Friedrich Merz: Dieses Buch verrät, wohin der Kanzler Deutschland steuern will

Friedrich Merz hat einen Slogan für seine Reformen gefunden: Wohlstand für die Jungen. Dahinter stecken ein Buch, Roland Koch und ein liberaler Ökonom. Was verrät dessen Lektüre?

Friedrich Merz hat einen Slogan für seine Reformen gefunden: Wohlstand für die Jungen. Dahinter stecken ein Buch, Roland Koch und ein liberaler Ökonom. Was verrät dessen Lektüre?

Irgendwann in diesem warmen deutschen Sommer sitzt Friedrich Merz mit seinem alten Freund Roland Koch zusammen. So viel ist sicher. Der ehemalige Ministerpräsident von Hessen und der Kanzler sprechen häufig. Merz schätzt Kochs Rat enorm.

Die Umfragen sind mies, die Stimmung in der Regierung angespannt. Lange hat sich Merz zuvor dagegen gewehrt, ein Werbesprüchlein für seine Politik zu entwickeln. Aber der Kanzler spürt offenbar, dass es nicht mehr anders geht: Er benötigt eine Erzählung für sein Reformwerk. Irgendwann in diesen Tagen, heißt es, erzählt Koch seinem alten Freund offenbar von einem Buch, das gerade in der von ihm geführten Ludwig-Erhard-Stiftung entsteht.

Plötzlich spricht Friedrich Merz von diesem Buch

Ein Sonntag, Ende Juni, einige Zeit nach dem Gespräch der beiden Parteifreunde. Friedrich Merz spricht beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung und erinnert an Ludwig Erhard, den legendären Wirtschaftsminister, und dessen Buch „Wohlstand für alle“. Merz sagt erstmals öffentlich: „Wenn ich noch mal so ein Buch schreiben würde, hätte es den Titel ‚Wohlstand für die Jungen‘.“ Auch bei seiner Ansprache am Abend der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, erklärt Merz vor einem Millionenpublikum: „Wohlstand auch für die junge Generation muss die Fortsetzung des berühmten Buches von Ludwig Erhard heißen.“

So ein Buch gibt es inzwischen tatsächlich. Erschienen ist es am 14. September. Autor ist der Ökonom Stefan Kolev. Kolev, 45, ist wissenschaftlicher Leiter im zur Stiftung gehörenden Ludwig-Erhard-Forum und sitzt im Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums. Sein Buch heißt: „Wohlstand für Junge – wie wir verhindern, dass unsere Kinder das Land verlassen.“ Wie akribisch Merz das Buch inzwischen durchgearbeitet hat, ist nicht überliefert, aber es gefällt dem Kanzler offenbar: Auf einer Veranstaltung kürzlich lobte er das Werk und dessen Autoren namentlich. 

Was also verrät das Buch darüber, wohin der Kanzler mit Deutschland will? 

Bemerkenswert ist die Perspektive, aus der Kolev auf das Land blickt. Der Ökonom ist selbst in Bulgarien geboren, kam mit 18 Jahren nach Deutschland, lehrt heute im sächsischen Zwickau und ist FDP‑Mitglied. Er versucht vielleicht auch deshalb, die deutsche Misere mit dem Auswanderungswunsch junger Menschen zu verbildlichen. 

„Die Auswanderung ist ein schmerzhafter Prozess, es ist unklar, ob Rückwanderung jemals passiert und bei den Verbliebenen erzeugt sie den Eindruck eines ‚Brain drain‘“, schreibt Kolev. Die Zahl der Auswanderer hat sich zwischen 2014 und 2025 nahezu verdoppelt, auf 300.000 Menschen pro Jahr. Kolev zitiert Umfragen, wonach sich 60 Prozent der 18- bis 25‑Jährigen inzwischen eine Zukunft im Ausland vorstellen. Die Hauptgründe sind geringere Steuerlast, die Lebenshaltungskosten und Aufstiegschancen. 56 Prozent der Jungen sehen ihre Interessen unberücksichtigt. Zweifellos: ein Alarmsignal.

Das Buch, das dem Kanzler so gefällt, ist jedoch keine Kahlschlagslektüre eines hoch bezahlten Professors. Kolev will keine politische Revolution, keine Kettensägen-Politik à la Musk und Milei. Er liefert vielmehr die Erzählung für etwas, das ganz im Sinne des Bundeskanzlers sein dürfte: Leistung muss sich wieder (mehr) lohnen in Deutschland.

