Einmal am Tag dürfen Tankstellen die Preise erhöhen, um 12 Uhr. Dadurch ist der Spritpreis besser einzuschätzen. Nun bildet sich eine Front, die Regel abzuschaffen. Ein Fehler.
Vielleicht kennen Sie das: Sie haben die Tankstelle so gerade noch um kurz vor zwölf erreicht, den Zapfhahn in die Hand genommen und werfen einen letzten prüfenden Blick auf die Preisanzeige. Glück gehabt, der Preis ist noch der alte. Vollgetankt, gezahlt und dann mit einem Lächeln beim Ausfahren noch mal auf die große Anzeigetafel geschaut: Und richtig, jetzt kostet der Sprit tatsächlich knapp 20 Cent mehr. Welch Genugtuung!
Ein seltenes Gefühl der Selbstwirksamkeit, das beim Tanken doch ziemlich verloren gegangen ist. Vor allem, weil inzwischen zumindest klar ist, wann der Preis an der Tankstelle eher hoch ist, und wann eher niedrig. Das war bis zum April, als die Regel eingeführt wurde, sehr schwierig. Denn die Tankstellen ließen den ganzen Tag über den Preis rauf- und runtertanzen. Im Schnitt 22-mal, einzelne Tankstellen drehten bis zu 57‑mal am Preis.
Geht es nach dem Verkehrsminister Schleswig-Holsteins, Claus Ruhe Madsen (CDU), soll damit bald Schluss sein. Am Freitag behandelt der Bundesrat den Antrag seines Landes, die 12-Uhr-Regel wieder abzuschaffen. Sein Argument: „Diese Regel hat bislang einfach keinen erkennbaren Entlastungseffekt beim Tanken gezeigt.“ Im Wirtschaftsausschuss des Bundesrates hat der Vorstoß bereits eine Mehrheit hinter sich.
Und auch von anderswo kommt Zustimmung: So fordert der ADAC die Abschaffung der Regel. Tanken sei nicht billiger geworden, dafür die Preisdifferenz an einem Tag nun erheblich größer. „Wer mittags nach zwölf Uhr tanken muss, hat erhebliche Zusatzkosten“, sagt ADAC-Verkehrspräsident Peter König. Bereits im Frühjahr hatte eine Studie von ZEW und Dice ergeben, Benzin sei mit der neuen Regel tendenziell teurer geworden.
Transparenz und 12-Uhr-Regel machen Sprit nicht billiger
Allerdings zeigen ältere Studien, dass bei allen Interventionen von Kartellbehörden und Regierung, den Spritmarkt transparenter zu machen, bislang solche Preiseffekte immer nur von kurzer Dauer waren. Es spricht viel dafür, dass das dieses Mal auch so war: Denn wie die Studienautoren selbst anmerken, waren es zunächst vorwiegend die kleinen Anbieter, die kurz nach der Einführung der neuen Regel im April höhere Preise verlangten.
Deren Verband, der bft, hatte aber schon vorher angemerkt, dass es gerade für die kleinen Wettbewerber viel schwieriger sei, die Wirkung der 12-Uhr-Regel für Preise und Tankverhalten der Autofahrer einzuschätzen, als für die großen Mineralölkonzerne. Diese stellten mit ihren professionellen Abteilungen zentral die Preise bei ihren Partner-Tankstellen ein. Und die Kleinen würden deshalb im Übergang vorsichtiger agieren.
Mittags isst niemand mehr Bockwurst
Für die Tankstellenverbände steht ein ganz anderes Problem im Vordergrund: Sie haben etwas gegen die 12-Uhr-Regel, weil jetzt mittags und nachmittags kaum noch jemand tankt. So entgeht ihnen das gewohnte Zusatzgeschäft mit Bockwurst, Kaffee und Kuchen. Und daran verdienen Tankstellen deutlich mehr als am Benzin.
