UN-Weltsteuer? 500 Milliarden mehr für die Staaten – die neue UN-Steuerarchitektur nimmt Fahrt auf, und der Bürger wird wieder zur Kasse gebeten

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Neue globale Steuerordnung nimmt Gestalt an – und am Ende könnte wieder der Bürger die Rechnung bezahlen

Während die Weltwirtschaft unter Kriegen, steigenden Energie- und Transportkosten und angespannten Lieferketten leidet, wird in New York über eine grundlegende Neuordnung der internationalen Besteuerung verhandelt. Der US-Finanzanalyst Martin Armstrong warnt bereits vor einem „UN-Steuerexperiment“. Gleichzeitig zeigt das Tax Justice Network, welche finanziellen Dimensionen Befürworter einer neuen globalen Steuerarchitektur inzwischen für möglich halten: Bis zu 500 Milliarden Dollar zusätzliche Steuereinnahmen pro Jahr sollen allein durch eine andere Besteuerung multinationaler Konzerne mobilisiert werden können.

Noch handelt es sich nicht um eine „UN-Weltsteuer“, die von den Vereinten Nationen direkt beim Bürger eingezogen wird. Doch Armstrongs Kritik setzt an einem anderen Punkt an: Immer mehr Entscheidungen darüber, wer was besteuern darf und wo diese Einnahmen anfallen sollen, könnten künftig international koordiniert werden.

Und genau daran wird derzeit gearbeitet.

Vom 3. bis 13. August 2026 findet am Hauptsitz der Vereinten Nationen in New York die fünfte Verhandlungsrunde über die UN Framework Convention on International Tax Cooperation statt. Erstmals beraten die Staaten dabei konkrete Entwurfstexte. Die fertige Konvention und zwei erste Zusatzprotokolle sollen 2027 der UN-Generalversammlung vorgelegt werden. (Indico.UN (Indico))

Offiziell geht es um mehr Steuergerechtigkeit. Die Vereinten Nationen argumentieren, dass insbesondere Entwicklungsländer erhebliche Einnahmen verlieren, weil die bestehenden internationalen Steuerregeln nicht mehr zu einer globalisierten und zunehmend digitalen Wirtschaft passen. Neu geregelt werden soll unter anderem, welcher Staat grenzüberschreitende Dienstleistungen und Gewinne besteuern darf.

Armstrong betrachtet diese Entwicklung wesentlich kritischer. Für ihn geht es nicht nur um eine technische Reform des Steuerrechts, sondern um die schrittweise Verlagerung steuerpolitischer Kompetenzen auf die internationale Ebene. Steuerpolitik gehört traditionell zu den wichtigsten Hoheitsrechten eines souveränen Staates. Wird die Architektur zunehmend international festgelegt, verändert sich auch das Kräfteverhältnis zwischen nationalen Regierungen und internationalen Institutionen.

Wie viel Geld dabei auf dem Spiel steht, zeigt ausgerechnet eine Organisation, die eine stärkere internationale Besteuerung ausdrücklich unterstützt.

Das Tax Justice Network wirbt für das Prinzip „Pay Where You Play“. Multinationale Unternehmen sollen ihre Gewinne stärker dort versteuern, wo sie tatsächlich wirtschaftlich tätig sind, statt Gewinne über Tochtergesellschaften und Konzernkonstruktionen in Niedrigsteuerländer zu verschieben.

Nach Berechnungen der Organisation könnten Staaten dadurch weltweit rund 500 Milliarden Dollar zusätzliche Steuereinnahmen pro Jahr erzielen.

Das ist allerdings keine bereits beschlossene zusätzliche 500-Milliarden-Dollar-Steuer. Es handelt sich um eine Modellrechnung des Tax Justice Network über mögliche Mehreinnahmen durch eine andere Verteilung internationaler Besteuerungsrechte. Dennoch macht die Zahl deutlich, welche Größenordnung die Neuordnung des internationalen Steuersystems erreichen könnte.

Und dabei bleibt es nicht.

Parallel zur eigentlichen UN-Steuerkonvention werden international weitere Modelle diskutiert, mit denen zusätzliche Einnahmen für „Klima- und Entwicklungsfinanzierung“ mobilisiert werden könnten. Im Fokus stehen unter anderem Luftfahrt, internationale Schifffahrt, Finanztransaktionen, fossile Energieträger, Kunststoffe, Kryptowährungen und sehr große Vermögen.

Auf dem Papier sollen damit vor allem diejenigen belastet werden, die besonders reich sind, große Gewinne erzielen oder besonders viele Emissionen verursachen.

Politisch klingt das attraktiv: Ölkonzerne zahlen. Reedereien zahlen. Banken und Finanzmarktakteure zahlen. Milliardäre zahlen. Fluggesellschaften und besonders wohlhabende Passagiere zahlen.

Doch genau an dieser Stelle beginnt die entscheidende wirtschaftliche Frage.

Wer überweist eine Steuer – und wer trägt ihre Kosten tatsächlich?

Das ist nicht dasselbe.

Wird eine internationale Reederei zusätzlich belastet, kann sie versuchen, diese Kosten über höhere Frachtraten weiterzugeben. Der Importeur bezahlt mehr, anschließend der Großhandel und schließlich der Einzelhandel. Am Ende kann ein Teil der neuen Belastung im Preis eines Smartphones, eines Ersatzteils, eines Kleidungsstücks oder eines Lebensmittels landen.

