US-Regierung bringt uns dem Energieschock ein Stück näher – damit müssen wir jetzt rechnen

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Mit der neuen Iran-Offensive der US-Regierung ist die Gefahr eines weiteren schweren Energieschocks gestiegen. Nicht weil Scott Bessents Ankündigung allein Öl- oder Gaslieferungen unterbricht – sondern weil Washington den Konflikt von der direkten Auseinandersetzung mit Teheran auf dessen Handelspartner ausweitet und damit das Risiko einer iranischen Gegenreaktion erhöht.

US-Finanzminister Scott Bessent stellte die Staaten der Welt vor eine bemerkenswert offene Wahl: „Wohlstand oder Isolation“, „Amerika oder Iran“. Washington will die wirtschaftlichen Lebensadern Teherans abschneiden und droht Staaten und Unternehmen, die weiterhin mit Iran Geschäfte machen, letztlich mit dem Ausschluss aus dem dollarbasierten Finanzsystem.

Noch handelt es sich allerdings nicht um die maximale Eskalation: Die USA haben wichtige chinesische Finanzinstitute zunächst verschont und viele Sekundärsanktionen vorerst nur angedroht. Gerade die Sorge vor Verwerfungen an den Weltmärkten dürfte dabei eine Rolle spielen.

Doch genau das könnte nur die Ruhe vor der nächsten Eskalationsstufe sein.

Hormus ist bereits die offene Wunde der Weltwirtschaft

Die Straße von Hormus ist längst kein theoretisches Risiko mehr. Reuters berichtete zuletzt von einem nahezu zum Erliegen gekommenen Schiffsverkehr. Die Märkte beginnen zunehmend damit zu rechnen, dass die Störungen der Energieversorgung keine kurze Episode, sondern eine längerfristige Realität werden könnten.

Zeitweise wurden durch die nahezu vollständige Schließung mehr als 13 Millionen Barrel Öl pro Tag innerhalb des Golfs festgesetzt. Produzenten mussten ihre Förderung und Raffinerieaktivitäten reduzieren.

Gleichzeitig ist mit dem Roten Meer eine zweite zentrale Route schwer belastet. Reuters warnte bereits im Juli, dass die Ausweitung des Konflikts auf diese Verkehrsader die ohnehin fragile Situation am Energiemarkt zusätzlich verschärft.

Und ausgerechnet jetzt erhöht Washington den wirtschaftlichen Druck auf Teheran.

Was passiert, wenn Iran nicht nachgibt?

Hier liegt das eigentliche Risiko der kommenden Wochen. Washingtons Strategie funktioniert nur, wenn Iran irgendwann zu dem Schluss kommt, dass Widerstand wirtschaftlich teurer ist als ein Einlenken.

Doch Teheran signalisiert genau das Gegenteil.

Iran kündigte nach Bessents jüngstem Vorstoß Vergeltung an. Nach Reuters-Angaben wurden dabei ausdrücklich auch militärische Reaktionen und weitere Störungen der Ölexporte aus dem Persischen Golf als mögliche Antworten ins Spiel gebracht.

Und China macht bislang ebenfalls keine Anstalten, sich der amerikanischen Linie vollständig anzuschließen. Das ist entscheidend: Nach Kpler-Daten, die Reuters zitiert, nimmt China mehr als 80 Prozent des auf dem Seeweg exportierten iranischen Öls ab.

Will Washington Iran tatsächlich wirtschaftlich vollständig isolieren, führt der Weg deshalb früher oder später nach Peking. Dann wird aus „Amerika oder Iran“ möglicherweise „Amerika oder China“.

Was uns jetzt erwarten könnte

Das wahrscheinlichste kurzfristige Szenario ist zunächst keine plötzliche totale Energieblockade, sondern eine schrittweise Verschärfung: mehr Sanktionen, höhere Versicherungs- und Frachtraten, weniger verfügbare Tanker, kompliziertere Zahlungswege und dauerhaft höhere Risikoaufschläge auf Öl und Gas.

