Luxus-Rasierer: Braun-Designer: „Möglichst viel weglassen, ohne Kompromisse“

Braun bringt mit dem „Nevo“ einen neuen Luxus-Rasierer heraus. Designer Wolfgang Stegmann über das gestalterische Erbe der Marke, glatte Gesichter – und was ein Rasierer alles aushalten muss

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Braun bringt mit dem „Nevo“ einen neuen Luxus-Rasierer heraus. Designer Wolfgang Stegmann über das gestalterische Erbe der Marke, glatte Gesichter – und was ein Rasierer alles aushalten muss

Ausgerechnet an diesem Morgen hat es ihn erwischt: ein kleiner Schnitt beim Rasieren. Nein, nicht mit dem High-End-Elektrorasierer, an dem Wolfgang Stegmann die vergangenen vier Jahre gearbeitet hat, sondern mit einer klassischen Klinge. Seine Mutter war zu Besuch, er war in Eile. Eine Pointe, die man sich kaum hätte ausdenken können, und ausgerechnet an dem Tag, an dem Stegmann, Head Designer bei Braun, und seine Kollegen im ehemaligen „Cocoon Club“ in Frankfurt das neue Luxusmodell, den „Nevo“, vorstellen. 

Was ging heute Morgen im Bad schief?
WOLFGANG STEGMANN: Es war etwas hektisch und ich habe wie in Trance zu einem Nassrasierer gegriffen, was ich als Träger eines anderthalb Tage langen Bartes sonst nie tue. Und dann: zack. Was folgte, war das Schlimmste an einer Nassrasur, gerade nach einem Missgeschick. Dieses Gefühl, wenn man sich eincremt, und das Brennen beginnt.

Ist der Rasurschnitt heute Morgen die beste Werbung für den neuen „Nevo“?
Ja, absolut. Für mich ist das Gerät ein Sorglos-Paket: Man nimmt den Rasierer in die Hand und allein die wertige Haptik des Gehäuses unterstreicht, dass man sich etwas Gutes tut. Danach fühlt sich die Haut an wie frisch gewaschen: gründlich rasiert, aber ohne Reizung.

Braun hat mit dem „Series 9“ bereits das im Portfolio, was Sie selbst den „deutschen Platzhirsch“ nennen. Wie toppt man den eigenen Star?
Das war eine schwierige Aufgabe. Wir haben schon in der Pandemie an unserem Stammsitz in Kronberg damit begonnen, mit allen Designern und Ingenieuren an einem Tisch zu arbeiten. Zudem haben wir viele Konsumenten befragt: „Was gefällt euch, was muss verbessert werden?“. Am Schluss haben wir dann alles neu entwickelt und die Zahl der verbauten Teile reduziert. Das macht den „Nevo“ langlebiger, nachhaltiger und reparierbar, was den Werten entspricht, für die Braun seit der Gründung 1921 steht. „Made in Germany“ ist für uns keine Floskel, sondern eine Verpflichtung.

Warum unbedingt ein Metallkorpus – Kunststoff wäre einfacher und billiger gewesen, oder?
Weil sich jeder Benutzer das wünscht, das fühlt sich ganz anders an. Nur: Bei fast jeder Fertigungstechnologie, die wir ausprobiert haben, wog das Gerät zehn bis 15 Gramm zu viel.

Macht das wirklich einen Unterschied?
Absolut. Die Testpersonen haben den Prototyp in die Hand genommen und sofort gesagt: „Hübsch, aber zu schwer.“

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Mit einem Verfahren namens Hydroforming, das in der Automobilindustrie für Hochleistungs-Fahrwerksteile eingesetzt wird. Dabei wird ein dünnes Metallrohr mit extremem Wasserdruck in Form gebracht. In unserem Fall mit rund 1600 bar. Zur Einordnung: Das Wrack der „Titanic“ liegt in rund 3800 Metern Tiefe, wo ein Druck von knapp 400 bar herrscht. Das „Nevo“-Gehäuse wird also mit etwa dem 4-Fachen verformt.

