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Es ist nicht Teheran, nicht Moskau und auch kein erklärter Gegner der Vereinigten Staaten, der dieses vernichtende Urteil fällt. Es kommt ausgerechnet aus einem der einflussreichsten außenpolitischen Magazine der USA – und von einem Mann, der die amerikanische Iran-Politik selbst mitgestaltet hat.
Unter der Überschrift „Maximum Pressure on Iran Will Fail“ veröffentlicht Foreign Affairs eine bemerkenswerte Abrechnung mit Washingtons Iran-Strategie. Der Untertitel ist noch deutlicher: „Trump’s War Has Brought American Strategy to a Dead End“ – Trumps Krieg hat die amerikanische Strategie in eine Sackgasse geführt. Der Beitrag gehört aktuell zu den meistgelesenen Artikeln des Magazins.
Der Autor Nate Swanson ist dabei alles andere als irgendein Kommentator von außen. Er war von 2022 bis 2025 Iran-Direktor im Nationalen Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten und gehörte 2025 dem Iran-Verhandlungsteam der Trump-Regierung an. Heute leitet er das Iran Strategy Project beim Atlantic Council. Wenn ein solcher Insider erklärt, die amerikanische Strategie sei gescheitert, hat das ein anderes Gewicht als die übliche Kritik aus dem gegnerischen Lager.
Swanson lässt bereits bei der Frage, wer diesen Krieg begonnen hat, wenig Raum für Beschönigungen. Er schreibt ausdrücklich, dass Präsident Donald Trump im Februar den Krieg gegen Iran begann. Trump habe damit endgültig erreichen wollen, woran frühere US-Präsidenten gescheitert seien: Iran militärisch zu brechen und einen Regimewechsel herbeizuführen.
Doch sechs Monate später sieht die Bilanz völlig anders aus.
Die Vereinigten Staaten und Israel haben Irans militärische und zivile Infrastruktur schwer beschädigt, Führungspersonal ausgeschaltet und enorme Zerstörungen angerichtet. Tausende Soldaten und Zivilisten seien getötet worden, schreibt Swanson. Doch das zentrale politische Ziel wurde nicht erreicht: Die Islamische Republik kapitulierte nicht. Damit offenbart sich das Grundproblem dieser Politik: Washington setzte erneut darauf, mit militärischer Überlegenheit politische Unterwerfung erzwingen zu können.
Genau das ist nicht geschehen.
Mehr noch: Nach Swansons Analyse könnte Washington mit seinem Angriff genau jene Abschreckungswirkung beschädigt haben, auf der die amerikanische Iran-Politik jahrzehntelang beruhte.
Iran habe aus dem Krieg drei entscheidende Lektionen gezogen.
Erstens habe das Führungssystem gelernt, dass es selbst massive amerikanische und israelische Luftangriffe überstehen kann. Zweitens habe Teheran erkannt, dass Washington offenbar nicht bereit ist, die für einen tatsächlichen Regimewechsel wahrscheinlich notwendige Bodeninvasion zu riskieren. Und drittens habe Iran festgestellt, dass es politisch möglicherweise länger einen Abnutzungskrieg durchhalten kann als die Vereinigten Staaten.
Das ist eine bemerkenswerte Umkehrung.
Washington wollte Iran durch den Krieg demonstrieren, wie verwundbar das Land ist. Stattdessen könnte Washington Teheran demonstriert haben, wo die Grenzen amerikanischer Macht liegen.
Selbst Swanson schreibt, die militärische Drohung der USA sei heute weniger wertvoll als vor Beginn des Krieges. Trumps wiederholte Drohungen hätten Teherans Verhalten seitdem nicht wesentlich verändert.
Weil der militärische Druck keine Kapitulation brachte, versucht Washington nun, Iran wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Trump bezeichnet die neue Kampagne laut Swanson als die „MOST CRUSHING ECONOMIC OPERATION EVER TAKEN AGAINST ANY COUNTRY“. Dazu gehört inzwischen auch die Blockade iranischer Häfen.
Doch hier stößt Washington auf ein Problem, das frühere US-Regierungen in dieser Form nicht hatten: Iran kann zurückschlagen – nicht nur militärisch, sondern gegen die Weltwirtschaft. Die Straße von Hormus ist dabei Teherans stärkster Hebel.
Iran hat gezeigt, dass es den Schiffsverkehr dort massiv beeinträchtigen und zugleich Energieinfrastruktur am Golf angreifen kann. Damit wird aus amerikanischem Wirtschaftsdruck ein Instrument, dessen Kosten nicht mehr nur Iran trägt.
Steigen Öl- und Energiepreise, trifft das Verbraucher und Unternehmen weit über die Region hinaus – einschließlich der Vereinigten Staaten.
Swansons Analyse ist deshalb für Washington besonders unangenehm: Iran habe gelernt, dass es auf amerikanischen Druck mit wirtschaftlichem Gegendruck reagieren kann. Genau deshalb hält er es für äußerst unwahrscheinlich, dass die neue Blockade Teheran zur Kapitulation zwingt.
