Whitney Webb: Wie das Epstein-Netzwerk den Staat privatisiert und den KI-Überwachungsstaat aufbaut

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Während sich der öffentliche Fokus auf Künstliche Intelligenz, neue Datenzentren und milliardenschwere Investitionen in die digitale Infrastruktur richtet, zeichnet die investigative Journalistin Whitney Webb ein völlig anderes Bild. In einem ausführlichen Gespräch mit Chris Hedges argumentiert sie, dass hinter dem KI-Boom weit mehr steckt als technischer Fortschritt. Ihrer Darstellung zufolge entsteht ein System, in dem staatliche Aufgaben zunehmend in private Hände übergehen und wirtschaftliche Macht, Technologie und nationale Sicherheit immer enger miteinander verschmelzen.

Im Zentrum ihrer Analyse steht ausgerechnet ein Name, der bislang vor allem wegen seiner Verbindung zu Jeffrey Epstein bekannt wurde: Leslie „Les“ Wexner.

Diret zum Video mit KI-Synchron in Deutsch:

Der Mann hinter Jeffrey Epstein

Wexner gilt als Gründer des Einzelhandelskonzerns L Brands, zu dem unter anderem Bath & Body Works gehörte. In der öffentlichen Wahrnehmung ist er vor allem als wichtigster Förderer Jeffrey Epsteins bekannt. Webb verweist jedoch darauf, dass Wexners Einfluss weit über den Einzelhandel hinausreiche.

Nach ihren Recherchen habe Wexner über Jahrzehnte ein weitverzweigtes Netzwerk aus Immobiliengesellschaften, Stiftungen und öffentlich-privaten Partnerschaften aufgebaut, das heute eine zentrale Rolle beim Ausbau der amerikanischen KI-Infrastruktur spiele.

Ohio wird zum Silicon Heartland

Im Mittelpunkt steht der Bundesstaat Ohio.

Dort entsteht nach Angaben des Interviews eines der größten Zentren für Rechenzentren in den Vereinigten Staaten. Webb bezeichnet die Region rund um Columbus und insbesondere New Albany als „Silicon Heartland“.

Von den rund 193 Rechenzentren im Bundesstaat befänden sich mehr als 120 allein im Raum New Albany – einer Gemeinde, deren Entwicklung nach Darstellung Webbs maßgeblich von Wexner und seinem langjährigen Geschäftspartner John Kessler geprägt worden sei.

Wenn private Unternehmen Aufgaben des Staates übernehmen

Besonders brisant sind Webbs Vorwürfe gegen das Modell der sogenannten Public-Private-Partnerships.

Sie argumentiert, dass diese Kooperationen längst nicht mehr lediglich gemeinsame Projekte zwischen Staat und Wirtschaft seien. Vielmehr hätten private Akteure schrittweise Kompetenzen übernommen, die traditionell dem Staat vorbehalten waren.

Als Beispiel nennt sie New Albany. Dort habe eine von Wexner gegründete Gesellschaft nach gesetzlichen Änderungen Befugnisse erhalten, die normalerweise einer Kommune zustehen – darunter die Ausgabe von Anleihen sowie finanzielle Entscheidungen, die üblicherweise durch gewählte Behörden getroffen werden. Webb beschreibt dies als eine faktische Privatisierung kommunaler Regierungsfunktionen.

Big Tech und der Sicherheitsapparat wachsen zusammen

Für Webb endet diese Entwicklung nicht auf kommunaler Ebene. Sie verweist auf die National Security Commission on Artificial Intelligence, die 2018 unter Leitung des ehemaligen Google-Chefs Eric Schmidt eingerichtet wurde.

Nach ihrer Darstellung saßen dort führende Vertreter großer Technologiekonzerne gemeinsam mit Militärs, Geheimdienstvertretern und Regierungsbeamten am Tisch, um die strategische Entwicklung künstlicher Intelligenz für die nationale Sicherheit der USA zu planen.

Für Webb ist dies Ausdruck einer zunehmenden Verschmelzung von Big Tech und dem nationalen Sicherheitsapparat. Große Technologieunternehmen seien inzwischen nicht nur Auftragnehmer des Staates, sondern entwickelten sich zu dessen unverzichtbarer Infrastruktur.