Wie anstrengend waren diese vier Jahre „Nevo“-Entwicklung?
Das Schwierigste ist immer, nicht immer mehr hinzuzufügen, sondern möglichst viel wegzulassen. Wie bei jeder Kunstform, vermutlich. Ohne Kompromisse bei Leistung oder Komfort zu machen. Uns rauchten die Köpfe, damit der Kunde das Gerät am Schluss mit einem „Ach, wie schön ist das denn?!“ in die Hand nimmt.

Der Trend zum Bart ist ungebrochen. Für wen baut Braun überhaupt noch solche High-End-Rasierer zum Glattziehen?
Richtig, früher haben sich viele Männer deutlich regelmäßiger rasiert als heute. 2026 will die junge Generation alles: heute glatt rasiert, in drei Wochen Vollbart – und jeweils in absoluter Perfektion. Also haben wir unser Bestes versucht, um einen Formel-1-Boliden zu entwickeln, der sich auch ins offene Gelände traut. Im „Nevo“ steckt das innovativste Scherfoliensystem mit einem besonders exakten Kantenschneider.

Die Silhouette des Rasierers hat breite Schultern und eine schmale Taille. Hätte er auch ganz anders aussehen können?
Wir nennen die Form intern auch unseren „Neunelfer“. Beim Porsche 911 ist die Form ja auch nicht willkürlich, sondern folgt der Mechanik. Bei uns sitzt oben ein starker Motor, unten eine schlanke Batterie – daraus ergibt sich automatisch der Korpus. Die Formensprache heißt intern „Fluid Geometry“: sehr grafisch und klar, kombiniert mit einem weichen, natürlichen Griff ohne Gummierung, der sich der Hand anpasst. Dieser Kontrast zwischen Präzision und Weichheit macht das Design für mich so spannend.

Passt das kleine Farbdisplay noch zum Prinzip des legendären Braun-Designers Dieter Rams, der „so wenig Design wie möglich“ predigte?
Ich finde schon. Wenn die Form so schlicht wird, fehlt vielen Menschen etwas, ein optischer „Störer“, und der Minibildschirm ist dieser bewusst gesetzte Kontrast. Außerdem braucht der Benutzer dadurch keine Anleitung zu lesen.

Dieter Rams’ Erbe wird bei Braun oft zitiert. Wie bleibt man diesem Designkanon treu, ohne museal zu wirken?
Unsere Gestaltung war nie retro. Wir nehmen das Gute aus der Vergangenheit und interpretieren es neu. Ja, es gibt wiederkehrende Elemente wie das längliche „Loch“, das sich bei alten Braun-Geräten immer wieder findet. Und genau dort haben wir das eben erwähnte Display integriert. Uns geht es um Kontinuität, nicht um Nostalgie als Selbstzweck.

Wie würden Sie den Designansatz von Braun heute beschreiben?
Wir pflegen das Prinzip, ein „stiller Butler“ zu sein, wie es Artur Braun einmal ausgedrückt hat. Es gibt Luxusprodukte, die ganz bewusst laut sind. Eine goldene Uhr, die jeder sehen soll, beispielsweise. Unsere Philosophie besteht eher darin, Produkte zu schaffen, die dem Konsumenten dienen, ohne sich aufzudrängen. Ja, manchmal wünscht man sich vielleicht mehr Schein und Effekt, aber auf Dauer setzt sich eher verlässliche Qualität durch.

Der Nevo kostet rund 790 bis 870 Euro, je nach Ausstattung. Dieter Rams stand eher für ein erschwingliches, demokratisches Design. Ein Widerspruch?
Das ist eine berechtigte Frage. Aber wenn man an die legendäre „Atelier“-Hifi-Anlage von Braun zurückdenkt, die heute im Museum steht, dann kostete die in den 1980er-Jahren etwa so viel wie ein VW Golf. Somit gehörte ein gewisser Luxusanspruch immer schon zu Braun, wobei wir uns im Portfolio auch in deutlich günstigeren Preissegmenten bewegen.

Was hat Sie bei der Marktforschung am meisten überrascht?
Wir haben unter anderem in Chicago und in Hamburg mit Männern gesprochen und es hat mich erstaunt, wie viel sie inzwischen für Pflegeprodukte ausgeben. Mehr als ich gedacht hätte. Klar, niemand hat endlos Geld, doch für das, was uns wichtig ist, öffnen wir weiterhin das Portemonnaie.

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