Die Begründung für das Auswandern ist, aus Kolevs Sicht, schnell erzählt: ein immer schlechteres Preis-Leistungs-Verhältnis des Staates – höhere Steuern und Abgaben, dafür bröckelnde Schulen und Brücken – bei kaum noch spürbarer wirtschaftlicher Dynamik. Eine „verheerende“ Kombination. Das gibt Kolev zu. „Die großen Probleme dieses Standorts liegen auf der Angebotsseite“, schreibt er, ganz der Liberale. Doch der Ökonom möchte sich gerade nicht einreihen in die wachsende Riege der Untergangspropheten, die aus Frust und Langeweile ein Geschäftsmodell gemacht haben.

Und wieder nimmt Kolev insbesondere Migranten ins Visier: Die deutsche Einwanderungsdebatte kritisiert der Ökonom als kalt, technisch und anhand von Empörungsmustern strukturiert. Das Stichwort „Stadtbild“ taucht vor dem inneren Auge genauso auf, wie die langen Zahlenreihen, mit denen Unionspolitiker erklären, wen sie nun doch im Land haben wollen. Offenbar recht erfolglos: Insbesondere Migranten wollen mehr denn je wieder auswandern aus Deutschland. Kolev wirbt daher für Empathie und für einen Mittelweg zwischen kosmopolitischer Haltung und nationaler Orientierung.

Kolev scheint die Kanzlerschaft von Friedrich Merz aufmerksam verfolgt zu haben, auch das, was dem Kanzler bisher abgeht: Seine Sprache klingt oft kalt. Das Wort „Reformen“ hat inzwischen das Zeug zum Unwort des Jahres. 

Der Ökonom versucht sich deshalb daran, eine Perspektive auszubuchstabieren: „Bürger jedweden Alters verstehen folgende Aussage: „Ohne ein gutes Leben für die junge Generation – ‚Wohlstand für Junge‘ – bricht die langfristige Entwicklungsperspektive des Landes in jeder Hinsicht zusammen“, schreibt Kolev. Um das zu verstehen, bedürfe es nicht einmal Empathie, sondern lediglich des Verstandes. 

Der Ökonom erklärt auch, warum ihm diese Erklärung wichtig erscheint: Allein Leidensdruck werde nicht genügen, um Menschen vor der Notwendigkeit von Reformen zu überzeugen. „Schmerzen sind eine notwendige Bedingung für die Einsicht, dass sich etwas ändern muss.“ Doch ohne eine Vision führten sie zu Blockaden, Lähmungserscheinungen, wie sie die schwarz-rote Koalition zuweilen zeigt. 

Nun könnte man fast gelangweilt sein, von dem, was der Ökonom konkret vorschlägt. Gezielte Investitionen in Straßen, Bahn und Brücken, einen Abbau der immensen Steuerbelastung der Mittelschicht, eine Begrenzung der Sozialabgaben, mehr Unternehmergeist, mehr Risikowille am Kapitalmarkt, längeres Arbeiten, deutliche Sparmaßnahmen im Bereich der Subventionen, um den Bundeshaushalt zu entlasten, dazu einen verantwortungsvolleren Umgang mit der Verschuldung. All das klingt bekannt aus den vielen Diskussionsrunden von Union und SPD, wurde längst diskutiert in Fraktionssälen, Koalitionsrunden und am Kabinettstisch von Friedrich Merz.

Fehlt diesem Buch die Fantasie? Der Mut zum Risiko?

Stefan Kolev glaubt an die Chance der politischen Mitte

Etwas anderes steckt dahinter. Das Deutschland, das ihm vorschwebt, schreibt Kolev, sei „kein frommer Wunsch oder gar eine Utopie“. Der Ökonom sieht die Probleme des Landes als lösbar an, ohne diese Republik zuvor mit der Kettensäge zu entzweien. 

All das, was er fordert, schreibt Kolev, sei gänzlich und vollkommen realistisch – selbst, auch das lässt sich herauslesen, mit diesem Kanzler und in Zusammenarbeit der alten politisch-ökonomischen Gegenspieler Union und SPD.

Es gibt einen Mittelweg. Es gibt diese Chance der Mitte. Noch. Daran glaubt Stefan Kolev.

In seiner Lage kann Friedrich Merz solche Zuversicht gut gebrauchen. 

Dieser Artikel ist eine Übernahme des Stern, der wie Capital zu RTL Deutschland gehört. Auf Capital.de wird er sechs Monate hier aufrufbar sein. Danach finden Sie ihn auf www.stern.de.

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