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Larry C. Johnson
Die Trump-Regierung versucht nach mehreren Medienberichten über gravierende Waffenengpässe mit aller Kraft, ihre Bestände wieder aufzufüllen. Nachdem zwei Kriege – die Ukraine und der Konflikt mit dem Iran im Jahr 2026 – die Vorräte an Abfangraketen in einem Tempo aufgebraucht haben, für das die amerikanische Rüstungsindustrie nie ausgelegt war, handelt das Pentagon mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit und ungewöhnlich hohen Summen, um seine wichtigste Luftabwehrmunition möglichst rasch wieder aufzubauen.
Ende Juli vergab die US-Armee an Lockheed Martin einen mehrjährigen Produktionsvertrag für PAC-3-Abfangraketen im Umfang von rund 53,9 Milliarden US-Dollar. Ziel ist es, die jährliche Produktion des PAC-3 Missile Segment Enhancement (MSE)-Abfangsystems von derzeit etwa 600 Raketen auf 2.000 bis zum Jahr 2030 zu steigern. Es handelt sich um eines der größten Raketenproduktionsprogramme der amerikanischen Geschichte.
Es gibt allerdings ein kleines Problem, das sich nicht allein mit Geld lösen lässt: Das Lenksystem der PAC-3 – also jener Teil, der dafür sorgt, dass ein Hit-to-Kill-Abfangsystem sein Ziel tatsächlich trifft – hängt von zwei Seltenerdmetallen ab, deren Versorgung nahezu vollständig von China kontrolliert wird. Washington drängt seine Rüstungskonzerne dazu, die Produktion einer Waffe mehr als zu verdreifachen, deren unersetzliche Schlüsselkomponenten am Ende einer Lieferkette stehen, die durch Peking führt. Ehrgeiz und Verwundbarkeit wachsen gleichzeitig – und steuern auf einen Zusammenstoß zu.
Warum dieser Druck überhaupt besteht, liegt auf der Hand. Der Iran-Krieg war vor allem ein Luftabwehrkrieg – und verschlang enorme Mengen an Abfangraketen. Eine Analyse des Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzt, dass die Vereinigten Staaten während des Konflikts rund zwei Drittel ihres Patriot-Bestandes verbrauchten.
Lockheed Martin lieferte im gesamten Jahr 2025 lediglich rund 620 PAC-3-MSE-Abfangraketen – also durchschnittlich etwa 1,7 Raketen pro Tag für ein weltweites Netzwerk verbündeter Patriot-Systeme. Gemessen am heutigen Verbrauch moderner Kriege ist das keine Produktionslinie, sondern ein Rinnsal. Man könnte es vergleichen mit einem alten Mann mit vergrößerter Prostata beim Wasserlassen: Tröpfeln, tröpfeln, tröpfeln.
Deshalb wirft die Regierung nun ihr gesamtes Beschaffungsprogramm in die Waagschale. Im Januar vereinbarten Pentagon und Lockheed Martin eine auf sieben Jahre angelegte „transformative Partnerschaft“, um die Produktionskapazität auf rund 2.000 PAC-3-MSE-Raketen jährlich zu erhöhen.
Hinzu kommt die enorme Nachfrage aus dem Ausland. Allein im Januar 2026 genehmigte das US-Außenministerium ein mögliches Waffengeschäft mit Saudi-Arabien im Wert von neun Milliarden Dollar, das unter anderem 730 Patriot-Abfangraketen umfasst. Parallel dazu will das Pentagon auch die Produktion der THAAD-Abfangraketen vervierfachen und schloss entsprechende Verträge mit L3Harris und Northrop Grumman für Antriebssysteme ab.
Wie es ein CSIS-Analyst formulierte, ist das Nachfragesignal „gewaltig“.
Gerade deshalb ist die Abhängigkeit bei den Rohstoffen so gefährlich. Man kann die Produktion einer Waffe nicht verdreifachen, wenn man die wenigen Gramm Spezialmaterial nicht beschaffen kann, die jede einzelne Rakete benötigt – und genau dieses Material kontrollieren die Vereinigten Staaten nicht.