Der vielleicht härteste Teil des Foreign-Affairs-Beitrags betrifft nicht einmal Trump allein.
Swanson stellt praktisch die gesamte amerikanische Iran-Politik seit 1979 infrage. Washington habe jahrzehntelang auf zwei Instrumente gesetzt: die glaubwürdige Drohung militärischer Gewalt und wirtschaftlichen Zwang durch Sanktionen.
Iran wurde mit Tausenden Sanktionen überzogen. Ölgeschäfte wurden eingeschränkt, Banken isoliert, Investitionen verhindert und internationale Unternehmen unter Druck gesetzt. Die Folgen für die iranische Bevölkerung waren teilweise enorm.
Aber haben diese Maßnahmen ihr eigentliches strategisches Ziel erreicht?
Swansons Antwort fällt ernüchternd aus. Wirtschaftlicher Druck habe Iran zwar schwer getroffen und zeitweise Entscheidungen beeinflusst, die grundlegenden politischen Ziele Washingtons jedoch weitgehend nicht erreicht. Die Islamische Republik wurde weder gestürzt noch dauerhaft zu der von Washington gewünschten politischen Neuorientierung gezwungen.
Besonders brisant ist sein Hinweis, dass die amerikanische Druckpolitik wahrscheinlich sogar das Leid iranischer Zivilisten verschärft habe. Mit anderen Worten: Jahrzehntelang wurden enorme wirtschaftliche Kosten erzeugt – ohne das zentrale politische Problem zu lösen.
Dahinter steckt ein grundsätzlicheres Problem amerikanischer Außenpolitik.
Washington ging lange davon aus, dass es Eskalation kontrollieren könne: Sanktionen verhängen, Militärbasen unterhalten, Regierungen bedrohen, Luftangriffe durchführen und wirtschaftliche Blockaden organisieren – während die Kosten für die eigene Bevölkerung begrenzt bleiben.
Iran hat dieses Kalkül verändert. Mit Raketen, Drohnen und insbesondere der Straße von Hormus besitzt Teheran Möglichkeiten, einen Teil der Kosten unmittelbar an Washingtons Verbündete und an die Weltwirtschaft zurückzugeben. Damit funktioniert die alte Logik nicht mehr.
Je stärker Washington Iran wirtschaftlich stranguliert, desto größer wird für Teheran der Anreiz, seinerseits den wirtschaftlichen Preis für die USA und ihre Verbündeten zu erhöhen.
Das Ergebnis ist keine kontrollierte Eskalation mehr, sondern eine Spirale, in der beide Seiten versuchen, die Schmerzgrenze des anderen zu überschreiten.
Besonders bitter ist die Ironie dieses Krieges. Die Vereinigten Staaten wollten ihre Glaubwürdigkeit wiederherstellen und Iran demonstrieren, dass Widerstand gegen Washington letztlich aussichtslos sei.
Nach Swansons Analyse könnte das Gegenteil geschehen sein.
Iran hat erfahren, dass es massive Angriffe überstehen kann. Iran hat erfahren, dass Washington vor einer Bodeninvasion zurückschreckt. Iran hat erfahren, dass die amerikanische Regierung empfindlich auf steigende Energiepreise und innenpolitischen Widerstand reagiert. Und Iran hat erfahren, dass die Straße von Hormus ein strategischer Hebel ist, mit dem amerikanischer Druck beantwortet werden kann.
Der Krieg sollte Teheran die Grenzen seiner Macht zeigen. Stattdessen hat er möglicherweise Washingtons Grenzen offengelegt.
Genau deshalb ist dieser Foreign-Affairs–Artikel politisch so interessant.
Hier erklärt nicht ein iranischer Regierungsvertreter den amerikanischen Krieg für gescheitert. Es ist ein ehemaliger Iran-Direktor des Nationalen Sicherheitsrats und ehemaliges Mitglied von Trumps eigenem Iran-Verhandlungsteam.
Swanson bezeichnet den Krieg an anderer Stelle sogar ausdrücklich als willkürlich und schreibt, er habe amerikanische und israelische Interessen geschwächt. Die USA hätten keinen klaren Weg zum Sieg.
Seine Schlussfolgerung in Foreign Affairs ist entsprechend drastisch: Die Vereinigten Staaten könnten nach diesem Krieg nicht einfach zum alten Drehbuch zurückkehren.
47 Jahre amerikanischer Druckpolitik hätten letztlich in einem kostspieligen Krieg kulminiert, der vor allem die Grenzen dieser Strategie sichtbar gemacht habe.
Das ist das eigentliche politische Erdbeben hinter diesem Artikel.
Eine Supermacht begann einen Krieg, um ihre Dominanz zu demonstrieren. Sie zerstörte Infrastruktur, verschärfte das wirtschaftliche Leid und setzte erneut auf Sanktionen und Blockaden.
Doch Iran kapitulierte nicht.
Und nun warnt ein Mann aus dem ehemaligen inneren Kreis der amerikanischen Iran-Politik, dass Washington mit diesem Krieg möglicherweise nicht Iran, sondern seine eigene jahrzehntelange Strategie an ihr Ende gebracht hat.