Die US-Armee als Renditequelle – Was der Zustand der Streitkräfte wirklich zeigt | Von Dirk Ellerbrock

Die US-Armee als Renditequelle – Was der Zustand der Streitkräfte wirklich zeigt | Von Dirk Ellerbrock

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Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Wenn amerikanische Kommentatoren derzeit über den Zustand ihres Militärs sprechen, greifen sie fast reflexhaft zur Personalie: ein unfähiger Verteidigungsminister, ein zerstrittenes Führungspersonal, ein Präsident, der Geheimdienstberichte ignoriert, wenn sie seiner Politik widersprechen. Diese Lesart hat den Charme, dass sie einfach ist – und den Nachteil, dass sie das Entscheidende verdeckt. Denn was sich in den vergangenen Monaten im Pentagon abgespielt hat, ist kein Betriebsunfall einzelner Personen, sondern das Zusammenlaufen dreier struktureller Prozesse, die für sich genommen längst bekannt sind, in ihrer Gleichzeitigkeit aber ein Bild ergeben: eine imperiale Kommandostruktur, die sich nicht durch äußere Gegner, sondern durch ihre eigene innere Logik zersetzt. Und diese Zersetzung wird derzeit an einem laufenden Krieg geprüft – mit Ergebnissen, die sie nicht widerlegen, sondern bestätigen.

Der erste Riss verläuft durch die Kontrollarchitektur selbst. Mit dem Rücktritt von Heeresstaatssekretär Dan Driscoll – nach monatelangem Machtkonflikt mit Verteidigungsminister Pete Hegseth – verliert die US-Armee bereits ihren zweiten hochrangigen, vom Senat bestätigten Posten binnen weniger Monate. Zuvor hatte Hegseth im April den Generalstabschef des Heeres, Randy George, entlassen; sein kommissarischer Nachfolger ist bis heute nicht bestätigt. Im August ging dieser Nachfolger, General Christopher LaNeve, noch einen Schritt weiter und ließ eine von Driscoll aufgebaute Drohnen-Erprobungseinheit der Armee in Europa auflösen und in ein reguläres Infanteriebataillon zurückführen – ein Modernisierungsprojekt, das explizit aus den Lehren des ukrainischen Drohnenkriegs schöpfen sollte. Wer im politischen System der USA glaubt, die Bestätigung durch den Senat sei bloße Formalie, übersieht ihre Funktion: Sie ist der letzte Mechanismus, der militärische Führungsposten aus der unmittelbaren Verfügungsgewalt der Exekutive herauslöst und an ein – wenn auch schwaches – parlamentarisches Verfahren bindet. Wo dieser Mechanismus systematisch leerläuft, weil Posten unbesetzt bleiben oder mit nicht bestätigten Platzhaltern gefüllt werden, verschiebt sich Macht nicht zu einzelnen Personen, sondern aus der institutionellen Kontrolle heraus in informelle Loyalitätsnetzwerke. Das ist derselbe Vorgang, der sich, in anderer Verkleidung, in der deutschen Geheimdienstreform beobachten lässt: Kontrollabbau bei gleichzeitiger Kompetenzausweitung der Exekutive. Der Unterschied ist nur die Bühne.

Der zweite Riss liegt in der Ökonomie der Ausrüstung selbst. Das Kampfflugzeug F-35, das teuerste Rüstungsprojekt der Geschichte, erreicht flottenweit eine Einsatzbereitschaft von etwa 50 Prozent – eine Zahl, die bei jedem anderen Industrieprodukt als Totalversagen gälte. Sie ist es nicht, weil sie keine ist: Der Rüstungskonzern Lockheed Martin hat sich über proprietäre Wartungsverträge das exklusive Recht gesichert, den überwiegenden Teil der technischen Instandhaltung selbst durchzuführen – zu Konditionen, die das Militär strukturell von seinem eigenen Ausrüster abhängig machen. Eine niedrige Einsatzbereitschaft bedeutet unter diesen Bedingungen nicht sinkende, sondern gleichbleibend hohe Gewinne, denn bezahlt wird nicht für Betriebsfähigkeit, sondern für Wartungszeit. Das Militär funktioniert hier nicht als Kriegsinstrument, das operative Stärke erzeugen soll, sondern als Extraktionsvehikel, bei dem technische Schwäche und Kapitalrendite in einem positiven, nicht negativen Verhältnis stehen. Wer daran etwas ändern wollte – wie es Generalstabschef George mit seinem Vorstoß gegen das proprietäre Wartungsgeschäft versuchte –, wurde entlassen.