Die nächste Stufe wäre erheblich gefährlicher. Sollten die USA beginnen, große chinesische Banken, Raffinerien oder Handelsunternehmen wegen Iran-Geschäften tatsächlich vom Dollar-System abzuschneiden, müsste Peking entscheiden, ob es Washington nachgibt oder die amerikanischen Sanktionen offen herausfordert.

Und dann kommt Iran ins Spiel.

Teheran verfügt über einen Hebel, den keine Finanzsanktion beseitigen kann: seine geografische Lage am Persischen Golf. Sollte Iran als Antwort auf eine wirtschaftliche Strangulierung den Druck auf Hormus weiter erhöhen, könnten erneut Millionen Barrel täglicher Lieferungen gefährdet sein.

Dann würde aus der geopolitischen Krise sehr schnell eine Wirtschaftskrise.

Öl wäre nur der Anfang

Steigende Rohölpreise verteuern Diesel und Benzin. Diesel verteuert Landwirtschaft, Lastwagenverkehr und Schifffahrt. Höhere Gaspreise treffen Chemie, Düngemittel, Industrie und Stromerzeugung. Höhere Transport- und Produktionskosten wandern anschließend durch nahezu jede Lieferkette.

Das Ergebnis könnte eine neue Inflationswelle sein – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Unternehmen und Verbraucher bereits mit hohen Finanzierungskosten und einer angespannten Weltwirtschaft kämpfen.

Für Europa wäre die Lage besonders unangenehm: Ein Energiepreisschock trifft eine stark importabhängige Wirtschaftsregion wesentlich härter als große Energieproduzenten.

Und für Asien wäre das Problem noch unmittelbarer. Die Region bezieht rund 60 Prozent ihres Öls aus dem Nahen Osten.

Der gefährlichste Irrtum wäre, mit einer iranischen Kapitulation zu rechnen

Washington setzt darauf, dass maximaler wirtschaftlicher Druck Teheran irgendwann zum Einlenken zwingt.

Darauf sollte sich niemand verlassen.

Iran hat bereits jahrelange Sanktionen, Krieg und massive wirtschaftliche Schäden überstanden. Solange China iranisches Öl kauft und Russland politisch und strategisch hinter Teheran steht, verfügt Iran über Möglichkeiten, einer vollständigen Isolation entgegenzuwirken.

Das bedeutet nicht, dass Iran wirtschaftlich unverwundbar wäre – im Gegenteil. Aber wirtschaftlicher Schmerz und politische Kapitulation sind zwei völlig verschiedene Dinge. Und genau hier liegt das Risiko der amerikanischen Strategie:

Was passiert, wenn Washington den Druck immer weiter erhöht – und Iran trotzdem nicht aufgibt?

Dann bleibt irgendwann nur noch die nächste Eskalationsstufe.

Die Rechnung könnte am Ende bei uns landen

Noch reagieren die Märkte erstaunlich gelassen. Nach Bessents Ankündigung fielen die Ölpreise zunächst sogar, weil die Maßnahmen weniger unmittelbar drastisch ausfielen als zuvor befürchtet.

Das sollte jedoch nicht mit Entwarnung verwechselt werden. Entscheidend ist nicht die erste Sanktionsliste.

Entscheidend ist, was passiert, wenn Washington seine Drohung tatsächlich umsetzt und Staaten zwingt, sich zwischen dem amerikanischen Finanzsystem und Iran zu entscheiden – und wenn China sich weigert.

Dann treffen drei Kräfte unmittelbar aufeinander: amerikanische Finanzmacht, chinesische Wirtschaftsmacht und Irans Kontrolle über einen der wichtigsten Energieengpässe der Erde.

Die US-Regierung hat uns mit ihrer neuen Strategie deshalb dem nächsten Energieschock ein Stück näher gebracht.

Die aktuellen Reuters-Berichte stützen vor allem die Einschätzung, dass jetzt Irans Reaktion und die Haltung Chinas über die nächste Eskalationsstufe entscheiden.

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