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Ein „Picknick der Wirtschaft“ zum Auftakt: In Ankara wirbt Wirtschaftsministerin Reiche für engere Energiebeziehungen mit der Türkei. Doch beim Thema Gas bremsen politische Realitäten allzu große Erwartungen
Für einen kurzen Moment schweben Weidekörbe und karierte Tischdecken durch den Raum. Katherina Reiche ruft sie gedanklich hervor, denn sie erklärt ihren Zuhörern in Ankara soeben, was für ein besonderer Tag der 18. Juni ist, an dem die Welt den Tag des internationalen Picknicks begeht. Wer noch nicht staunt, bekommt zusätzlich noch den Namen eines berühmten türkischen Rockstars und eines früheren Premiers und Dichters. Beide geboren am 18. Juni. Nun gut, irgendwie müssen Reden anfangen.
Die Wirtschaftsministerin besucht die Türkei, die Welt feiert den internationalen Tag des Picknicks, womöglich zeigen sich hier erste schöne Ergebnisse von Reiches neuem Redenschreiber, der im Zusammenwirken mit einem externen Kommunikationsberater engagiert wurde. Die illustre Abendgesellschaft in der deutschen Botschaft in Ankara weiß nun, was Deutschlands Wirtschaftsministerin unter einem Picknick versteht. Draußen, Familien, Gemeinschaften. Freunde teilen sich Essen, haben Ideen und entwickeln Vertrauen. Das ist natürlich bildlich zu verstehen für diesen Empfang, an dem zwei Dutzend Unternehmer aus Deutschland und der Türkei teilnehmen. Als „Picknick der Wirtschaft“ beschreibt es die Ministerin, „um uns besser kennenzulernen und die Basis für unsere Zusammenarbeit zu entwickeln.“
Für zwei Tage ist Reiche nach Ankara gekommen, drei Minister wird sie treffen, um vor allem über Energiezusammenarbeit zu reden. Dabei hat sie eine Wirtschaftsdelegation, in erster Linie mit Unternehmern aus dem Bereich erneuerbare Energien. So sind mit Nordex und Enercon zwei große deutsche Windradhersteller dabei, an Bord ist aber auch ein Unternehmen wie Siemens Energy, das sowohl Gaskraftwerke als auch Windturbinen baut, und Uniper als großer Gashändler.
Es gibt keinen zwingenden Anlass für ihren Besuch, die interessanteren Themen spielen sich gerade in Brüssel und Berlin ab. Wie wird sich die EU künftig vor der Produktschwemme aus China schützen, wie geht es weiter mit den Reformen in Berlin? In Ankara verhandeln sie Dauerfragen wie die Modernisierung der Zollunion mit der Türkei, die Handelspolitik und die Energiepartnerschaft. Ein Routinetermin. Aber so ein bisschen aufwerten will man die Reise dann doch. Die Türkei positioniere sich „als LNG-Hub“ und stärke damit ihre Rolle als „Energiedrehscheibe zwischen dem Nahen Osten, dem Kaukasus und Europa“, so formuliert es die Ministerin vor dem Abflug in Berlin. Es ist eine Nachricht, die es so ähnlich in Variationen seit einigen Jahren gibt. Schön wäre es, wenn die Türkei Deutschland mit Gas aushelfen könnte und so die Energieversorgung widerstandsfähiger machen würde.
In nächster Zukunft allerdings dürften Gasimporte aus der Türkei in die EU und damit auch Deutschland kaum möglich sein. Denn noch importiert die Türkei selbst Gas und das vor allem aus Russland. Das aber ist tabu für die EU, die ab 2027 den Import russischen Gases gänzlich stoppen will. Denkbar ist zwar eine Zertifizierung zur Herkunft des exportierten Gases, ähnlich wie beim Strom. Doch solange die Türkei das ablehnt, besteht die Gefahr, dass die Gasimporte aus der Türkei ursprünglich aus Russland stammen. Und so wird es wohl auch für Uniper-Chef Michael Lewis, so schnell nichts mit dem Großeinkauf von türkischem Gas. Hinzu kommt, dass die Türkei zwar vor ein paar Jahren riesige Gasvorkommen im Schwarzen Meer entdeckt hat, doch die Förderung deckt bisher gerade mal einen kleinen Teil des eigenen Gasbedarfs.
Bessere Aussichten gibt es bei den erneuerbaren Energien. Bis 2035 will die Türkei über 100 Mrd. Euro ausgeben, um Investitionen in Stromnetze, Speicher und den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie voranzutreiben – und so unabhängiger vom russischen Gas- und Ölimporten zu werden. Das eröffnet Chancen für deutsche Unternehmer wie Nordex, die hier regelmäßig an Ausschreibungen für Windenergie teilnehmen und gewinnen. Für Nordex ist die Türkei bereits heute ein wichtiger Markt, in dem das Unternehmen in erster Linie Rotorblätter für Windräder produziert für den dortigen Markt, aber auch für den Export nach Europa.