Betrachtet man die PAC-3 auf ihre Steuerungskomponenten reduziert, wird die Abhängigkeit von Seltenen Erden sehr konkret.
Der Suchkopf der Rakete – also jene Einheit, die ein anfliegendes Ziel verfolgt und ansteuert – verwendet Samarium-Kobalt-Magnete (SmCo). Dabei handelt es sich nicht um eine technische Vorliebe, sondern um eine zwingende Notwendigkeit. Diese Magnete behalten ihre magnetischen Eigenschaften selbst bei den extremen Temperaturen eines Endphasen-Abfangs, während herkömmliche Neodym-Magnete entmagnetisieren würden.
Dasselbe Samarium-Kobalt-Material wird verwendet, um den Mikrowellenstrahl in den Wanderfeldröhren des Patriot-Bodenradars zu bündeln. Die Phasenschieber des Radars, die den Strahl elektronisch über den Himmel lenken, benötigen wiederum Yttrium – genauer gesagt Yttrium-Eisen-Granat.
Samarium und Yttrium sind die beiden Seltenen Erden, um die sich diese Geschichte dreht – und bei beiden besitzt China nahezu ein Monopol.
Beim Yttrium ist die Lage eindeutig: Zwischen 2020 und 2023 stammten 93 Prozent der amerikanischen Yttrium-Importe aus China.
Beim Samarium ist die Situation sogar noch kritischer. Das Problem ist weniger das Erz selbst als vielmehr dessen Trennung und Raffinierung zu verwendbarem Material. Genau dort besitzt China eine nahezu monopolartige Stellung. Bis 2023 entfielen rund 99 Prozent der weltweiten Verarbeitung schwerer Seltener Erden auf China. Der einzige ernsthafte Konkurrent – eine Raffinerie in Vietnam – wurde infolge eines Steuerstreits stillgelegt. Damit blieb China praktisch als alleinige Bezugsquelle übrig.
Die Vereinigten Staaten verfügen derzeit praktisch über keinerlei eigene Kapazitäten zur Trennung schwerer Seltener Erden und sind nach Einschätzung amerikanischer Behörden und wissenschaftlicher Einrichtungen vollständig von Importen fertiger Hochleistungsmagnete abhängig.
Sowohl Samarium als auch Yttrium stehen inzwischen auf Chinas Exportkontrollliste. Sie wurden im April 2025 in eine Liste von sieben mittleren und schweren Seltenen Erden aufgenommen. Im Januar 2026 verschärfte Peking die Kontrollen für Samarium-Verbindungen zusätzlich.
Damit ergibt sich ein bemerkenswertes Paradoxon: Die amerikanische Regierung ordnet eine Verdreifachung der Produktion einer Waffe an, deren Suchkopf und Radar von zwei Elementen abhängen, deren Export ein strategischer Rivale jederzeit einschränken kann.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine theoretische Gefahr. Peking hat sowohl seine Bereitschaft als auch die entsprechenden Mechanismen bereits demonstriert.
Als China im April 2025 Exportkontrollen einführte, verhängte es kein vollständiges Embargo. Stattdessen setzte es auf ein Lizenzsystem mit offiziell begrenzten Bearbeitungsfristen, deren Genehmigung sich in der Praxis jedoch häufig auf unbestimmte Zeit verzögert.
Von den Hunderten Exportanträgen nach April 2025 wurde in den folgenden Monaten lediglich etwa ein Viertel genehmigt.
Die Verzögerung selbst wird damit zur Waffe. Ohne formell einen Handelskrieg auszurufen, entsteht enorme Unsicherheit entlang der gesamten Lieferkette.
Nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden des einzigen amerikanischen Herstellers von Samarium-Kobalt-Magneten hielt China seine Lagerbestände im Sommer 2025 einfach zurück und gab das Material nicht frei.
Während des Iran-Krieges verfügte Peking dadurch über einen stillen Hebel gegenüber der amerikanischen Fähigkeit, genau jene Patriot-Abfangraketen nachzuproduzieren, die gleichzeitig verschossen wurden.