Der dritte Riss schließlich verläuft durch die gesellschaftliche Basis der Streitkraft. Um die vom Kongress auf vier Prozent begrenzte Quote der sogenannten „Kategorie 4“-Rekruten – Personen mit den niedrigsten Ergebnissen im militärischen Eignungstest, deren übermäßiger Einsatz bereits während des Vietnamkriegs zu erheblichen eigenen Verlusten führte – formal einzuhalten, während faktisch elf Prozent der Rekrutierten dieser Kategorie angehören, lässt das Pentagon die Betroffenen den Test schlicht so lange üben, bis sie ihn knapp bestehen und statistisch in die nächsthöhere Kategorie aufsteigen. Das ist keine Randnotiz der Ausbildungsbürokratie, sondern der sichtbarste Beleg einer Rekrutierungskrise, die selbst wiederum Symptom ist: Eine parteiübergreifende Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung lehnt die gegenwärtige Kriegführung ab. Wo die gesellschaftliche Zustimmung zum imperialen Projekt schwindet, schwindet auch dessen personelle Basis – und die Reaktion darauf ist nicht Kurskorrektur, sondern statistische Kosmetik gegenüber dem Kongress.

Drei Risse also, die für sich genommen strukturelle Ursachen benennen – Kontrollabbau, Rentenlogik, Legitimationskrise. Was sie von einer bloßen Mängelliste unterscheidet, zeigt sich erst, wenn man fragt, was passiert, wenn ein derart geschwächtes System auf eine reale Belastungsprobe trifft. Und diese Probe läuft gerade: Die Vereinigten Staaten führen gleichzeitig einen aktiven Krieg gegen den Iran und müssen die Abschreckung gegenüber China aufrechterhalten – zwei Aufgaben, die derselbe, bereits ausgehöhlte Apparat gleichzeitig bewältigen soll. Nach Berichten der Washington Post votierten im August die Befehlshaber der für Europa, den Pazifik und Lateinamerika zuständigen Kommandobereiche sowie der oberste Admiral der Marine formell mit „Nichtzustimmung“, nachdem ihnen Schiffe, Flugzeuge und Ausrüstung zugunsten des Iran-Einsatzes entzogen worden waren – ein Vorgang, den das Pentagon öffentlich bestritten hat, der aber, sollte er zutreffen, zeigt, dass selbst die eigenen Vier-Sterne-Kommandeure die gleichzeitige Beanspruchung für nicht mehr tragbar halten. Parallel dazu hat der Krieg nach Angaben des Thinktanks CSIS bereits rund 65 Prozent der Bestände an Patriot-Abwehrraketen verbraucht – jenem System, das amerikanische Truppen und Verbündete gegen ballistische Angriffe schützt und dessen Nachschub sich nicht in Wochen, sondern über Jahre wieder aufbauen lässt. Was hier für den Iran-Krieg verausgabt wird, fehlt im Ernstfall gegenüber China. Auch die Flotte selbst zeigt Ermüdungserscheinungen: Laut einem Bericht des Chefs der Marineoperationen, Admiral Daryl Caudle, an Hegseth ist nur noch etwa ein Viertel der Zerstörerflotte der Marine einsatzbereit; rund ein Viertel der Reaper-Drohnenflotte des Pentagon gilt bereits als Totalverlust. Wie tief die Erosion inzwischen reicht, zeigt sich schließlich auch an der Informationslage selbst: Ende August veröffentlichte Trump auf Truth Social ein Video, das angeblich einen amerikanischen Angriff auf Irans zentrales Ölterminal Khark zeigte – Reuters wies das Material forensisch als KI-generiert nach, ein US-Beamter bestätigte, dass Khark gar nicht angegriffen worden war. Ein Kriegspräsident, der Angriffe simuliert, die nicht stattgefunden haben, offenbart etwas über den Zustand der militärischen Führung, das keine offizielle Verlautbarung bestreiten kann.