Und was ist mit den Kunden? Vor der neuen Regel, hatten vor allem die großen Markentankstellen so oft den Preis geändert, dass das auch den kleineren Wettbewerbern zu viel war. Bei den Kunden aber herrschte totale Verwirrung. Es war kaum einzuschätzen, zu welcher Uhrzeit man wirklich günstig tanken konnte.
Damit ist es jetzt vorbei: Seit Einführung der neuen Regel ändert sich der Preis im Schnitt nur noch neunmal am Tag – und das ab 12 Uhr immer nur in eine Richtung. Damit wurde der Preis an der Tankstelle für Autofahrer viel berechenbarer.
So stimmt es zwar, wie der ADAC bemängelt, dass die Preisspanne über den Tag sehr hoch ist. Im Juni zum Beispiel waren es knapp 15 Cent für Super-E10 und sogar mehr als 18 Cent beim Diesel. Aber der Preis kennt dafür nach dem Sprung um 12 Uhr nach oben nur noch eine Richtung – wieder nach unten.
Auch zeigte sich, dass im Schnitt um 17 Uhr die teuerste Phase vorüber ist. Dann liegt der Preis etwa 5 Cent über dem niedrigsten Preis, der dann tags darauf um kurz vor 12 Uhr erreicht wird. Und auch am Morgen können Autofahrer jetzt wieder tanken, ohne fürchten zu müssen, wie früher beim Stopp auf dem Weg ins Büro ausgenommen zu werden.
Die wichtigsten Daten zum Spritpreis kennen nur die Tankstellen
Damit ist zumindest mehr Transparenz erreicht. Ob die Bürger im Endeffekt mehr oder weniger fürs Benzin zahlen, bleibt unklar. Zwar gibt es minutengenaue Aufzeichnungen über die Preise an den Tankstellen. Was aber niemand weiß: Wann denn die Tankstellen nun wieviel Kraftstoff verkaufen.
So mag der Preis zwar aktuell um mehr Cent springen als vor der Neuregelung, wenn dann die Kunden aber mittags praktisch nicht mehr tanken, dafür häufiger am Morgen, dann zahlen sie im Schnitt möglicherweise weniger als bisher. Nur lässt sich das eben nicht exakt nachvollziehen.
Es bleibt abzuwarten, was der Bundesrat am Freitag beschließt, und ob der Bundestag dem dann auch folgt. Die Ironie: Der Bundesrat selbst hatte im November 2025 die Bundesregierung aufgefordert, die 12-Uhr-Regel nach dem Vorbild Österreichs einzuführen. Damals auf Antrag von Baden-Württemberg.
Freitag soll der Tankrabatt beschlossen werden
Der Antrag soll am Freitag zusammen mit dem geplanten Tankrabatt der Bundesregierung verhandelt werden, dem der Bundesrat noch zustimmen muss. Demnach soll bereits ab 1. Oktober die Energiesteuer auf Benzin und Diesel um 14 Cent gesenkt werden. Plus Mehrwertsteuer ergibt sich daraus ein Preisvorteil von 17 Cent für Autofahrer, sofern die Tankstellen die Ermäßigung voll weitergeben.
Auch der Bundestag stimmt am Freitag über den Tankrabatt ab. Ökonomen und Sozialverbände kritisieren am Donnerstag den Rabatt. Verena Bentele vom Sozialverband VdK erklärte, richtig wäre „insbesondere die Menschen zu entlasten, die sehr wenig Geld haben“.
Bei Ökonomen herrscht die Sorge vor, ein Produkt zu subventionieren, das aktuell ohnehin sehr knapp ist. Das führe am Ende zu höherer Nachfrage und damit höheren Preisen. Reint Gropp, Präsident des IWH Halle, kritisierte zudem, dass das Geld nun im Haushalt fehle: „Das würde uns 2,5 Mrd. Euro Spielraum geben, etwas anderes zu machen.“
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