China kontrolliert etwa 85 bis 90 Prozent der weltweiten Raffinierung Seltener Erden sowie rund 90 Prozent der Produktion leistungsfähiger Spezialmagnete. Es kann damit den Nachschub amerikanischer und verbündeter Luftabwehrsysteme allein über die Geschwindigkeit beeinflussen, mit der Exportlizenzen bearbeitet werden.
Washington kennt diese Falle.
Die bisherige Reaktion zeigt allerdings auch, wie schwierig ein Ausweg ist.
Neue Vorschriften der Defense Federal Acquisition Regulation Supplement (DFARS) sollen ab 2027 den Einsatz chinesischer Seltener Erden in amerikanischen Waffensystemen faktisch verbieten.
Auf dem Papier klingt das nach einer Lösung.
In der Praxis entsteht jedoch ein weiteres Problem: Ausgerechnet während die Patriot-Produktion massiv ausgeweitet werden soll, muss gleichzeitig die gesamte Lieferkette von chinesischen Rohstoffen unabhängig werden.
Ein weiteres Beispiel dafür, dass die rechte Hand der Bürokratie offenbar nicht weiß, was die linke tut.
Der Aufbau einer Alternative dauert Jahre.
Zwar wurden Maßnahmen nach dem Defense Production Act beschlossen, Genehmigungsverfahren beschleunigt und staatliche Fördergelder für Magnetfabriken bereitgestellt. Doch eine neue Fabrik liefert nicht automatisch militärisch zertifizierte Samarium-Kobalt-Magnete oder Yttrium-Produkte.
Bereits frühere Versuche zeigen die Schwierigkeiten. Die Vorgängerregierung versuchte 2022, die Samarium-Verarbeitung in den USA anzukurbeln. MP Materials, der größte amerikanische Produzent Seltener Erden, kam jedoch zu dem Schluss, dass der Markt zu klein sei, um die erforderlichen Investitionen wirtschaftlich zu rechtfertigen.
Die Trennung schwerer Seltener Erden, die Metallurgie der Spezialmagnete und die militärische Zertifizierung entsprechender Bauteile sind Fähigkeiten, die sich nicht innerhalb weniger Monate aufbauen lassen.
Wie eine Analyse nüchtern feststellte: Solche Fähigkeiten erfordern langfristige Investitionen und können nicht über Nacht geschaffen werden.
Genau darin liegt die strategische Zwickmühle.
Die Ausweitung der Raketenproduktion benötigt zwei bis vier Jahre.
Der Aufbau einer unabhängigen Lieferkette für schwere Seltene Erden und Spezialmagnete benötigt realistisch fünf bis zehn Jahre.
Der Verbrauch von Patriot-Abfangraketen im nächsten Krieg wird dagegen in Tagen gemessen.
Diese Zeitpläne passen nicht zusammen.
Der 53,9-Milliarden-Dollar-Vertrag kauft Fabriken, Maschinen, Arbeitskräfte und Planungssicherheit.
Was er jedoch nicht kaufen kann, ist die Souveränität über jene beiden Seltenen Erden – Samarium und Yttrium –, ohne die Suchkopf und Radar der PAC-3 schlicht nicht funktionieren.
Solange die Vereinigten Staaten ihre schweren Seltenen Erden nicht selbst raffinieren und ihre militärischen Samarium-Kobalt-Magnete nicht in großem Maßstab selbst herstellen können, erhöht jede Steigerung der Patriot-Produktion gleichzeitig auch die amerikanische Nachfrage nach Rohstoffen, deren Lieferkette letztlich durch chinesische Raffinerien und chinesische Exportgenehmigungen verläuft.
Die Produktion einer Waffe zu verdreifachen, deren entscheidende Rohstoffe man nicht selbst kontrolliert, bedeutet nicht automatisch, dass man am Ende auch dreimal so viele einsatzfähige Waffen besitzt.
Das Pentagon handelt richtig, wenn es seine Lagerbestände wieder auffüllt.
Doch solange das Magnetproblem ungelöst bleibt, baut Washington einen immer größeren Motor – während der strategische Konkurrent den Treibstoff kontrolliert.