Bei Fluggesellschaften funktioniert es ähnlich. Neue Abgaben können zumindest teilweise auf Ticketpreise umgelegt werden.

Noch weitreichender wären zusätzliche Belastungen auf Öl und Gas. Energie steckt praktisch in jedem Produkt. Sie wird für Herstellung, Landwirtschaft, Kühlung, Verarbeitung und Transport benötigt. Steigen die Energiekosten, wandert dieser Preisimpuls durch große Teile der Volkswirtschaft.

Genau deshalb ist der Zeitpunkt besonders brisant.

Die internationale Wirtschaft kämpft bereits mit erheblichen geopolitischen Belastungen. Die Krise um die Straße von Hormus zeigt, wie abhängig die Welt von wenigen strategischen Handelswegen ist. Werden Öl- und Gastransporte gestört, steigen nicht nur unmittelbar die Energiepreise. Auch Versicherungen, Frachtraten und alternative Transportwege können teurer werden.

Unternehmen geben solche Mehrkosten nach Möglichkeit weiter.

Wenn auf eine solche Kostenstruktur anschließend zusätzliche internationale Abgaben auf Energie, Schifffahrt oder Luftverkehr gesetzt werden, können sich die Belastungen addieren.

Teurere Energie verteuert die Produktion. Teurere Schifffahrt verteuert Importe. Höhere Transportkosten verteuern Lebensmittel und Konsumgüter. Und höhere Unternehmenssteuern können – abhängig von Markt, Wettbewerb und Steuerart – teilweise Arbeitnehmer, Eigentümer oder Kunden treffen.

Genau hier liegt der Kern von Armstrongs Kritik.

Auch Staaten verfügen nicht über einen geheimen Geldtopf. Wenn eine Regierung zusätzliche internationale Verpflichtungen finanziert, stammt dieses Geld letztlich aus Steuern und anderen Staatseinnahmen oder aus neuen Schulden. Schulden wiederum müssen verzinst und langfristig aus zukünftigen Einnahmen bedient werden.

Deshalb kann eine internationale Abgabe den Bürger auch dann indirekt treffen, wenn auf dem entsprechenden Dokument niemals sein Name auftaucht.

Das bedeutet keineswegs, dass jede zusätzliche Unternehmenssteuer automatisch vollständig auf Verbraucher abgewälzt wird. Wie stark eine Belastung weitergegeben werden kann, hängt von Wettbewerb, Nachfrage, Marktstruktur und der konkreten Steuer ab.

Doch die politische Formulierung „Konzerne und Staaten bezahlen“ verschleiert einen entscheidenden Punkt: Unternehmen und Staaten sind keine vom Rest der Gesellschaft isolierten Geldquellen.

Unternehmen beziehen ihre Einnahmen von Kunden. Staaten beziehen ihre Einnahmen überwiegend aus der Wirtschaft und ihren Bürgern.

Noch gibt es keine UN-Steuerbehörde, die den Bürgern Europas oder anderer Länder unmittelbar Rechnungen schickt. Auch die vom Tax Justice Network genannten 500 Milliarden Dollar sind eine Berechnung und kein bereits verabschiedetes Steuerpaket.

Aber die internationale Steuerarchitektur verändert sich tatsächlich. Die UN bestätigt selbst, dass die aktuellen Verhandlungen darüber entscheiden können, wie Besteuerungsrechte künftig verteilt werden, wie grenzüberschreitende Dienstleistungen besteuert werden und wie die neue Konvention verwaltet werden soll.

Die Verhandlungen laufen bis 2027. Danach sollen die fertigen Texte der UN-Generalversammlung vorgelegt werden. (financing.desa.un.org)

Armstrong sieht darin ein gefährliches Steuerexperiment. Das Tax Justice Network betrachtet dieselbe Entwicklung von der entgegengesetzten Seite und sieht die Chance, den Staaten Hunderte Milliarden zusätzlicher Einnahmen zu verschaffen.

Gerade diese beiden Perspektiven zeigen, worum es tatsächlich geht.

Es geht um sehr viel Geld – und um die Frage, wer künftig darüber entscheidet, wo dieses Geld erhoben wird.

Befürworter sprechen von Steuergerechtigkeit, Klimafinanzierung und davon, multinationale Konzerne dort zahlen zu lassen, wo sie ihre Geschäfte machen. Kritiker sehen eine immer stärkere Internationalisierung der Steuerpolitik und warnen vor zusätzlichen Belastungen in einer ohnehin angespannten Weltwirtschaft.

Mitten in Energiekrise, Hormus-Konflikt, steigenden Transportkosten und geopolitischer Unsicherheit bekommt diese Debatte deshalb eine zusätzliche Dimension.

Denn unabhängig davon, wie eine neue Abgabe bezeichnet wird – Unternehmenssteuer, Solidaritätsabgabe, Klimaabgabe oder internationale Steuerkooperation – bleibt am Ende eine einfache Frage:

Wer trägt die tatsächlichen Kosten?

Wenn Unternehmen ihre Belastungen über Preise weiterreichen und Staaten ihre Verpflichtungen über Steuern oder Schulden finanzieren, könnte zumindest ein Teil der Antwort dort landen, wo politische Versprechen über „Steuern für Konzerne und Reiche“ besonders selten hinzeigen:

beim normalen Bürger.

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