ölpreis nach oben treiben.

Die entscheidende Frage: Was wurde der Öffentlichkeit gesagt?

Aus diesen Dokumenten lässt sich nicht beweisen, dass Washington eine Schließung von Hormus beabsichtigte. Ebenso wenig beweisen sie, dass jeder einzelne Entscheidungsträger den exakten Verlauf des Krieges vorhersah.

Sie beweisen jedoch etwas anderes:

Die Trump-Regierung und das US-Militär konnten die iranische Reaktion nicht ernsthaft als unerwartet betrachten.

Das Pentagon verfügte über jahrzehntelange Analysen, Planspiele und Berechnungen. Es war bekannt, dass ein Angriff auf Iran:

  • die Straße von Hormus gefährden,
  • US-Stützpunkte und Verbündete in der Region zum Ziel machen,
  • Tanker und Ölanlagen bedrohen,
  • die Energieversorgung beeinträchtigen,
  • Ölpreise und Transportkosten erhöhen,
  • und einen regionalen Krieg auslösen könnte.

Wurde der Öffentlichkeit vor Beginn der Angriffe dennoch der Eindruck vermittelt, der Krieg könne begrenzt, kontrolliert und ohne schwerwiegende Folgen für die Weltwirtschaft geführt werden, dann war diese Darstellung mindestens grob irreführend.

Denn die eigenen amerikanischen Dokumente sagten seit Jahrzehnten etwas anderes.

Sie gingen das bekannte Risiko bewusst ein

Der eigentliche Skandal besteht daher nicht darin, dass Iran auf den Angriff reagiert.

Der Skandal besteht darin, dass Washington einen Krieg begann, obwohl seine eigenen Militärstrategen seit Jahrzehnten genau vor dieser Reaktion gewarnt hatten.

Die politischen Entscheidungsträger wussten, dass Hormus Irans stärkster wirtschaftlicher Hebel ist. Sie wussten, dass Iran den militärisch überlegenen USA nicht mit einer klassischen Luftwaffe entgegentreten muss. Teheran konnte stattdessen die Schwachstelle des gesamten westlichen und asiatischen Wirtschaftssystems angreifen: die Energie- und Handelswege.

Sollte Washington nun so tun, als sei die daraus entstandene Energiekrise allein das Werk eines irrationalen Iran, wird die Vorgeschichte ausgeblendet.

Iran traf die Entscheidung, Schiffe und Energierouten anzugreifen. Doch die USA trafen zuvor die Entscheidung, einen Krieg zu beginnen, obwohl genau diese Gegenreaktion seit Jahrzehnten in ihren eigenen Studien beschrieben worden war.

Sie wussten, was auf dem Spiel stand. Sie kannten die Szenarien. Und sie nahmen die Folgen für Energieversorgung, Weltwirtschaft und Bevölkerung dennoch in Kauf.

War es alles gewollt?

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