Diese Überdehnung ist kein vierter Riss neben den ersten dreien – sie ist deren Offenlegung unter Druck. Genau weil die Kommandostruktur bereits von parlamentarischer Kontrolle entkoppelt, die Ausrüstung bereits einer Rentenlogik unterworfen und die Rekrutierungsbasis bereits brüchig ist, kann sich der Apparat die gleichzeitige Beanspruchung durch zwei geopolitische Fronten nicht mehr leisten, ohne dass es sichtbar wird. Das amerikanische Militär wird nicht schlecht geführt, weil die falschen Leute an der Spitze stehen. Es funktioniert exakt so, wie es unter den gegebenen Eigentums- und Kontrollverhältnissen funktionieren muss – und der Iran-Krieg ist der Moment, in dem diese Funktionsweise, im offenen Schlagabtausch mit einem Gegner, der zurückschlägt, nicht mehr zu verbergen ist.

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Bildquelle: Pixe1Power / shutterstock

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Quellen

  • NPR: „Army Secretary Dan Driscoll resigns after clashes with Defense Secretary Hegseth“, 01.09.2026
https://www.wamc.org/2026-09-01/army-secretary-dan-driscoll-resigns-after-clashes-with-defense-secretary-hegseth
  • AP (u.a. via CTV News): „Army Secretary Dan Driscoll is stepping down after 18 months on the job, White House says“, 31.08.2026 (zur Auflösung der Drohnen-Erprobungseinheit durch General LaNeve)
https://ctvnews.ca/world/article/army-secretary-dan-driscoll-is-stepping-down-after-18-months-on-the-job-white-house-says
  • Outlook India: „US Army Secretary Dan Driscoll May Step Down By End Of 2026: Report“ (zur unbesetzten Stelle des Generalstabschefs nach Randy Georges Entlassung im April 2026)
https://www.outlookindia.com/international/us-army-secretary-dan-driscoll-may-step-down-by-end-of-2026-report
  • Defense News: „Iran war depleted US Patriot missile stockpiles, creating readiness challenges, experts say“, 30.07.2026 (CSIS-Analyse von Mark Cancian und Chris Park)
https://www.defensenews.com/news/your-military/2026/07/30/iran-war-depleted-us-patriot-missile-stockpiles-creating-readiness-challenges-experts-say/
  • The Philadelphia Inquirer / Washington Post: „Military leaders warn Hegseth against extending Iran war operations“, 30.08.2026
https://www.inquirer.com/news/nation-world/top-military-leaders-warn-hegseth-iran-operations-unsustainable-secretary-defense-orders-book-classified-weapons-deployments-20260830.html
  • Washington Examiner: „Pentagon furious over military recommendation leak regarding Iran war“, 31.08.2026 (Pentagon-Dementi zum WaPo-Bericht)
https://www.washingtonexaminer.com/?p=4706118
  • Israel National News: Bericht zum Caudle-Assessment an Hegseth (Zerstörerflotten-Einsatzbereitschaft, Reaper-Drohnenverluste)
https://www.israelnationalnews.com/news/432444
  • Reuters (Phil Stewart, David Lawder) / Al-Monitor: „Trump posts AI video of Iran’s Kharg in ’smithereens‘, no evidence of attack“, 31.08.2026
https://www.al-monitor.com/originals/2026/08/trump-posts-ai-video-irans-kharg-smithereens-no-evidence-attack

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie“ und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung“. 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift“, das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock

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