Milliarden für Datenzentren

Nach Auffassung Webbs bilden Datenzentren das eigentliche Rückgrat dieser Entwicklung. Sie seien weit mehr als bloße Serverfarmen. Sie bildeten die Grundlage für KI-Modelle, Cloud-Dienste, militärische Anwendungen, Überwachungssysteme und zukünftige autonome Technologien.

Die massiven Investitionen in diese Infrastruktur erklärt Webb nicht nur mit wirtschaftlichen Interessen. Viele führende Akteure der Branche verfolgten zugleich eine ideologische Vision künstlicher Superintelligenz und eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels. Einige seien offen transhumanistisch geprägt und betrachteten die Verschmelzung von Mensch und KI als langfristiges Ziel.

Peter Thiel und die Privatisierung des Staates

Eine weitere Schlüsselfigur ist nach Webb der Unternehmer Peter Thiel. Sie verweist auf dessen Nähe zu Denkern der sogenannten neoreaktionären Bewegung, insbesondere Curtis Yarvin.

Diese Strömung vertritt nach ihrer Darstellung die Auffassung, demokratische Staaten sollten weitgehend privatisiert und letztlich wie Unternehmen von einem CEO geführt werden. Webb sieht Parallelen zwischen diesen Ideen und den Entwicklungen in Ohio. Ihrer Ansicht nach zeigen Wexners Modelle öffentlich-privater Partnerschaften, wie sich staatliche Aufgaben Schritt für Schritt in private Strukturen verlagern lassen.

JobsOhio – öffentliches Geld, private Kontrolle

Als besonders problematisch bezeichnet Webb die Organisation JobsOhio. Diese erhielt die Rechte an den Einnahmen aus der Alkoholsteuer des Bundesstaates. Da JobsOhio privat organisiert sei, unterliege die Organisation nach ihrer Darstellung nicht denselben Transparenzpflichten wie staatliche Behörden.

Die Einnahmen würden unter anderem genutzt, um milliardenschwere Förderpakete für Datenzentren und große Technologieunternehmen bereitzustellen. Gleichzeitig bezweifelt Webb den tatsächlichen Nutzen dieser Subventionen. Viele Rechenzentren schafften nach ihrer Darstellung nach Abschluss der Bauarbeiten lediglich einige Dutzend dauerhafte Arbeitsplätze, während Steuervergünstigungen und staatliche Zuschüsse in Milliardenhöhe flössen.

Ein Modell für die gesamten USA

Nach Webbs Darstellung blieb dieses Modell nicht auf Columbus beschränkt. Aus der ursprünglichen Columbus Partnership seien weitere regionale Partnerschaften entstanden, die schließlich über JobsOhio miteinander verknüpft wurden. Dadurch sei ein Netzwerk entstanden, das öffentliche Gelder, Wirtschaftsförderung und private Unternehmensinteressen eng miteinander verbinde. Nach ihrer Einschätzung dient dieses Modell inzwischen als Blaupause für den Ausbau der KI-Infrastruktur weit über Ohio hinaus.

Mehr als nur Rechenzentren

Für Whitney Webb geht es letztlich nicht um Server oder künstliche Intelligenz allein.

Sie sieht darin den Aufbau einer neuen Machtstruktur, in der wirtschaftliche Eliten, Technologieunternehmen und staatliche Institutionen immer stärker miteinander verschmelzen. Rechenzentren seien dabei lediglich die sichtbare Infrastruktur einer Entwicklung, deren eigentliches Ziel weit darüber hinausreiche: die schrittweise Verlagerung zentraler staatlicher Funktionen in private Hände und die Entstehung eines neuen, technologiegestützten Machtmodells.

Ob diese Einschätzung zutrifft, ist Gegenstand kontroverser Debatten. Fest steht jedoch: Das Interview zeichnet das Bild eines tiefgreifenden Wandels, bei dem KI, Datenzentren, wirtschaftliche Interessen und staatliche Strukturen nach Ansicht Webbs immer enger miteinander verflochten werden.

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