Was als Jugendschutz verkauft wird, entwickelt sich in Australien zu einem Lehrstück darüber, was Alterskontrollen im Internet für Erwachsene bedeuten können. Seit September gelten neue Vorgaben für den Zugang zu R18+-Inhalten und Spielen. Nun zeigt sich bei Steam erstmals sehr konkret: Wer sein Alter nicht auf die verlangte Weise nachweisen kann, bleibt draußen – auch wenn er längst erwachsen ist.
Steam verlangt derzeit für den Zugang zu R18+-Spielen eine australische Kreditkarte. Eine Debitkarte reicht offenbar nicht. Das Problem: Millionen erwachsene Australier besitzen keine Kreditkarte oder wollen diese schlicht nicht mit ihrem Spielekonto verknüpfen. Laut Reclaim The Net berichten sogar Nutzer, dass sie auf bestimmte bereits gekaufte Spiele nicht mehr zugreifen können.
Damit tritt genau das Grundproblem solcher Systeme offen zutage: Um Kinder auszusperren, müssen plötzlich Erwachsene beweisen, dass sie Erwachsene sind.
Doch damit endet die Geschichte nicht. Australiens eSafety Commissioner hält Steams Lösung mit nur einer Prüfmethode für unzureichend und verlangt mehr Auswahlmöglichkeiten. Und genau hier wird es brisant.
Die australische Behörde nennt selbst mögliche Verfahren: Abgleich eines Lichtbildausweises, Gesichtsaltersschätzung, Kreditkartenprüfung, digitale Identitäts-Wallets und KI-basierte Altersbestimmung. Die offiziellen Unterlagen zur Altersprüfung nennen darüber hinaus biometrische Informationen wie Gesicht, Fingerabdruck oder Stimme sowie Verhaltens- und Online-Signale als mögliche Formen der Altersermittlung.
Was zunächst nach einer simplen Frage klingt – „Bist du 18?“ – kann damit technisch zu etwas völlig anderem werden.
Ein Selfie, eine Gesichtsanalyse, die Stimme, ein Ausweisdokument, eine digitale Identität oder sogar das Online-Verhalten können herangezogen werden, um festzustellen, ob ein Mensch alt genug ist, bestimmte Inhalte sehen zu dürfen. Australiens Datenschutzbehörde beschreibt bei sozialen Medien sogar Verfahren, die analysieren können, wem jemand folgt, wie er spricht und wann er Beiträge veröffentlicht.
Die Behörden betonen zwar, dass Datenschutzregeln gelten und möglichst wenige persönliche Informationen erhoben werden sollen. Auch ein staatlicher Ausweis darf nicht überall als einzige Möglichkeit vorgeschrieben werden. Doch genau das ändert nichts am grundsätzlichen Problem: Die Infrastruktur zur Identitäts- und Alterskontrolle breitet sich aus.
Und sie beschränkt sich längst nicht mehr auf Pornoseiten.
Die australischen Regeln erfassen je nach Inhalt und Dienst unter anderem Suchmaschinen, App-Stores, Online-Gaming, soziale Medien und KI-Chatbots. Bei R18+-Online-Spielen muss inzwischen irgendeine Form der Altersprüfung stattfinden.
Vom Jugendschutz zur digitalen Zugangskontrolle
Australien liefert damit ein Beispiel dafür, wie schnell sich die Logik des Internets verändern kann.
Früher konnte ein Erwachsener grundsätzlich auf legale Inhalte zugreifen, ohne zuvor gegenüber einem privaten Unternehmen seine Identität oder sein Alter technisch nachweisen zu müssen. Jetzt entsteht zunehmend das umgekehrte Prinzip:
Erst beweisen, wer beziehungsweise wie alt man ist – dann bekommt man Zugang.
Noch bedeutet das nicht, dass jeder Australier künftig seinen Pass hochladen oder sein Gesicht scannen lassen muss. Das wäre eine Übertreibung. Die Behörden verlangen ausdrücklich alternative Verfahren. Aber genau darin steckt die nächste Entwicklung: Wenn eine einfache Altersangabe nicht mehr genügt und eine Kreditkarte zu viele Erwachsene ausschließt, werden weitere technische Lösungen benötigt. Und auf der offiziellen Liste stehen bereits Gesichtsanalyse, digitale Identitäten, Dokumentenprüfung, KI und Verhaltensanalyse.
Das Steam-Chaos ist deshalb mehr als ein Ärgernis für Gamer. Es zeigt erstmals für Millionen Menschen praktisch, was Altersverifikation bedeutet, wenn sie vom politischen Schlagwort in den Alltag wandert.
Denn eine Infrastruktur, mit der Menschen vor dem Betreten digitaler Räume ihr Alter, ihre Identität oder andere persönliche Merkmale nachweisen müssen, bleibt technisch nicht auf einen einzigen Zweck beschränkt.
Australien zeigt deshalb gerade sehr anschaulich, worüber auch Europa diskutieren sollte, bevor solche Systeme flächendeckend eingeführt werden:
Aus dem freien Zugang zum Internet könnte schrittweise ein Internet werden, in dem der Nutzer zuerst beweisen muss, dass er hinein darf.


