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Explodierende Kosten im Gesundheitswesen und hohe Fehlzeiten von Beschäftigten: Allianz-Chef Oliver Bäte nimmt mit deutlichen Worten das deutsche Gesundheitssystem auseinander
Unter den Dax-Chefs zählt Oliver Bäte zu den lauten und unbequemen Stimmen. Ob Rente, Sozialstaat oder Arbeitsmoral: Der 61-Jährige spart selten mit Kritik an der Politik. Auf einem Medientag in München hat der Chef des Finanzriesen Allianz nun zum Rundumschlag ausgeholt – und dabei vor allem das deutsche Gesundheitssystem kritisiert.
„Es ist lächerlich, wie wir unser Geld im Gesundheitssystem ausgeben“, sagte Bäte. Deutschland gebe inzwischen pro Einwohner mehr Geld für Gesundheit aus als jedes andere Land der Welt, erreiche aber „zunehmend mittelmäßige Ergebnisse“. Die Gesundheitsausgaben hätten sich innerhalb von gut zwei Jahrzehnten auf mehr als 600 Mrd. Euro verdreifacht. Trotzdem steige die Sterblichkeit, während die Wirksamkeit vieler Behandlungen sinke. „Wir haben allein in München mehr MRT-Geräte als Frankreich und Großbritannien zusammen“, so der Allianz-Chef.
Die steigenden Ausgaben belasteten Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen. So zahlten Arbeitgeber die Hälfte der Krankenversicherungsbeiträge ihrer Beschäftigten und litten zusätzlich unter krankheitsbedingten Ausfällen. „Das ist ein Jobkiller“, sagte Bäte. Deutschland habe inzwischen „mit großem Abstand“ die höchste Fehlzeitenquote aller OECD-Staaten. Im Durchschnitt fehlten Beschäftigte fast 20 Tage pro Jahr. In Frankreich seien es rund 14 Tage, in der Schweiz acht bis neun.
Der Allianz-Chef verband seine Kritik mit einem grundsätzlichen Appell für mehr Reformen. Europa lebe zunehmend von der Umverteilung vorhandenen Wohlstands, statt neues Wachstum zu schaffen. „Wir geben Geld für Dinge aus, die wir nicht verdient haben“, sagte Bäte. Gleichzeitig stiegen die Staatsschulden, während notwendige Strukturreformen ausblieben. Europa stelle rund fünf Prozent der Weltbevölkerung, verursache aber fast 30 Prozent der weltweiten Sozialausgaben. „Das Risiko ist, dass Europa als Wirtschaftsmacht zum Auslaufmodell wird.“
Als warnendes Beispiel führte Bäte Italien an. Dort stagniere das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner seit 1994. Statt die Wirtschaftskraft zu stärken, habe die Politik über Jahrzehnte vor allem Wohlstand umverteilt. „Die Italiener werden im Durchschnitt jeden Tag ärmer“, sagte er. Dass sich daran kaum etwas geändert habe, liege aus seiner Sicht nicht an einzelnen Regierungen. „Ob weit links, weit rechts oder nationalistisch – verändert hat sich sehr wenig.“ Europa dürfe diesen Weg nicht einschlagen, sondern müsse wieder stärker auf Wachstum und Strukturreformen setzen.